Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Nr. 38 1298 — -. -.DIE^ELT Gesellschaft und des jüdischen Volkes, während die nationale Kolonisation die Aufgabe hat, die ökonomische Existenzfrage der jüdischen Arbeitermassen in Palästina zu lösen. Ich zitiere sehr oft eine Definition des'Zionismus, die Herzl gegeben hat. Er sagte einmal in einer ungedruckten Rede: »Der Zionismus ist eine große Arbeitsgelegenheit für das jüdische Volk“. Die Palästina-Arbeit hat die Aufgabe, große Arbeitsgelegenheiten für die jüdischen einwandernden Massen zu schaffen, und von diesem Gesichtspunkt aus behandeln wir die Ergebnisse unserer Siedlungsarbeit, ln einem Punkte kann ich nun mit Herrn Dr. Ruppin nicht übereinstimmen. Uns erscheinen die Einwürfe des Herrn Kann und seiner Freunde nicht so wichtig, wie die grundlegenden Fehler der bisherigen Palästinakolonisation. Der Gegensatz, der die Palästina- Arbeit beherrscht, ist nicht der zwischen rentensuchenden Kaufleuten und solchen Kolonisatoren, die die Rente verschmähen, sondern zwischen Besitzenden und Besitzlosen. Ich wundere mich daher, daß Herr Dr. Ruppin gemeint hat, es besteht nur ein Gegensatz zwischen Alter und Jugend, das ist nicht richtig. Man braucht nicht historischer Materialist zu sein, um zu sehen, daß zwischen den Interessen der Besitzenden, die nach Palästina einwandern und denen der Besitzlosen, der proletarischen Einwanderermassen ein großer Gegensatz besteht Herr Tolkowsky aus Rechoboth hat hier behauptet, die Kolonisten in den bestehenden jüdischen Kolonien seien ein Träger der großen Palästinaarbeit. Das muß ich mit aller Energie bestreiten. Es ist kein Geheimnis mehr, daß wir in Palästina noch nicht den Typus geschaffen haben, der offiziell von dieser Tribüne als das Ziel der zionistischen Kolonisation stets bezeichnet wurde. Es wurde immer behauptet, die Judenfrage werde gelöst sein, wenn der Jude seinen Pflug über den Boden Palästinas führen wird. Der Kolonist, in dessen Namen Herr Tolkowsky offenbar sprechen wollte, ist keineswegs der Typus eines Bauern. Wir haben in Palästina eine mittlere und eine größere Grundbesitzerklasse. Diese Klasse erhält sich, dank der Ausbeutung von Lohnarbeitern, und zwar von nichtjüdischen Lohnarbeitern. Ein solcher Zustand kann nicht als die Lösung der Judenfrage bezeichnet werden. (Beifall.) Denn, wenn auch ganz Palästina privatwirtschaftlich in den Händen von einzelnen Juden ist, aber der Boden nicht Arbeitseigentum der jüdischen Massen sein wird, ist die Judenfrage nicht gelöst (Zehr richtig.) Herr Dr. Ruppin hat in ausgezeichneter Weise gesagt, daß wir uns das sittliche Recht auf Palästina erobern müssen, und zwar durch unsere eigene Arbeit. Aber es handelt sich nicht boß um diesen sittlichen Rechtstitel, sondern um das Grundproblem. Hat die jüdische mittlere und größere Grundbesitzerklasse in Palästina ein ebenbürtiges jüdisches Proletariat in Palästina ins Leben gerufen? Hat sic wenigstens, indem sie die ökonomische Herrschaft erstrebt, den Besitzlosen die Möglichkeit gegeben, sich Arbeit in den Kolonien zu schaffen? Das ist nicht der Fall. Der Klassengegensatz zwischen Grundbesitzer und Proletariat wird vielmehr durch nationale Unterschiede verschärft, und wenn dieser Zustand weiter fortdauert, so gehen wir einer Katastrophe entgegen. Es wird hier sehr oft die Privatinitiative lobend hervorgehoben. Wir sind von dieser Privatinitiative keineswegs begeistert, weil sie ja der» geschilderten Zustand geschaffen hat. Deshalb blicken alle Arbeiter Palästinas und alle Arbeiter, die an die zionistische Lösung der Judenfrage glauben, mit Hoffnung auf diesen Kongreß und auf die nationalen Siedlungsorganisationcn, weil sie glauben, daß die Siedlungsorganisationen imstande sein werden, die Privatinteressen, welche die Privatkapitalisten verfolgen müssen, beiseite zu schieben. Es besteht ein nicht wegzuleugnender Gegensatz zwischen dem Privatinteresse der Besitzenden und den nationalen Interessen der jüdischen Arbeitermassen. Dieser Gegensatz kann nur durch die nationale Kolonisation aus der Welt geschafft werden. Wir haben in Palästina durch den arabischen Arbeiter zu leiden, der auf einem ganz anderen Lebensniveau steht. Unsere Polemik gegen die Grundbesitzer und gegen die bestehende Kolonisation kann mitunter den Anschein erwecken, als würden wir uns gegen die arabische Bevölkerung wenden. Wir wollen aber im Gegenteil absolut nicht, daß das jüdische Kapital von der Ausbeutung arabischer Fellachen lebt und Zersetzung in das arabische Dorf trägt. Wir meinen, die jüdische Kolonisation bedeute einen solchen Nutzen für das Land Palästina, einen solchen ökonomischen Gewinn für die einheimische Bevölkerung, indem die Bodenrente gesteigert wird, Absatzmärkte für die landwirtschaftlichen Produkte der Araber geschaffen werden, neue Kultur und neue Arbeitsmethoden eingeführt werden, daß es nicht notwendig ist, die Sache so hinzustellen, als müßten wir uns bemühen, der arabischen Bevölkerung in Form von Lohnarbeit eine Entschädigung zu gewähren. Sie hat kein Recht, eine Entschädigung zu verlangen. Wenn der jüdische Arbeiter in den jüdischen Kolonien keine Arbeitsgelegenheit findet oder als Landarbeiter nicht existieren kann, so bleibt den Arbeitern Palästinas nichts anders übrig, als zu verlangen, daß man ihnen wenigstens durch Arbeiteransiedlungen neben den Kolonien Existenzmöglichkeit bietet. Aber für mich sind diese Arbeiterdörfer nichts anderes, als ein Palliativmittel, als eine Korrektur zu einem großen Uebel, aber das Ideal nicht, und es kann nicht das Ideal sein, daß wir in Palästina eine große jüdische Bodenbesitzerklasse schaffen, dagegen aber die Bodenbearbeiter, die wirklichen jüdischen Arbeiter, eine kleine Minderheit bilden. (Beifall.) Herr Dr. Bodenheimer wir;d daher begreifen, warum wir mit dieser Erbitterung gegen die sogenannte zeitweise Verwaltung des N. F. ankämpfen. Sie hat eigentlich keinen anderen Zweck, als daß Gelder des jüdischen Volkes, die bestimmt sind, eine jüdische Proletariatskolonisation in Palästina zu ermöglichen, der Privatinitiative zur Verfügung gestellt werden. (Beifall.) Meine Vorredner haben bereits von den einzelnen Aktionen des N. F. gesprochen und den Schaden der Kreditgewährung an die Kolonisten für Häuserbau hervorgehoben- Es kann nicht genug betont werden, welch tiefer Widerspruch es ist, daß Gelder, durch die Boden als unveräußerliches Eigentum des jüdischen Volkes erworben werden soll, dazu verwendet werden, um einzelnen Kolonisten die Möglichkeit zu geben, ihre Wirtschaften zu vergrößern oder Häuser zu bauen. Mit den Geldern des N. F. wird Spekulation getrieben, wird kapitalistische Zersetzung in das arabische Dorf getragen. Das können wir nicht dulden! (Beifall. Rufe: Beweisen Sie das!) Beweise? Wir haben in Palästina so und soviel Dörfer und so und soviel jüdische Grundbesitzer, aber wir haben bloß einige hundert jüdische Arbeiter, während Tausende hinkommen und das Land verlassen müssen. Ich komme nun zu unseren positiven Vorschlägen. Die Aufgabe der nationalen Kolonisation muß es sein, das ursprüngliche Programm zu verwirklichen, den jüdischen Bauer zu schaffen und nicht die Schaffung einer Grundbesitzerklasse oder die Entstehung von Bodenspekulanten zu fördern. Der jüdische Bauer kann nicht aus der jüdischen Mittelklasse, auch nicht aus den besitzenden Juden hervorgehen. Er wird aus den jüdischen Landarbeitern entstehen und nur ein Proletarier, der mehrere Jahre hindurch als Landarbeiter in Palästina gearbeitet hat, wird imstande sein, mit eigener Hand seine Scholle zu parzellieren und zu bearbeiten. Deshalb ist es die wichtigste Aufgabe des N. F., alle Maßnahmen zu unterstützen, die geeignet sind, den jüdischen Arbeiter zu einem guten landwirtschaftlichen Arbeiter zu erziehen. Deshalb sind wir sehr befriedigt, daß Dr. Ruppin mit solcher Entschiedenheit für die Lehrfarmen eingetreten ist. Wir wünschen, daß die Baumspende zu einem wirklichen Pflanzungsfonds erweitert wird, und daß der N. F. die Zahl seiner Betriebe vergrößert, damit die jüdischen Arbeiter sich in großer Zahl qualifizieren können. Wenn wir landwirtschaftlich qualifizierte Arbeiter haben, dann können wir daran gehen, einen wirklichen jüdischen Bauernstand zu schaffen, nur wird der jüdische Bauer nicht unbedingt als Einzelbesitzer entstehen. Schon jetzt sehen wir in Palästina, daß das genossenschaftliche Prinzip an Bedeutung gewinnt. Wir müssen zu Genossenschaften greifen, um den Boden sogar für den Privatbesitz zu erobern. Auf dem Hamburger Kongreß haben wir bereits durchgesetzt, daß die zionistische Organisation die genossenschaftliche Kolonisation in ihr Arbeitsprogramm aufgenommen hat. Bezüglich M^rchawia wird sehr oft davon gesprochen, daß wir die genossenschaftliche Kolonisation nicht so in den Vordergrund stellen dürfen, weil diese Kolonie noch keine Dividende gebracht hat. Ich möchte davor warnen, auf Grund der vergangenen zwei Betriebs- und Wirtschaftsjahre