Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1204 . . ... . blE3§KELT ----— Nr. 38 Amerika verdienen können? Wir müssen gerade durch unsere Organisation der Privatinitiative etwas an die Hand geben, was sie trotz der besseren Verhältnisse in Amerika nach Palästina zieht. Das kann nur von einer Organisation geschehen, nicht nach kaufmännischen Grundsätzen. Heir Kann ruft fortgesetzt: Ich bin nicht gegen die Palästinaarbeit, aber die Arbeit muß ordentlich sein und sie muß vorsichtig sein. Meine Herren! Ich habe gehört, daß ein Dachdecker ruhig seines gefährlichen Amtes waltete; da kam ein Mann von der Straße und rief ihm zu .Vorsicht* und da wurde der Dachdecker irritiert und es wurde erreicht, daß er herunterfiel. So ist es auch, wenn man unsere ganz junge Arbeit fortgesetzt durch Vorsichtsrufe stört. Herr Kann ist in der Bank an seinem Platz, und wenn wir ihn dort nicht hätten, so müßten wir ihn uns erfinden. Aber Sie sollen verstehen, daß man in kaufmännischen Dingen ein sehr guter Kopf sein kann und in weitergehenden Fragen nicht besser urteilen kann, als ein gewöhnlicher Arbeiter in Palästina. Nun will ich noch ein paar Worte über den Ausdruck „kaufmännisch* sagen. Herr Kann hat mit vorgeworfen, ich jongliere mit dem- Worte .kaufmännisch“. Kaufmännisch heiße nur geschäftsmäßig und geschäftsmäßig heiße ordentlich. Aber weshalb nennt man das gerade kaufmännisch: Es muß doch auch der Gelehrte, derTechniker,derVerwaltungsbeamteordentlich arbeiten. Aber indem man das „kaufmännisch* nennt, wird der Eindruckerweckt, als ob ordentlich nur von Kaufleuten gearbeitet werden könnte und das ist es, wogegen ich mich wende. Ich arbeite ordentlich, aber nicht immer kaufmännisch. (Beifall.) Der letzte Vorwurf war der, daß wir in Palästina alles überstürzen. Meine Herren, ich weiß mich von diesem Vorwurf frei. Sie haben alle in meinem Referat gehört, ein wie überzeugter Anhänger der Gründung von Farmen ich bin. Nichtsdestoweniger habe ich in den fünf bis sechs Jahren meiner Tätigkeit nicht eine einzige neue Farm gegründet oder deren Gründung beantragt außer den Farmen, die ich auf dem bereits Vorgefundenen Boden des N. F. gründen mußte. Ich werde mir nie einfallen lassen, solche neue Farmen vorzuschlagen, bis ich aus den vorhandenen Farmen genügende Erfahrungen gezogen habe. Das ist nicht Ueberstürzung, das heißt einfach, daß etwas getan werden muß. Herr Kann findet weiter die Jemeniten-Einwanderung überstürzt. Das kann ich schon gar nicht begreifen. Sämtliche Jemeniten sind untergebracht und haben Arbeit Ich glaube, das ist gar keine kleine Leistung, und wenn Sie wüßten, wie schwer sie gewesen ist, würden Sie wahrscheinlich mehr Respekt haben, und dies nicht als eine überstürzte Handlung hinstellen. (Beifall.) Ich wende mich nun direkt an Herrn Kann. Es tut mir leid, daß die ganze Diskussion einen gewissen persönlichen Ton angenommen hat. Ich hätte auf die Angriffe gewiß nicht reagiert, aber sie betrafen die Palästinaarbeit, die mir teuer ist und die muß ich mit allen Mitteln verteidigen, die mir zu Gebote stehen. Ich bin dabei leider gezwungen, auch die Person des Herrn Kann hie und da anzugreifen, die ich sonst natürlich in jeder Weise hochschätze. Wenn Herr Kann sich zum berufsmäßigen Kritiker der Palästinaarbeit ausbilden will — Kritik ist immer gut —, so muß er sich auch wirklich dafür ausbilden. Er soll einmal auf sechs Monate nach Palästina kommen (Beifall), denn alle die Dinge, von denen er jetzt spricht, hat er nicht gesehen, er hat keine einzige Farm gesehen. Wenn er nach Palästina kommt, dann können wir Tag für Tag an Ort und Stelle alle Dinge besprechen, und ich kann Herrn Kann versichern, daß sein Urteil nach einem sechsmonatigen Aufenthalt in Palästina für mich von größtem Werte sein wird. Aber heute, wo Herr Kann nur vom Haag aus die Dinge theoretisch kennt und sich auf irgendwelche Berichte stützt, die ich nicht kenne, da können Sie es mir nicht übelnehmen, wenn ich vorläufig meinen eigenen Erfahrungen einen größeren Wert beimesse, als der Ansicht des Herrn Kann. (Stürmischer, sich oft erneuernder Beifall.) David Wolffsohn übernimmt den Vorsitz und erteilt Herrn Tolkowsky das Wort. Tolkowsky (Rechoboth): Hoher Kongreß! Ich bin ein palästinensischer Kolonist, der unser Land und alles, was dort geschaffen wird, liebt und mit tiefem Interesse verfolgt. Was dort gut gedeiht, erfreut mich, was nicht gut gedeiht betrübt mich. Es treibt mich dazu, die Gründe dieses Nichtgedeihens zu untersuchen und diejenigen darauf aufmerksam zu machen, die dafür verantwortlich sind. Auch hier will ich an einigen Punkten der Palästinaarbeit eine sachliche Kritik üben und mir wird Herr Dr. R u p p i n nicht den Vorwurf machen, daß ich ein Kaufmann bin und von Palästinaarbeit nichts verstehe. Ich muß der Arbeit unserer Organisation in Palästina, insofen sie die Landwirtschaft betrifft, und den vom Palästinaamte geleiteten Institutionen verschiedene Ausstellungen machen, von denen einige sehr ernster Natur sind. Herr Dr. Ruppin hat soeben betont, daß unsere Organisation auf die Privatinitiative einwirken muß, um sie nach Palästina zu ziehen. Herr Dr. Ruppin hat Recht, aber ich behaupte, daß die P. L. D. C. in ihrem Geschäftsgebaren mitunter eine Handlungsweise annimmt, die nicht einwandfrei ist. Beweis : Einige Antwerpens Zionisten, zu denen ich gehöre, beschlossen im Jahre 1911, ein größeres landwirtschaftliches Unternehmen in Palästina zu gründen, und wir suchten zu diesem Zwecke Boden in Palästina, weshalb ich sogleich nach Palästina gehen sollte. Inzwischen bot uns die P. L. D. C. auf unsere Anfrage Boden in Merchawia an und am 12. Oktober 1911 gingen drei von uns nach Berlin, um von der P. L. D. C. eine Option auf 4500 Dunam von Merchawia zu verlangen. Herr Professor Warburg und Herr Dr. Thon haben uns dies abgeschlagen. Nur unter der Bedingung, daß wir sogleich 1500 Dunam kaufen, wollten Sie uns eine Option auf weitere 1500 —3000 Dunam einräumen. Das war echt kaufmännisch; aber wir wollten anfangs darauf nicht eingehen, weil unsere Absichten für die erste Zeit dahin gingen, Orangenpflanzungen anzulegen, und weil wir erst untersuchen wollten, ob der Boden für diesen Zweck geeignet sei. Darauf versicherten uns die beiden Herren, der Boden von Merchawia eigne sich sehr gut für Orangenpflanzungen, Wasser zur Bewässerung sei vorhanden, die klimatischen Verhältnisse für die Schaffung solcher Pflanzungen seien günstig, ebenso die hygienischen Bedingungen und schließlich sei auch das Trinkwasser gut Auf diese Versicherungen hin haben wir die 1500 Dunam gekauft Nach Abschluß des Kaufvertrages ging es nach Merchawia. Meine Herren! Ich bin Landbauingenieur und Tierzüchter, also ein Fachmann. Ich habe Merchawia sehr eingehend studiert, mich mit anderen Agronomen und Kolonisten beraten und es stand mir das Material derjenigen Ingenieure zur Verfügung, die gerade in der Gegend von Merchawia die Brunnen für die Hedschasbahn gebaut haben. Ich sage Ihnen folgendes : 1. Der Boden von Merchawia mag wohl der beste Boden von ganz Palästina für Getreidebau sein, z. B. für die Zwecke der Siedlungsgenossenschaft, aber für Orangenpflanzungen ist er nicht nur nicht geeignet sondern er ist gerade das Gegenteil von einem Orangenboden; 2. es ist sehr wenig Wasser für Bewässerungszwecke vorhanden und ohne genügend Wasser kann in Palästina eine Orangerie nicht geschaffen werden und nicht bestehen; 3. die Windverhältnisse sind die denkbar schlechtesten für Orangerien; für solche Pflanzungen muß man eine solche Lage wählen, die durch Hügel oder Dünen vor starkem Winde geschützt sind, weil sonst die Früchte von den Bäumen fallen und faulen. Merchawia liegt mitten im Emek Israel: Ein offenes Tal von Nordwest nach Südost also genau in der Richtung des Windes. Es zieht dort wie in einem Rauchfang. Als ich im Dezember 1911 dort war, also zur Zeit wo die Früchte reif sind, da war der Wind so stark, daß die einstöckigen Holzhäuser, in denen wir wohnten, so hin und her geschaukelt wurden, daß wir nicht einschlafen konnten. Was die hygienischen Bedingungen anbelangt, so ist in Merchawia das Fieber endemisch und Typhusfälle sind häufig. Herr Dr. Auerbach in Haifa wird Ihnen das bestätigen können. Gutes Trinkwasser ist auch nicht da. Nun zu den Nationalfondsgütern. Ueber den Heizlwald will ich nicht viel sagen. Die Idee des Herzlwaldes ist mir persönlich sehr lieb. Man hätte sich jedoch nicht auf die Oelbäume beschränken sollen, die wohl als Nebenbeschäftigung io einem landwirtschaftlichen Betrieb, aber nicht als Hauptsache eines Betriebes genügend rentabel sind. Ich betrachte es als einen weisen Beschluß des J. N. F., in Zukunft nicht mehr Oelbäume allein, sondern auch andere Bäume anzupflanzen, d. h. die Oelbaumspende in. eine Baumspende zu verwandeln. Herr Dr. Ruppin hat soeben gesagt