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Die Welt · 1913-09-19 · 38 (19.9.1913) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 38 DIE3§KELT 1288 synthetische Richtung, die Dr. Tschlenow mit den anderen Mitgliedern des E. A. C. vollkommen einigt, betrachtet es seit jeher als einen Fehler, daß sich die verschieden gearteten Strebungen innerhalb unserer Organisation, die sich im Grunde nur in der Betonung des einen oder anderen Punktes voneinander unterscheiden, gegenseitig bekämpften, statt gemeinsam in richtiger Erkenntnis der einander ergänzenden Kräfte ihre Arbeit ungeteilt auf das große Ziel unserer Bewegung zu richten. In Dr. Tschlenovvs Wahl hoffen wir deshalb nicht allein die Bürgschaft für eine Festigung unserer bisherigen Politik, für eine Konzentrierung und Intensivierung verschiedener Teile unseres Arbeitsprogramms, besonders der Palästinaarbeit sehen zu dürfen, sondern wir erblicken in ihr die stärkste Bekundung des aufrichtigen Friedenswillens der Vertreter aller Strömungen im Zionismus, die, wie wir sicher glauben, eben deshalb Dr. Tschlenow so dringend und einhellig zur Annahme der Wahl bestimmt haben, weil sie in seiner Persönlichkeit eine Garantie für die harmonische Zusammenfassung aller der vielfältigen Bestrebungen wie für das Zusammenarbeiten aller Kräfte innerhalb des Zionismus sahen. So hat der XI. Kongreß die wesentlichen Vorbedingungen geschaffen für eine neue Epoche der Stärkung und Ausbreitung unserer Idee und des Wachstums unserer Organisation. Trügt unsere Hoffnung nicht, so wird bis zum XII. Kongreß nicht nur die Ziffer der Schekelzahler eine beträchtliche Steigerung erfahren, sondern auch die Fonds und die Institutionen unserer Bewegung werden den mächtigen Ansporn des Wiener Kongresses in reale Zahlen umsetzen können. Besonders hoffen wir, daß die regelmäßigen Beiträge für den Zentralfonds weit über die im Budget vorgesehene Höhe hinauswachsen werden. Damit wäre der Anfang gemacht zur Verwirklichung der Idee des Zentralfonds: der Zentralfonds würde für die Organisation, für die Politik und für die allgemeinen Aufgaben der Bewegung das werden, was der Nationalfonds für die Palästinaarbeit bereits ist. Mit dem J. N. F., dem Kulturfonds „Ked e m“, dessen Notwendigkeit und dessen Ziele M. Feldstein in seinem ausgezeichneten Kongreßreferat dargelegt hat, wird der Zentralfonds in Zukunft die finanzielle Basis für alle Arbeiten bilden, die von unserer Organisation auf Grund der Kongreßbeschlüsse unternommen werden. Der XI. Kongreß hat aber noch eine Tat aufzuweisen, die wohl selbst den leitenden Männern eine Ueberraschung gewesen ist, die enthusiastische Aufnahme des Gedankens der jüdischen Universität in Jerusalem. Gewiß sind sich die Initiatoren der Idee und der Kongreß selbst darüber klar gewesen — Professor Weizmanns Referat sprach es am Schlüsse ja ganz deutlich aus —, daß es sich einstweilen nur um Vorarbeiten handeln kann, daß ein Projekt von so ungeheurer Tragweite die allergründlichste Vorbereitung in jahrelanger Arbeit erfordert. Aber wenn viele geglaubt hatten, schon allein die Idee, die Einsetzung einer beratenden Kommission werde einem Wall von Widerständen begegnen, so muß dem Kongreß der in dieser Frage bewiesene Weitblick um so mehr als eine seiner verdienstlichsten Taten angerechnet werden. Und die Nachtsitzung des Wiener Kongresses, in der Weizmann sein begeistert aufgenommenes Referat erstattete, und in deren Verlauf dann Ussischkin die Zeichnungen für den Universitätsfonds mitteilen konnte, diese Sitzung wird sicher dereinst von historischer Bedeutung sein. Der XI. Kongreß hat sich aber nicht ausschließlich mit zionistischen und palästinensischen Angelegenheiten befaßt, er ist sich auch seiner allgemeinen jüdischen Pflichten bewußt geblieben. Er hat in einer Resolution nachdrücklich für die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in, den Balkanländern Stellung genommen, und er hat in einer anderen Resolution einen flammenden Protest erhoben gegen jene schmähliche Anklage, die ein russisches Gericht sich nicht geschämt hat gegen die Juden zu erheben. Der Kongreß hat mit Worten heiligster Entrüstung die niederträchtige Verleumdung zurückgewiesen, daß es Juden gäbe, die zu religiösen Zwecken Menschenblut gebrauchten. Auch dieser Akt, die Nachkommen des ältesten noch existierenden Kulturvolks der Erde gegen die perfide Bosheit seiner Feinde zu schützen, war das Recht und die Pflicht der Vertretung der größten jüdischen Organisation unserer Zeit. Ist somit der XI. Kongreß seinen jüdischen und seinen zionistischen Aufgaben durchaus und in jeder Hinsicht gerecht geworden, so hat er schließlich auch jene Aufgabe vollkommen erfüllt, die manche als seinen einzigen Zweck ansahen, während andere wieder befürchteten, sie könnte ihm zum Verhängnis werden: der XI. Kongreß war die großartigste Demonstration des zionistischen Gedankens, die unsere Bewegung in den sechzehn Jahren ihrer Existenz bisher jemals gesehen hat. Es ist hier nicht mehr nötig, alle einzelnen Veranstaltungen besonders aufzuführen, — wer sie miterlebt hat, dem werden sie unvergeßlich sein, und sie dem Fernweilenden in wenigen Zeilen zu schildern, ist unmöglich. Den Vienna-Sportplatz mit den 1500 jüdischen Turnern und Turnerinnen, den über zehntausend Zuschauern auf den Tribünen und den Rasenplätzen, den Hunderten auf den Dächern benachbarter Häuser, dieses grandiose Bild im goldenen Lichte eines herrlichen Sommemachmittags — das muß man gesehen haben, um die Wirkung ahnen zu können. Den schallenden Applaus, den die lebenden Photographien aus Palästina jeden Nachmittag und jeden Abend während fast zwei Wochen weckten, den muß man gehört haben, um zu wissen, daß wir mehr und mehr nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz der Juden für unsere Sache gewinnen. Und der Marsch der Tausende zum Grabe Theodor H e r z 1 s, die feierliche Eröffnung des Kongresses in Gegenwart eines über fünftausendköpfigen Publikums — waren das nicht würdige und imposante Demonstrationen des zionistischen Ideals? Kein ernster Mißklang hat den Verlauf des Kongresses getrübt, und die kleinen unvermeidlichen Mängel beim Arrangement solcher kolossalen Versammlungen sind längst vergessen und geben nur Lehren für die Zukunft. Professor W a r b u r g und David Wo 1 ff - s o h n hoben in ihren Schlußreden mit Recht die freundliche Haltung der Wiener Behörden und die lebhafte Anteilnahme der Wiener Presse hervor, die nicht nur eingehend berichtet, sondern sich mit den Problemen des Kongresses vielfach in besonderen Artikeln beschäftigt hat. So darf man sagen, daß der Wiener Kongreß innerlich und äußerlich eines der für unsere Bewegung bedeutsamsten Ereignisse war. Nun sind aus den Straßen Wiens die sechseckigen, blau-weiß-goldenen Abzeichen verschwunden, und die Delegierten und die Gäste des Zionistenkongresses sind wieder nach der Heimat gereist oder pflegen der Ruhe in einem jener zahlreichen, wundervoll gelegenen Orte der näheren und weiteren Umgebung Wiens. An manchen Orten haben sich kleine Nachkongresse etabliert, die alle einmütig dasselbe konstatieren: daß es trotz aller Quantitätsunterschiede in unseren Anschauungen und aller Temperamentsunterschiede in der Vertretung der Anschauungen nur einen Zionismus gibt 1 Den wollen wir nun propagieren und durch gemeinsame Arbeit stärken, damit es in höherem Sinne zur Wahrheit werde, was hier vor dem Kongreß geschrieben wurde: „Wien ist nicht Zion, aber es ist eine große Station auf der Strecke, die nach Erez Israel führt."

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