Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316610--57976-3376485- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIEfflELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG — ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRQ. BERLIN, 19. September 1913 ltfvfefc T'önn 'X h'hx r Nr. 38. UNSER WIENER KONGRESS Neun Jahre nach Herzls Tode, im siebzehnten der Zionistischen Organisation, hat nun auch Wien neben Basel, London, Haag und Hamburg einen Platz in der Geschichte unserer Kongresse erhalten, und zwar, um es gleich zu sagen, einen Platz von solcher Bedeutung, daß unsere anderen Kongreßstädte — selbstverständlich außer Basel — bei aller gerechten Würdigung des IV., VIII. und IX. Kongresses kaum werden dagegen aufkommen können. Der XI. Kongreß hat uns nicht nur in ein Zentrum größerer jüdischer Massen geführt, er selbst hat auch Juden in einer Anzahl mobil gemacht, die ungeheuer genannt werden muß im Vergleich zu früheren Kongressen. Und nicht allein das: die Zweimillionenstadt Wien, ihre Bevölkerung, ihre Presse, die Wiener Gemeinde, die ja die zweitgrößte Judengemeinde Europas ist, standen tagelang im Zeichen unseres Kongresses, dem auch der greise, allverehrte Herrscher der Donaumonarchie seinen Gruß nicht versagte. So hätte der Wiener Kongreß seine feststehende Bedeutung, auch wenn er nicht mehr geworden wäre, als was viele einzig von ihm erwarteten, nämlich eine großangelegte Demonstration des mächtigen Wachstums unserer Bewegung. Der XI. Kongreß wird aber vom künftigen Historiker des Zionismus keineswegs nur äußerlich gewürdigt werden dürfen. Das Wesentliche und das vor allem Wichtige unserer Wiener Tagung liegt, wie man schon heute sagen kann, auf innerpolitischem Gebiete. Der Kongreß ist tatsächlich das geworden, Was wir ihm hier an dieser Stelle einige Tage vor seinem Beginn als Wunsch und Hoffnung entgegenbrachten, die Fortsetzung des X. Kongresses, dessen grundlegende Beschlüsse er konsequent zur Weiterentwicklung brachte, und dessen Stimmung, um ein Vielfaches verstärkt, den Ton gab für alle seine Entschließungen. Wenn manche Fragen auch vom XI. Kongreß auf dem Wege des Kompromisses entschieden wurden, so sehen wir darin ein Zeichen für die Sehnsucht der überwiegenden Majorität des Kongresses nach gemeinsamer fruchtbringender Arbeit, deren Vorbedingung der innere Frieden ist. Dieser innere Frieden ist nun durch die Wiener Vereinbarungen zur Tatsache geworden, und er muß um so haltbarer erscheinen, als er aus einem scharfen Kampf der Meinungen hervorgegangen und nicht durch Vertuschung oder Ueberkleisterung entstanden ist. Wir sind überzeugt, daß alle unsere Gesinnungsgenossen ihn schließlich von Herzen billigen werden, wenn sich zeigen wird, wie sehr er unsere ganze Arbeit fördert. Um des Fortschritts unserer gemeinsamen Sache willen wird eben jeder unserer Freunde eine ihm vielleicht wertvolle Idee dem großen Ganzen unterordnen oder sogar opfern müssen, und jeder wird es gern tun, wenn er sieht, daß er dem Zionismus damit einen Dienst erweist. Denn über allen auf sie gerichteten Prinzipien und Ideen steht unsere Sache selber — und für sie war der Wiener Kongreß ein Siegesmal und ein Wahrzeichen ganz besonderer Art. Noch nie hatten wir einen Kongreß, der so palästinensisch und so hebräisch war, wie dieser. Nicht der Zahlen seiner palästinensischen Teilnehmer und der hebräisch Sprechenden wegen, die gewiß erfreulich groß waren, sondern weil unsere Arbeit in Palästina in all und jeder Hinsicht im Mittelpunkt des ganzen Kongresses stand. Man darf behaupten, daß auf diesem XI. Kongreß wenig gesagt wurde, was nicht mittelbar oder unmittelbar der zionistischen Arbeit in Palästina gegolten hätte. Die sämtlichen Berichte, die Generaldebatte und alle Spezialdebatten hatten im Grunde nur das eine Thema: wie fördern und mehren wir unsere Positionen in Palästina? Und dem aufmerksamen Beobachter kann es nicht entgangen sein, daß trotz der vielfachen Kritik, die Dr. Ruppins gründliches und gediegenes Referat erfuhr, gegen die Tendenzen der ganzen Arbeit eigentlich von keiner Seite etwas eingewendet wurde. So wären wir denn endlich auf dem Punkte angelangt, wo die prinzipiellen Diskussionen über die Palästinaarbeit aufhören und die ernste, sachliche Kritik der Methoden und der Praxis dieser Arbeit beginnt, wo vor allem auf diese Arbeit selber die Energien unserer Bewegung uneingeschränkt verwendet werden können. Daß der Wille des XI. Kongresses durchaus in dieser Richtung liegt, beweist jeder einzelne seiner Beschlüsse, das beweist das einmütige Vertrauensvotum für das Engere Actions-Comite, das beweist die einstimmige Billigung der Arbeit des Palästina-Amtes, und das beweist nicht zuletzt die Wiederwahl des bisherigen E. A. C. und ganz besonders die Z u w a h 1 Dr. T schlenows, eines der ältesten Verfechter jener realen Politik, die unsere Bewegung jetzt beherrscht, und die ihr Hauptgewicht auf die Stärke unserer Positionen in Palästina legt. Selbstverständlich ist dabei die politische Arbeit als ein gleichwertiger Teil unserer Tätigkeit aufzufassen, da sie die rechtlichen Grundlagen, und in der Folge auch die finanziellen, für eine großzügige Arbeit in Palästina zu schaffen berufen ist. Diese