Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Augabe VI (10.9.1913)
- Date
- 1913-09-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. VI 121 DIE2$EELT Beim großen Sportfest auf der Hohen Warte haben alle die jungen Leute sich zusammengefunden zu gemeinsamer Leistung und was in einzelnen Organisationen, in den verschiedensten Ländern der Welt vorbereitet wurde, das hat sich hier zusammengefügt zu einem einzigen herzerfreuenden Bild: einer Illustration zu dem neu erwachten Willen zum Leben innerhalb der jüdischen Jugend! Was aber in den Beratungen des Jugendvereines über Erziehung der Geistes- und Seelenkultur beschlossen wurde, das wird sich erst in künftigen Jahren äußern können, wenn diese an Disziplin und geschultes Denken gewöhnten Menschen selbst mitarbeiten werden an den größten Aufgaben unserer Organisation! Was auch immer dieser Kongreß in der Entwicklung unser Bewegung bedeuten wird: er wird uns mit Zuversicht erfüllt haben, daß die Arbeit nicht umsonst ist, daß hinter dem alten ein junges Geschlecht steht, das der Mühe und der Freude wert ist! Die Nachtsitzung am Samstag Der Sabbath hatte uns endlich Erholung nach der Aufregung und Arbeit der letzten Tage gebracht. Wer nur irgend konnte, war schon Freitag nachmittags aus der Stadt geflohen, mindestens aber früh am Sonnabend, um Körper und Geist in frischer Luft auszuruhen. Aber nach Sabbathausgang waren sie alle wieder zurückgekehrt; man wäre wohl gern noch ein wenig im Freien geblieben, wenn nicht etwas Größeres und Wichtigeres uns zum Kongreßgebäude zurückgezogen hätte: die Erwartung des Palästina-Referates. Vom Fortschritt unseres eigensten Werkes sollten wir hören, für das wir seit Jahren Kräfte und Gesundheit eingesetzt, Opfer an Zeit und Mitteln gebracht haben. Kurz vor acht Uhr strömten ganze Scharen auf das Musikvereinsgebäude zu, und pünktlich bei Beginn der Sitzung sind die meisten Delegiertenplätze gefüllt; auf den Galerien drängen sich die Zuhörer — viele fremde Gesichter, darunter wahrscheinlich Leute, die es hergezogen hat, weil sie sich mit eigenen Ohren davon überzeugen wollen, was eigentlich „an der Sache dran ist“. Der wunderschöne Verhandlungssaal ist durchflutet von strahlendem Licht, das auf die Hunderte verschiedenen Typen unter den Delegierten niederstrahlt und uns besonders die Gestalten der Männer auf der Tribüne — die Mitglieder des Aktionskomitees, in deren Hände wir unser Werk gelegt haben — markant hervortreten läßt. Deutlicher als je heben sich die durch Jahrhunderte lange Mimikry entstandenen Verschiedenheiten voneinander ab; der russische Dozent mit den kohlschwarzen, glühenden Augen, der gepflegte deutsche Großkaufmann, der nachdenkliche Gelehrte mit dem roten Türkenfez auf dem weißen Haar, der amerikanische Journalist mit dem scharfgeschnittenen undurchdringlichen Gesicht. — Sie hätten keinerlei Aehnlichkeit miteinander, wenn nicht in diesem Augenblick die gleiche Stimmung gehobener Erwartung sie verbände. Wir haben noch ein wenig Zeit, Betrachtungen darüber anzustellen, was für eine gewaltige Idee, was für ein erstrebenswertes Ziel es sein muß, das alle diese Menschen aus den entferntesten Teilen der Welt, aus den verschiedensten sozialen und kulturellen Milieus zur gleichen Stunde, an den gleichen Ort hergezogen hat, sie mit der gleichen Spannung erfüllt. Nach der Einführung durch den Präsidenten betritt Dr. R u p p i n das Rednerpult, und eine Weile lang scheint es, als ob die jubelnde Begeisterung, die den empfängt, der einer unserer Vorkämpfer, einer unserer tatkräftigsten Schaffenden mitten im Lande unserer Zukunft ist, ihn nicht zu Worte kommen lassen wolle. Aber endlich legt sich der Enthusiasmus und der Redner beginnt. Nach wenigen Worten schon haben wir alles, was uns umgibt, vergessen, sind wir mitten drin in der Vorstellung palästinensischer Landschaften und Menschen, fühlen wir uns umweht von dem Hauch erwachenden Lebens, aufquellender Kraft, der aus den Bildern, die der Redner vor uns entrollt, uns entgegenströmt. Es ist mäuschenstill im Zuhörerraum, nur hie und da steht einer auf und tritt ein paar Schritte vor, um noch besser zu hören, und die Kette von Menschen, die sich direkt unterhalb der Tribüne gebildet hat, wird immer dichter; alle hängen mit gespanntester Aufmerksamkeit an den Lippen des Redners. Je mehr wir vom Leben und Schaffen in Erez Israel hören, umso sicherer wird uns die Gewißheit: Ja, wir sind auf dem rechten Wege! noch sind die Anfänge schwach, noch bleibt vieles zu wünschen übrig — aber es geht vorwärts! Immer höher steigt die Stimmung, die meisten Delegierten sind vor Erregung aufgestanden und selbst die Ordner haben ihre Pflichten vergessen und lauschen aufmerksam. — Sie sind ja auch Zionisten, und junge obendrein, und die Scheuklappen der richtigen Beamtenseelen sind unserem temperamentsvollen Volke nun einmal fremd. Einige Male, als der Redner von dem heranwachsenden Geschlecht jüdischer Arbeiter, von dem idealen Wert der Siedler- Erziehung, von unserem moralischen Anspruch auf den selbsterworbenen und selbstbeackerten Boden spricht, unterbricht ihn brausender Beifall. Mag sein, daß Klatschen und Anerkennungsrufe in keinem anderen Volksparlament zu hören sind — aber was für ein Volk, das im gewöhnlichen Tempo sich entwickelt, recht ist, das ist für eines, das jetzt vielleicht die größten Momente seiner Geschichte in der Diaspora erlebt, für ein Volk, in dem auch der Aermste sein Scharflein aut den Altar des neuen Volksgebäudes gelegt hat, noch lange nicht billig. Als der Redner seine hoffnungsfrohen Worte beendet hat, da fühlen wir uns alle emporgetragen zu neuen Höhen, zu neuem Vertrauen auf den Sieg unserer Sache, zu neuer Arbeits¬ und Opferwilligkeit. Die folgende scharfe Kritik der nächsten Redner kann uns nicht entmutigen, wir wissen ja selbst, daß noch vieles besser werden muß, und das gibt uns nur neue Tatenlust, die noch bestärkt wird durch einen, der selbst im Lande unserer Zukunft arbeitet und selbst seine ganze Seele an diese Arbeit hingibt. Spät in der Nacht trennen wir uns — wir merken es jetzt, daß wir mit Hunger und Müdigkeit gekämpft haben — und treten hinaus auf die dunkle Straße vor dem Kongreßgebäude, von dem zwei blau-weiße Fahnen herabwehen und der Welt verkünden, daß da drinnen ein altes Volk Entschlüsse zu einem neuen Leben faßt! H. H. C. Generalversammlung der Bank In der Generalversammlung des J. C. T., in welcher Direktor Dr. Katzeneisohn den Vorsitz führte, polemisierte Herr Böhm gegen die Leitung und beantragte, von der Verteilung einer Dividende abzusehen und den hiefür entfallenden Betrag zur Stärkung der Reserven zu verwenden. Herr Luzian Brunner wandte sich ebenfalls gegen die Leitung. Dr. Schur beantragte, der Leitung das Vertrauen auszusprechen. Herr Horowitz stellte den Antrag auf Erteilung des Mißtrauenvotums und bemängelte es, daß sich die Bankleitung für die Verbreitung der Aktien nicht bemüht habe. Präsident Wolffsohn wies verschiedene gegen den Direktor der A. P. C, Herrn Lewontin, gerichtete Angriffe zurück. Herr Gorodischze verlangte, daß die Bank in ihrer Konstantinopeler Anstalt Zionisten anstelle. Nach mehreren anderen Rednern wurde das Vertrauensvotum für die Leitung der Bank angenommen und die V. erteilung einer Dividende von sieben Pence pro Aktie beschlossen. In das Direktorium wurden der turnusmäßig ausscheidende Herr Dr. Katzeneisohn wieder- und die Herren Fischer (Antwerpen), R o s o w (Petersburg), Simon (Mannheim) und Ussischkin (Odessa) neugewählt.