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Die Welt · 1913-09-10 · Kongreß-Augabe VI (10.9.1913) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
Kongreß-Augabe VI (10.9.1913)
Date
1913-09-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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DIE2§KELT —-- - ■ --- —- vi RUND UM DEN KONGRESS Der Gang zum Herzl-Grab Am Sonntag vormittags hat der Döblinger Friedhof am Türkenschanzpark, der so still und verträumt in der warmen Herbstsonne liegt und dessen Gräber hinabblicken auf das Döblinger Tal und hinüber zu den benachbarten Bergen, ein wunderbar ergreifendes Schauspiel gesehen: Ein endlos langer Zug von Menschen ist an einem schlichten Grab, das auf grauem Stein zwei schwarze Davidsterne trägt, still vorbeigesehritten. Und die Tausende von Menschen, die aus allen Ländern der Welt hergeströmt waren, die waren die Vertreter eines ganzen Volkes, das einem seiner Größten seinen stummen Gruß entbot. Und die Tausende, die da vorbeidefilierten, die hätten sich niemals zusammengefunden, ohne den, der unter dem Stein lag — ohne Theodor Herzl. Zu ihm, der einst selbst zum jüdischen Volke kam und ihm eine neue Botschaft, eine neue Zuversicht brachte, zu ihm ist jetzt der seiner Einheit bewußte Teil des jüdischen Volkes gekommen und hat sich vor dem Geiste des Toten geneigt. Ueber die Döblinger Landstraße, über die herbstlichen Friedhofswege ist der lange feierliche Zug geschritten: Voran die Mitglieder des Aktionskomitees unserer Organisation, der Kantor, der am Grabe das „El mob rachanim“ sang, dann die Studentenverbindungen, die ihren Kranz auf dem Hügel niederlegten, die einzelnen Landsmannschaften und endlich Freunde und Verehrer des Verschiedenen. In tadelloser Ordnung ist der Zug dann aus einem anderen Tore des Friedhofes still wieder hinausgeschritten und hat sich erst draußen auf der großen Wiese zerstreut. Unter denen, die Herzls letzte Ruhestätte grüßten, waren viele, die ihn selbst nie gekannt, die aber einmal einen Hauch seines Geistes verspürt und ihn zum Leitstern ihres Lebens erkoren hatten. Es kamen die Abgesandten der östlichen Goluslande, in denen die fast Verzweifelten wohnen, denen er eine neue Hoffnung gegeben. Die Zerrissenen Westeuropas, denen er den Weg zu innerer Harmonie gewiesen. Siedler aus Palästina, denen er das Ideal eines Vaterlandes geschenkt Es kamen junge Leute, deren leerem Dasein er einen Inhalt verliehen, Knaben, die durch ihn zur Stählung ihrer Kräfte angeregt wurden. Es kamen Verzagte, denen seine Verheißung Mut gegeben, und Stolze, deren Wille zur Macht von der Liebe zum Volke veredelt worden. Es kamen Arme, denen er einmal Gutes getan, Fleißige und Kluge, deren Kräfte er entdeckt, es kamen fast schon Abtrünnige, die er zu ihrem Volke zurückgerufen, und es kamen kleine Kinder, denen von ihren Eltern frühzeitig die Liebe zu dem Toten ins Herz gepflanzt worden ist. Es kamen Leute mit Kaftan und Schläfenlocken, es kamen Gelehrte, Künstler und Kaufleute, es kamen verkümmerte alte Frauen und blühende Mädchen, es kam eine Menschenschar, in der fast alle Sprachen der Welt vertreten waren. Sie gingen vorbei an Herzls Grab, nicht mit dem Schmerz um einen Gestorbenen im Herzen, sondern mit dem Bewußtsein, daß sie einen Unsterblichen grüßten, daß sein noch immer lebendiger Geist sie alle verknüpft, alle Unterschiede überbrückt, alle zu gemeinsamer Arbeit verbündet. Mögen die Berichterstatter und Photographen, die den Zug begleiteten, das weihevolle Schauspiel in Aufsätzen, Photographien und Lichtbildern festhalten; mögen sie diese in die Welt hinaussenden und darüber schreiben: „So ehrt das verlästerte und geschmähte Judenvolk seinen großen Verstorbenen!“ Unsere Jugend Und nun tobt der Meinungskampf! Noch sind unsre Verhandlungen nicht über ihren unerfreulichsten Teil hinausgekommen: die Kritik und die Diskussion von Meinungsverschiedenheiten im eigenen Lager. Wer vergißt, welche große Aufgaben in den nächsten Tagen unserer harren, Zukunfts- und Arbeitspläne, zu deren Verwirklichung sich die verschiedensten Persönlichkeiten, die verschiedensten Gesinnungen brüderlich vereinigen werden, dem könnte ein wenig bange werden, und er könnte sich fragen, ob denn wirklich noch die ungebrochene Kraft, der jubelnde Enthusiasmus früherer Jahre uns beseelt. Ein solcher Ungeduldiger werfe einmal einen Blick auf den erfreulichsten, den hoffnungsvollsten Teil unserer Kongreßbesucher: auf die Jugend — seine Besorgnisse werden verschwinden wie Sommerwölkchen vor der Sonne! Aus allen Teilen der Welt sind sie zusammengeströmt — wer weiß, wieviele Opfer, wieviele Bitten an die Eltern es manche gekostet haben mag! Sie wollen dabei sein, wenn dem Zukunflsgebäude unseres Volkes ein neuer Stein hinzugefügt wird, wollen Anregung und Anleitung erhalten, wie sie selbst an diesem Bau mitarbeiten können. Innerhalb des Kongreßsaales tun sie vorläufig mit Freude Handlangerdienste; die jugendlichen Ordner laufen unermüdlich treppauf treppab, halten die Eingänge frei und beteiligen sich an hundert Arbeiten hinter den Kulissen. Die aber, welche im Verhandlungssaal keine Pflichten haben, stehen da mit gespannten Mienen und verfolgen aufmerksam die Worte der Redner, das An- und Absehwellen der Stimmung, und ihre innere Erregung schwingt zu den älteren hinüber und bringt eine Erhöhung der allgemeinen Spannung. Im übrigen beweisen sie ihre Fähigkeit für künftige politische Mitarbeit, ihr Verständnis für die Wichtigkeit der Debatten, indem sie selbst — schweigen. Aber draußen, außerhalb des Kongreßsaales, machen sie ihren Herzen Luft und diskutieren aufgeregt die erlebten Vorgänge, sprechen zum Teil höchst bestimmte Meinungen aus, denn „schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort“, oder erklären bescheiden (ich habe es mehrmals gehört und habe . mich jedesmal darüber gefreut), daß sie sich über dies oder das noch kein Urteil Zutrauen. Außerhalb des Kongreßsaals zeigt sich auch etwas, auf das zu achten man drinnen keine Zeit hatte: daß nämlich die Hunderte von jugendlichen Menschen, die auf dem Kongreß zusammengeströmt sind, nicht einzelne sind, nicht zufällig Hergewehte, sondern in bestimmten Organisationen mit festen Arbeiten und Zielen eng Verbundene. Zehn deutsche Vereine jüdischer Studenten haben ihre Vertreter geschickt, nahezu fünfzig westösterreichische Korporationen junger Leute sind erschienen, Turnriegen aus Oesterreich, Ungarn, Galizien, Deutschland, aus der Türkei, selbst aus Palästina, schickten ihre Abgesandten. Wanderbünde haben ihre Führer und Führerinnen entsandt und eine junge Mannschaft, die in voller Uniform die Saaleingänge flankiert. Draußen finden sich dann die nach Herkunft oder Zielen Zusammengehörigen zusammen: an einer langen Tafel im Restaurant sitzt eine Schar strammer, junger Leute mit Schmissen im Gesicht und hält nach streng akademische m Komment einen Kneipakt: Studenten aus Deutschland. Aus dem ersten Stockwerk eines Kaffeehauses dringen um die Nachmittagsstunde die Töne der „Hatikwah“ und locken eine Schar von Neugierigen an; droben haben die österreichischen Korporationen soeben ihre Tagung beendet, in der sie beschlossen, den Körper durch Wandern zu stählen und den Geist durch hebräische Studien, dem Quell jüdischer Kultur, zu erschließen. In einer Ecke stehen ein paar junge, frische Mädchen beisammen; Turnerinnen, die über einige Einzelheiten ihrer Fechtaufführung beraten. An einem Landungsplatz des Donauufers eine Anzahl von Studenten, die mit Jubel ihre Kameraden begrüßen, welche im schmalen Vierer von Regensburg hergerudert kamen. Dazwischen Gestalten junger Mädchen, die in ihrer Frische und ihrer jugendlichen Begeisterung den Farben unseres Kongreßsaales helle Lichter aufsetzen. Der große akademische Festakt in der Katharinenhalle bewies, wie gemeinsame Ziele und Hoffnungen die Persönlichkeiten erhöhten.

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