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Die Welt · 1913-09-10 · Kongreß-Augabe VI (10.9.1913) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
Kongreß-Augabe VI (10.9.1913)
Date
1913-09-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. VI ein Bakschisch bekommt man auch in der Türkei Leichen. In vielen Orten ist es schwierig mit der Sektion und der Unterricht an Fantomen ist sehr zweckmäßig. Ich kann Ihnen dies aus meiner Erfahrung bestätigen. Ich will gar behaupten, daß der Feinbau der Organe auf Amulanen besser geschieht als auf Leichen. Ich meine noch, bei der Hystologie braucht man gar keine Leichen, es gibt auch noch eine Methode, bei der man ohne Sektion die Eingeweide herausziehen kann. Und dann wozu sind denn die Tiere da? Und gerade die Errichtung einer medizinischen Hochschule wird es soweit bringen, die Frage zu lösen, um unsere jüdischen Aerzte gut auszubilden. Es kommen noch Leute und wenden mir ein : die Wege in Palästina sind sehr schlecht, da wird man keine interessante Kranke an die Klinik bringen. Man bringt aber keinen Kranken, weil es keine interessanten Kliniken gibt und nicht umgekehrt. (Beifall und Händeklatschen.) Man meint nun, was wird die türkische Regierung sagen? Ich habe darüber noch keine Erfahrung, doch ich habe mit einigen Leuten gesprochen, wie Dr. Jakobson, dem Chachambaschi, Jakob Meir aus Saloniki und diese Leute versicherten mir, wenn wir von einer medizinischen Fakultät sprechen, ist Aussicht vorhanden, daß uns die türkische Regierung entgegenkommen werde. Man fürchtet die Frage der Erhaltungskosten; die Erhaltungskosten — ich sehe von den Einkünften ab — könnten ja durch Stipendien von je 800 Mk. für einen Schüler gesichert werden. Ich bin überzeugt, daß für die Erbauung dieses Werkes von größter Wichtigkeit, das jüdische Volk opferfreudige Mäzene hervorbringen muß. Wir haben gehört, daß schon Anträge gemacht worden sind. 'Ich habe noch eine kleine Mitteilung zu machen. In Kowno ist unlängst Dr. Feinberg gestorben. Er hat eine große wertvolle Bibliothek besessen. Die Erben haben erklärt, daß sie diese Bibliothek der jüdischen Hochschule abgeben werden. (Beifall und Händeklatschen.) Alle Parteien müssen mit uns arbeiten und ich fange mit der Misrachi an. Als gestern von der Taufe die Rede war, haben sie pfui gerufen. Pfui ist agada. Wenn wir 100 Juden vom Schmad abhalten, haben wir erfüllt mekajem näfesch und haben olam habo. Dieser Grund allein muß für den Misrachi maßgebend sein, es sind aber auch noch andere Gründe maßgebend. Da wird die einzige Hochschule sein, die einzige Universität, wo wir den Sabbath und die Feiertage halten können, da wird die erste jüdische Klinik sein, wo alle Patienten koscher werden essen können und hier last not laest werden wir vielleicht feststellen können, was die jüdischen Speisegesetze gelten, was für wissenschaftliche Unterlagen sie haben. Es wird natürlich keine Religionsschule sein, aber doch werden alle Strömungen respektiert werden können. Nun kommen die politischen Zionisten. Ich kann konstatieren, daß ich in London anläßlich (des medizinischen Kongresses an den zionistischen Meetings teilgenommen habe, und dort wurde auch gegen die Universität gesprochen, aber alle waren für die Errichtung einer medizinischen Hochschule. Dagegen können wir gar nichts haben. Aus allen Ländern, Rußland, auch aus Amerika und Afrika, das ich hier auf dem Kongresse vertrete, habe ich Zustimmungen bekommen und wenn wir entscheiden werden, wo das Zentralkomitee die Gelder sammeln wird, werden viele Gelder einlaufen. In London habe ich moralisch6 Erfolge gehabt und ich will verkünden, daß bedeutende Männer Englands, an der Spitze der neue Chiefrabbi Dr. H e r z mir zugesichert hat, alles mögliche für die Sache zu tun. (Beifall.) Ich weiß, daß es auch Gegner gibt, und deshalb trete ich eben hervor. Ich verstehe ihren Standpunkt. Ich bin auch für den Ackerbau, aber wollen denn die Leute uns alle Doktoren wegnehmen? Noch ein Einwand: woher werden wir Lehrer bekommen? Wenn wir nur die jüdischen begabten Kräfte, die aus Europa ausgestoßen sind, hinbringen, haben wir genug Lehrpersonal für Palästina und Jerusalem. Ich will hier nur einige Namen von jüdischen Gelehrten nennen: Lombroso, Schiff, Wassermann, Widal und andere. Mit ihnen habe ich persönlich gesprochen und die Zusicherung bekommen, daß, wenn der Moment kommt, sie uns mit Tat und Kraft bei dieser Sache behilflich sein werden. 115 (Beifall.) Ich meine, daß die Errichtung einer medizinischen . Hochschule in Palästina ein politischer Akt von höchster Wichtigkeit ist und das von dem Hügel Jerusalems herunterblickende Gebäude einer Universität wird auf manchen Großherzog und König mehr wirken, als eine Rede eines guten politischen Zionisten. Ich will eben diese Sache unter die blauweiße Fahne der jüdischen Organisation stellen. Ich weiß, daß es eine pan-jüdische Sache ist, alle Juden müssen oder werden daran teil nehmen. Ich bitte Sie um Ihre Zustimmung, schließen Sie einen Moment die Augen und denken Sie, als ob die Hochschule schon errichtet wäre, daß die blau-weiße Fahne nicht vom Gebäude d.s Musikvereines herunterhängt, und daß ich nicht hier, sondern in der Aula einer jüdischen Universität, spreche, wie schön wäre es. Wenn Sie arbeitslustig und opferfreudigen Willens mitwirken, so wird das jüdische Volk in einigen Jahren in Jerusalem eine freie Hochschule haben und wenn Sie die Weltkulturrolle des jüdischen Volkes fortgepflanzt sehen wollen, wenn Sie für das Aufleben des jüdischen Volkes zum Nutzen seiner Kinder und der gesamten Menschheit sind, so werden Sie mit uns stia men und meinen Antrag annehman. Ich glaube, daß ich das Examen bestanden habe und mache die Broche Schehechjonu, da der verehrte Kongreß die Hochschulfrage aufgeworfen hat, und ich bitte Sie, Amen zu sagen. (Stürmischer Beifall.) Rabbiner Reines (mit stürmischem Beifall begrüßt) Ich will hier bloß eine Frage berühren, und zwar die Frage der gemischten Erziehung von Knaben und Mädchen, die bei uns im Jafiaer Gymnasium zu einer Zeit eingeführt wurde, da sie noch in keiner von den „allerfortschrittlichsten* Erziehungsanstalten Europas Platz gegriffen hat. Wir sollen also doch mindestens nicht den anderen mit solchen „Reformen“ vorangehen. Ich erkläre entschieden, daß mir alles, was in Palästina geschaffen wird und was insbesondere Bezug hat auf das Wiederaufleben unserer heiligen Sprache, teuer ist, und ich würde gewiß ein Freund des Jaffaer Gymnasiums sein, wenn uns nicht dieser peinliche Umstand beunruhigen würde. Die Herren vom Gymnasium beziehen sich manchmal aut die materielle Notwendigkeit. Aber es liegt auf der Hand, daß man in Jaffa bereits das fünfte Parallelgymnasium hätte aufstellen können, wenn nicht dieser Umstand wäre, der auf das Groß der traditionstreuen Juden geradezu abstoßend wirkt. Redner verlangt, daß auch bei der Gründung der Universität Rücksicht auf das orthodoxe Judentum genommen werde. Hermann Struck (mit Beifall begrüßt): Die wenigen Worte, die ich jetzt an Sie richte, spreche ich nicht im Namen der Föderation Misrachi, die ich vertrete, sondern ich möchte sagen, als ein Achad Haam, als ein Mann aus dem Volke der zionistischen Juden. Meine Worte sind keine wohl abgerundete Rede, sondern nur lockere Glossen zur Frage der jüdischen Kultur. Was ein Misrachist unter jüdischer Kultur versteht» brauche ich heute nicht mehr auseinanderzusetzen. In eine knappe Formel gebracht: Misrachi ist Zionismus plus Religion. Hierin liegt unsere Weltanschauung und diese Weltanschauung ist eine feste Brücke vom Osten zum Westen. Sie verbindet mich mit dem ehrwürdigen Rabbi Reines, dessen prophetischer Erscheinung Sie soeben zugejubelt haben. Der Misrachi ist keine Aufsichtsbehörde, sondern ein im Golus und in Palästina arbeitender zionistischer Faktor von größter Bedeutung. (Beifall.) Aber wir dürfen und wollen unsere Augen nicht verschließen, wenn wir sehen, wie die jüdische Kultur verfälscht und verwässert wird, und wir legen unsere Finger in die Wunde, um zu bessern und zu heilen, solange es noch Zeit ist. Aus der Fülle neuerer zionistischer Literatur greife ich ein Sammelbuch heraus, das unter dem Titel „Vom Judentum“ kürzlich erschienen ist. Es trägt auf seinem Titel den stolzen Namen „Bar Kochba“, aber bei manchem Gedanken, der in diesem Buche auf taucht, ist man versucht, zu sprechen: „Bar Kosiba“. Ich will nicht davon sprechen, daß in diesem Buche hie und da ein merkwürdiges Interesse für Jesus von Nazaretii hervortritt, daß sogar ganz eigentümliche Jeschuahlegenden t r- DIE5ZELT

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