Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Augabe VI (10.9.1913)
- Date
- 1913-09-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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116 zählt werden. Das ist schließlich Geschmacksache. Die folgende Stelle aber finde ich doch bedenklich. Der Verfasser des betreffenden Aufsatzes spricht von der Rückkehr zum Judentum und sagt: . , daß mancher Zionist diese Rückkehr dahin auffaßt, daß sie eine solche zum heutigen Judentum bedeutet. Was kann dieses aber dem modernen Juden geben? Er hat sich weit von ihm entfernt. Wie weit, das zeigt beispielsweise sein Verhalten zum Christentum. Die traditionelle jüdische Scheu vor dessen Stifter und seinen Lehren kann er nicht mitmachen. Er sieht vielmehr klar den Fortschritt, den es bedeutete, als das Christentum den Quell der religiösen Sittlichkeit in das Innere der Menschenbrust verlegte.“ Diese Behauptung hat nicht ein Missionär aufgestellt, sondern ein zionistischer Führer. (Rufe: „Wer? Namen nennen!“) Es ist das Mitglied der Großen A. C., Herr Adolf Böhm. (Unruhe.) Vorsitzender Dr. Gaster: Ich muß Herrn Struck erinnern, daß wir hier einen Generalredner zur Frage der Universität in Jerusalem vor uns haben und nicht zur Frage der persönlichen und irreführenden falschen Anschauungen irgend eines Mitgliedes des A. C., von dem wir uns absolut lossagen und dessen Anschauungen wir absolut nicht teilen. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Struck: Ich spreche hier nicht gegen eine Person und habe gegen den betreffenden Herrn persönlich nichts einzuwenden. Ich greife nur einen Fall auf, der symptomatisch ist für eine gewisse Geistesrichtung, An einer anderen Stelle heißt es, „um dahin zu gelangen, mußten sie (die Juden) erst innerlich vollkommen neue Menschen werden, denn als Juden hatten sie infolge der Krisis, in der sie standen, keine Selbstachtung mehr. Das Gefühl für persönliche Würde, das überhaupt nie im Judentum vorhanden war (Pfuirufe), sondern als Erbteil hellenischer Kultur in der Mode zu finden ist, müßte erst in Ihnen Wurzel geschlagen haben.“ Diese Worte schreibt nicht ein Antisemit, sondern ein zionistischer Führer (Rufe: Wer?). Derselbe Verfasser. Nicht Wahrheitsdrang sondern ein trauriger, verächtlicher Golusgeist spricht aus diesen Worten. (Bravo!) Vor unserem Auge steigt das Bild dessen auf, dem wir längst beseitigt glaubten; das Bild des geknechteten Hausierers, der durch die Gasse schleicht und rechts und links vor jedem Fremden Verbeugungen macht. (Lebhafte Zustimmung.) Der Jude, der seinen eigenen Stamm verunglimpft, um das Christentum zu glorifizieren, möge, wenn er einen Backenstreich empfängt, auch die andere Backe zum Schlage Einhalten; dann ■wird ihm vielleicht die Schamröte ins Gesicht steigen. (Beifall) Wir alle aber, die wir uns stolz als Abkömmlinge der alten aristokratischen Rasse fühlen, die wir die uralten Traditionen und das jüdische Gesetz verehren und hochhaltenr wir können unsere Feinde nicht lieben, wir bleiben bei dem alten echt jüdischen Satz : „Weohafto lereacho komaucho!“ Man wird auf dieser schiefen Ebene ein lautes Halt gebieten müssen, mit der düsteren Mahnung „Mene Tekel ufarsin“. Ich fordere von unserer Leitung, daß sie nicht fürderhin durch Empfehlung dieses Buches unseren Gegnern Waffen liefert- (Sehr richtig!) Nun muß ich noch einen wunden Punkt berühren. Der Nationalismus ist bei uns der Wille, wieder ein Volk zu werden. Was soll man aber dazu sagen, wenn solche Nationaljuden Mischehen eingehen. Ich gebe mich der zuversichtlichen Hoffnung hin, daß der Kongreß beschließen wird, schon aus Gründen der Erhaltung unserer Rasse sei das Eingehen von Ehen mit Angehörigen anderer Volksstämme aufs schärfste zu verurteilen. (Stürmischer Beifall und Widerspruch.) Dem Zionisten, der in dieser Weise unser jüdisches Blut verwässert, dem hilft es auch nicht, wenn er den ganzen Tag hebräisch spricht. Wir Misrachisten, die die kulturelle Fraktion des Zionismus darstellen, reden nicht so viel vom Hebraismus. Ich weise aber auf die Tatsache hin, daß unsere zweitägige Misrachikonferenz fast ausschließlich in hebräischer Sprache geführt wurde. (Bravo!) Wir erstreben nicht eine hebräisch sprechende Halbkultur, sondern eine auch hebräisch fühlende Vollkultur. (Beifall.) Uns ist die hebräische Sprache eine heilige Sprache, nicht nur weil in ihr die heiligen Bücher Israels geschrieben sind, sondern Nr. VI weil sie die Nationalsprache unseres Volkes ist Ich sage daher allen denen unter Ihnen, die den Sklavengeist aus sich getilgt haben und wahrhaft stolz den Adel des Judentums fühlen, nicht nur hebräisch sprechen, sondern auch hebräisch handeln! (Beifall.) Hebräisiert eure Zunge, aber zuvor hebräsiert eure Herzen! (Stürmischer Beifall und Hedadrufe.) M. Berlin (Berlin) spricht seine Ansicht gegen das Universität sprojekt aus. Man soll überhaupt nicht an solche luxuriöse Sachen denken, wenn man des trockenen Brotes entbehrt. Eine Stätte für jüdische Wissenschaft könnte uns schon wohl zugute kommen, aber diese kann nicht eine Universität nach dem Gesichtspunkte der modernen Jugend sein. Jüdische Wissenschaft kann unmöglich von der jüdischen Tradition getrennt werden. Wenn aber eine Universität errichtet werden soll, so verlangt Redner durchaus daß keine philosophische Fakultät errichtet werden soll, sondern lediglich eine medizinische, das heißt eine rein praktische. Auch unsere alten Weisen haben die praktischen Fächer den abstrakten vorgezogen. Klausner spricht hebräisch. Präsident Wolffsohn: Heute nachmi'tags um drei Uhr muß die Generalversammlung der Bank stattfinden. Wir können sie unmöglich aufschieben, weil sie dadurch ganz illusorisch werden würde. Vor der Generalversammlung soll Herr Dr. K a t z e n e 1s o h n hier im Kongreß sein Referat über die Bank halten. Mit der Generaldebatte über die Universitäts- und Kulturfragen können wir aber unmöglich bis Mittag fertig werden. Deshalb schlage ich Ihnen vor, damit wir diese wichtige Debatte über Universität und Kultur ordentlich und ruhig abhalten können, sie jetzt zu unterbrechen, Herrn Dr. Katzeneisohn jetzt sein Referat halten zu lassen, um 3 Ubr die Generalversammlung abzuhalten, die hoffentlich kurz sein wird, und unmittelbar nach der Generalversammlung diese Debatte fortzusetzen, so daß wir heute abends diese Debatte erledigt haben und eine Nachtsitzung für den Schluß des Kongresses für Wahlen und Budget abhalten können. Ich mache Sie noch darauf aufmerksam, daß wir den Saal und sämtliche Räume nur bis heute abends gemietet haben. Wir müssen also unbedingt bis heute Nacht mit dem Kongreß zu Ende sein. Der Antrag des Präsidenten wird mit allen Stimmen a ngenommen. Der Präsident Wolffsohn erteilt dann das Wort Herrn Dr. Katzeneisohn zum Bankreferat, dessen Wiedergabe in extenso wir uns für eine spätere Nummer unserer Zeitung Vorbehalten müssen. Der Referent führte unter anderen aus: „Die Jüdische Kolonialbank ist vor 15 Jahren gegründet worden und seit 10 Jahren aktionsfähig. Sie hat ihren Weg nur unter großen Schwierigkeiten machen können, denn sie ist die einzige wirkliche Volksbank der Welt und hat mehr als 150.000 Aktionäre. Ihre Hauptgründung ist die Anglo Palestine Company, die zionistische Palästinabank, die an der gesunden Entwicklung des jüdischen Palästinas den größten Anteil hat und heute einer der größten wirtschaftlichen Machtfaktoren des Landes ist. Außerdem hat sie die Anglo Levantine Banking Co. in Konstantinopel eingerichtet. Die Jüdische Kolonialbank ist das wichtigste Kreditinstitut der zionistischen Institutionen geworden. Die Bank mit ihren Tochterinstituten hat über 10 Millionen Depositen. Das arbeitende Kapital der Bank verzinst sich mit 8T°/0, natürlich leidet die Entwicklung des Mutterinstitutes darunter, daß der weitaus größere Teil ihres Kapitales zur Errichtung der Tochterinstitute gegeben wurde, die seit Jahren 4x/2 dis 43/4°/0 Dividende verteilen. Wenn auch die Fortschritte der Jüdischen Kolonialbank nur langsam vonstatten gehen, so kann man doch eine andauernde Entwicklung nach vorwärts konstatieren. Insbesondere wird die Anglo Palestine Company immer mehr der Träger der wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas und einer der Haupt- D1E3$EELT