Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Ausgabe V (9.9.1913)
- Date
- 1913-09-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. V 95 DIE^ELT auch extensiv, bearbeitet und vorläufig sind die Araber der Zahl nach sechsmal stärker als wir. Wir können die Wirkungen dieses ungünstigen Zahlenverhältnisses nur dadurch wettmachen, daß wir uns vorläufig nicht durch ganz Palästina zerstreuen, sondern uns an einigen Punkten konzentrieren und hier geschlossene Siedlungen bilden. Nur auf diese Weise können wir schon heute in gewissem Umfange das erreichen, was wir erstreben, nämlich ein jüdisches Milieu und einen geschlossenen jüdischen Wirtschaftskreis, in dem Konsument, Zwischenhändler und Produzent sämtlich Juden sind. Unsere Taktik bei der Ansiedlung in Palästina ist dadurch vorgezeichnet. Wir müssen in der Nähe der Städte bleiben, in denen schon jetzt eine zahlreiche jüdische Bevölkerung lebt, und müssen versuchen, durch Gründung von Kolonien bei den Städten oder in der Nähe der Städte den städtischen Juden ein wirtschaftliches Hinterland zu verschaffen. Wir müssen ferner danach streben, daß die Kolonien oder Kolonienkomplexe durch gute Verkehrswege miteinander verbunden sind. Diese Prinzipien haben uns bei allen Landkäufen der letzten Jahre zur Richtschnur gedient. Es ist aber zugleich eine unabweisbare Aufgabe, das Beieinanderwohnen von Juden und Arabern zu einem friedlichen und möglichst freundschaftlichen zu machen. Wir haben hier vieles nachzuholen, was wir bisher versäumt haben, und begangene Fehler wieder gut zu machen. Natürlich ist es vollständig nutzlos, wenn wir uns darauf beschränken, den Arabern zu versichern, daß wir als ihre Freunde ins Land kommen. Wir müssen dies vielmehr durch Taten beweisen. Zwar ist es sicher, dass die jüdische Kolonisation bisher den Arabern schon große materielle Vorteile gebracht hat. Die Juden haben nicht nur den Arabern in der Umgegend der Kolonien Arbeitsverdienst gegeben, sondern durch die jüdische Einwanderung ist auch der Preis des Bodens und der Preis der landwirtschaftlichen Produkte erheblich gestiegen und den Vorteil davon haben die Araber gehabt. Es ist auch nicht gering anzuschlagen, daß die Araber von den Juden in landwirtschaftlicher Beziehung viel gelernt haben und daß ihnen in Krankheitsfällen durch den Arzt und den Apotheker der jüdischen Kolonien Hilfe geleistet wird. Es wird aber in dieser Richtung noch mehr geschehen müssen. Ich habe schon in meinem vorjährigen Berichte zur Jahreskonferenz darauf hingewiesen, daß wir Juden uns durch Bekämpfung der epidemischen Krankheiten in Palästina, insbesondere der fürchterlichen und bei den Arabern ungemein verbreiteten Augenkrankheiten ein großes Verdienst erwerben könnten, und daß die systematische Bekämpfung durchaus im Bereiche unserer Mittel liegt. Inzwischen hat dieser Gedanke durch die Initiative des Herrn Nathan Strauß, in Verbindung mit anderen Gesellschaften, bereits greifbare Gestalt angenommen, und es ist zu hoffen, daß wir uns durch diese Arbeit bei den Arabern Sympathien erwerben werden. Zugleich aber erfordert die Rücksicht auf die Araber, daß wir bei allen Landkäufen mit größtem Takte zu Werke gehen und dabei Härten gegen die Araber vermeiden. Wir haben dies auch schon bisher befolgt, indem wir zum allergrößten Teil nur solchen Boden kauften, der für Getreidebau wenig geeignet und deshalb für die Araber fast wertlos ist. In den wenigen Fällen, wo wir Getreideboden gekauft haben, haben wir dafür gesorgt, daß die bisherigen Besitzer entschädigt wurden und ohne Groll blieben. Wir glauben, daß auch in der Zukunft noch viel Landerwerbungen zu machen sind, ohne daß den Arabern der Boden zu knapp wird, weil sehr viel Boden, der für die Araber ungeeignet ist, für uns als Pflanzungsboden verwendbar ist und weil außerdem auch die Araber ihre landwirtschaftlichen Methoden verbessern und dadurch mit viel weniger Boden auskommen, als bisher, wo bei dem primitiven Fruchtwechsel viel Boden brach liegen mußte. Wenn trotzdem bisher die Beziehungen zwischen Juden und Arabern manches zu wünschen übrig ließen, so ist das nicht zu verwundern. Die neuen jüdischen Einwanderer sind von der arabischen Bevölkerung in Sitten und Gewohnheiten durch eine große Kluft getrennt und beide Teile haben sich bisher wenig Mühe gegeben, sich gegenseitig zu verstehen, eine Erscheinung, die ja allerdings überall zu beobachten ist, wo zwei Bevölkerungselemente von verschiedener Kultur und verschiedene Sprache aufeinander stoßen. Es kommt noch hinzu, daß die große Masse der Araber in ihrer Meinung sehr stark abhängig ist von einer dünnen Oberschicht einflußreicher Familien. Auch die ganze arabische Presse wird von dieser Oberschicht beherrscht, die zum großen Teil der christlichen Religion angehört und mit der christlichen Religion auch eine gewisse gegensätzliche Stellung zu den Juden übernommen hat. Es ist gewiß nicht unmöglich, diese antijüdischen Beeinflußungen zu bekämpfen. Dazu ist nötig, daß wir in der arabischen Presse den falschen Ausstreuungen über die Juden entgegentreten, und daß wir auch durch persönlichen Verkehr mit einflußreichen Arabern ihnen unsere Absichten verständlich machen. Von Wert wird es auch sein, wenn durch die Einführung der arabischen Sprache in unseren höheren Schulen allmählich ein Geschlecht heranwächst, das mehr als die bisherige Generation imstande ist, mit den Arabern in ihrer eigenen Sprache zu reden. Eigentlich müßte ich, um in meinem Referate einigermaßen vollständig zu sein, auch unsere kulturelle Aufgabe in Palästina besprechen. Ich unterlasse es aber, weil ja Herr Ussischkin darüber ein besonderes Referat erstatten wird, und weil er auf diesem Gebiete natürlich hundertmal mehr sachverständig ist wie ich. Was mir auf kulturrellem Gebiete wichtig erscheint, ist, daß die verschiedenen Bestrebungen kultureller Art in Palästina an einer bestimmten Stelle zentralisiert werden, und ich habe die Absicht, hiefür in den Kommissionen besondere Vorschläge zu machen. Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, mit meinen Ausführungen zu zeigen,, daß wir bei unserer Arbeit in Palästina nicht wahllos zu Werke gegangen sind, sondern daß wir dabei ein bestimmtes System verfolgen, und ich hoffe, daß Sie dieses System billigen. Daß die Arbeit in Palästina notwendig ist, darüber herrscht heute wohl nur eine Meinung. Die Wirkungen unserer Palästinaarbeft zeigen sich ja nicht nur in dem, was wir in Palästina geschaffen haben, sie zeigen sich auch in den Ausstrahlungen, welche die Palästinaarbeit in den Ländern des Galuth hervorbringt. Jeder Tourist, der von Palästina zurückkommt und jeder Zeitungsartikel, der von dem jüdischen Palästina erzählt, schafft uns neue Anhänger für unsere Idee. Auch das gute Verhältnis, in dem wir heute zu allen anderen an Palästina interessierten Kolonisationsgesellschaften stehen, ist nur dadurch möglich geworden, daß wir in Palästina praktisch zu arbeiten begannen und von Worten zu Taten übergingen. Ich glaube, daß dieses gute Verhältnis zu allen anderen Gesellschaften auch kein geringer Aktivposten in unserer Arbeit ist. Vieles bleibt uns noch zu tun, um die Palästinaarbeit zu stärken. Die Entwicklung unserer Arbeit in Palästina hängt auf absehbare Zeit durchaus noch von den Fortschritten unserer Bewegung im Galuth ab. Es ist gewiß wahr, daß die Anhänger unserer Bewegung-im Durchschnitt opferfreudiger sind als in irgend einer anderen jüdischen Organisation. Aber wir müssen noch viel opferfreudiger werden. Wir müssen darauf hinarbeiten, daß überall im Galuth lokale Verbände entstehen, welche sich bestimmte Aufgaben wirtschaftlicher oder kultureller Art in Palästina zum Ziele setzen und welche sich nicht scheuen, auch bedeutende materielle Opfer für diese Zwecke zu bringen. Der Zionismus darf für jeden Zionisten nicht nur eine Parteisache, sondern er muß ein Teil seines Lebensinhaltes bilden. Wer nicht imstande ist, nach Palästina überzusiedeln,