Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-09-09 · Kongreß-Ausgabe V (9.9.1913) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
Kongreß-Ausgabe V (9.9.1913)
Date
1913-09-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316577--57941-3376448
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

94 Nr. V D1ESELT stärkeres Einströmen der Juden in das Baugewerbe erfolgte und die Herstellung von Baumaterialien durch Juden in die Hand genommen wurde. Was daneben noch von Industrie bei Juden existiert, ist — abgesehen von der Weinfabrikation — nicht bedeutend und beschränkt sich auf wenige Unternehmungen zur Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte für inländischen Bedarf, wie Mühlen, Oelfabriken und Gerbereien, oder zur Wasserbeschaffung für landwirtschaftliche Zwecke, wie die Bewässerungsgesellschaft Palästina oder einige mechanische Werkstätten. Es ist aber nicht richtig, daß der geringe Erfolg in der Einführung von Industrie in mangelnden Bemühungen seine Ursache hat. Wir haben alles, was in unseren Kräften stand, getan, um für einige Verkehrsunternehmungen, die uns aussichtsreich schienen, ins Leben zu rufen, aber alle Verhandlungen sind schließlich an der Passivität der Behörden oder an der Aufstellung unannehmbarer Bedingungen oder an illoyaler Konkurrenz von anderer Seite gescheitert. Dies zu ändern, stand nicht in unserer Macht. In der Landwirtschaft, wo wir Menschen heranbilden wollen, müssen wir in gewissem Umfange auch unrentable Unternehmungen beginnen. Wo aber dieser Zweck wegfällt und wo nicht besondere andere nationale Motive mitsprechen, können wir selbstverständlich nur an Unternehmungen herantreten, die sich bezahlt zu machen versprechen. Und da entsprechende Bedingungen nicht zu erlangen waren, mußten wir untätig bleiben. Nun gibt es außer den konzessionspflichtigen Verkehrsunternehmungen auch konzessionsfreie industrielle Unternehmungen. Aber alle diese Unternehmungen haben natürlich — mit einigen gleich zu besprechenden Ausnahmen — mit der europäischen Konkurrenz zu rechnen. Palästina selbst hat bei der Bedürfnislosigkeit seiner arabischen Bevölkerung einen geringen Inlandsverbrauch; eine große Industrie kann also nicht allein auf dem palästinensischen Konsum fußen, sondern muß die europäische Konkurrenz auch auf dem außerpalästinensischen Markte aushalten können. Es ist vielfach die Ansicht verbreitet, Palästina könne diese Konkurrenz deshalb ertragen, weil der Arbeitslohn sehr niedrig sei. Das ist aber durchaus nicht richtig. Die Lebenshaltung in Palästina ist im Durchschnitt kaum billiger als in einer europäischen Kleinstadt und deshalb ist der Arbeitslohn, auch absolut genommen, gar nicht so sehr niedrig. Im Verhältnis zu anderen orientalischen Ländern, wo schlecht bezahlte Kinderarbeit eine große Rolle spielt, ist der Lohn sogar recht hoch. So arbeiten zum Beispiel in Damascus und Urfa Kinder und Frauen zu wahren Hungerlöhnen, 1—3 Francs wöchentlich. Noch ungünstiger wird das Verhältnis aber dadurch, daß die Arbeit wenig produktiv ist. Der palästinensische Industriearbeiter hält mit dem geschulten europäischen Industriearbeiter keinen Vergleich aus. Auf die Niedrigkeit des Arbeitslohnes allein läßt sich also eine Industrie nicht gründen, es müssen mindestens noch andere Vorteile hinzukommen, wie zum Beispiel Nähe oder Billigkeit der Rohmaterialien, Schwierigkeit des Imports der Waren aus anderen Ländern infolge großen Volumens, Zerbrechlichkeit oder geringe Haltbarkeit des Produktes oder endlich Affektionswert der Waren wegen ihrer palästinensischen Provenienz oder ihres eigenartigen Stils. Wo diese natürlichen Vorteile nicht hinzukommen, wird bei dem geringen Einfuhrzölle von 11 o/o sogar in Palästina und der Türkei selbst, ganz abgesehen von anderen Ländern, das Ausland die meisten Industrieprodukte billiger nach Palästina importieren als sie in Palästina selbst hergestellt werden könnten. Erstens hat das Ausland die wichtigsten aller industriellen Hilfsstoffe, Eisen und Kohle, während sie in Palästina fehlen. Sodann sind die Vorteile, die ein industriell entwickeltes Land infolge guter Verkehrsmittel und des Vorhandenseins eines großen Reservoirs von geschulten Arbeitern und Technikern hat, sehr groß und wiegen die 11% Einfuhrzoll in den meisten Fällen auf. Ich kann mich deshalb zu meinem großen Leidwesen denjenigen nicht anschließen, welche große industrielle Möglichkeiten in Palästina sehen und darauf die Hoffnung setzen, daß eine Massenemigration nach Palästina in absehbarer Zeit möglich ist. Im Laufe der letzten fünf bis sechs Jahre sind viele industrielle Projekte erwogen worden. Manche erschienen beim ersten Ansehen sogar sehr verlockend. Aber bei genauer Prüfung haben die Projekte regelmäßig sich als unausführbar oder wenigstens als außerordentlich riskant erwiesen. Das schließt natürlich nicht aus, daß doch noch der eine oder andere Fabrikationszweig sich als rentabel herausstellen wird. Selbstverständlich müssen alle Anregungen sorgfältig geprüft werden. Ich fürchte nicht den Vorwurf, daß wir zu viel tun; aber der Vorwurf, daß wir zu wenig tun und Gelegenheiten verpassen, würde mich, wenn er berechtigt ist, tief treffen. Viel aussichtsreicher als eigentliche industrielle Unternehmungen erscheint die sogenannte Fremden in dustrie, von der ja ein Land, wie die Schweiz, so ungeheure Einnahmen zieht. Wie Aegypten in den letzten 20 Jahren ein Reiseziel ersten Ranges geworden ist, so könnte wahrscheinlich auch Palästina, das ja an landschaftlichen Reizen nicht arm ist und an geschichtlichen Erinnerungsstätten überhaupt kaum von einem anderen Lande übertroffen wird, große Scharen von Reisenden heranziehen und insbesonders die Juden, die unter dem internationalen Reisepublikum einen so großen Prozentsatz bilden, würden doch wohl für Palästina zu interessieren sein. Es wird nur noch wenige Jahre dauern, bis Palästina von Europa aus sogar auf dem Bahnwege erreicht werden kann und hierdurch, wie durch den bevorstehenden Bau von Häfen in Jaffa und Haifa, durch die jetzt im Bau befindliche Bahnstrecke Haifa—Jerusalem werden sich die Verkehrsverhältnisse so verbessern, daß eine Reise nach und in Palästina nicht beschwerlicher ist als eine Reise nach Aegypten. Wir wenden dieser Frage unsere besondere Aufmerksamkeit zu und haben durch Herausgabe eines Reiseführers und durch Gründung eines Reisebureaus den jüdischen Reiseverkehr zu fördern gesucht. Weitere Projekte wegen des Baues von modernen Hotels und Bade-Etablissements am Meere sind in Vorbereitung. Außer aus dieser Fremdenindustrie wird Palästina vielleicht auch aus seinem Schulwesen mit der Zeit wirtschaftliche Vorteile erzielen können. Schon heute bringt das hebräische Gymnasium in Jaffa durch die ihm von auswärts zugesandten Schüler fast Frs. 250.000 Pensionsgelder unter die jüdische Bevölkerung von Jaffa. Mit der weiteren Ausgestaltung des Schulwesens und mit der Eröffnung des Technikums wird die Zahl der Eltern, die ihre Kinder nach Palästina entsenden, hoffentlich eine größere werden, und ich halte es für keine zu kühne Phantasie, wenn ich glaube, daß Jaffa, Haifa und Jerusalem mit der Zeit ein jüdisches Lausanne werden können. Aber all diese Aussichten bewirken natürlich noch keine rapide Volksvermehrung. Wir werden uns mit der Tatsache abfinden müssen, daß die Juden in Palästina, die heute hunderttausend Seelen unter einer Gesamtbevölkerung von 700.000 zählen, mindestens noch einige Jahrzehnte nötig haben werden, bis sie in Palästina die Mehrheit der Bevölkerung bilden, trotzdem ihre natürliche Vermehrung etwas größer zu sein scheint als die Vermehrung der nichtjüdischen Bevölkerung. Im Anfänge der zionistischen Bewegung war vielfach die Ansicht verbreitet, Palästina sei ein leeres Land und vielleicht ist unsere ganze frühere Taktik in hohem Maße von dieser irrigen Auffassung bestimmt worden. Wir haben inzwischen gründlich umlernen müssen. Palästina ist zwar mit seinen 23 Einwohnern auf den Quadratkilometer ein dünn bevölkertes Land und könnte sicherlich bei entwickelter Wirtschaft das Vielfache seiner jetzigen Bevölkerung ernähren. Aber vorläufig ist jeder fußbreit brauchbarer Boden dort in Privatbesitz und, wenn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.