Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Ausgabe V (9.9.1913)
- Date
- 1913-09-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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92 Nr. V DIE2$KELT Jehuda, Kafr Saba und Chedera sind die Früchte dieser gemeinsamen Tätigkeit. Aber diese Arbeitersiedlungen können nur in oder neben einer größeren Pflanzungskolonie bestehen, wo die Arbeiter Arbeit finden, und ihre Vermehrung ist deshalb immer von der Vermehrung der Pflanzungskolonien abhängig. Die unerwartet schnelle Verbreitung des Achooza-Gedankens eröffnet hier günstige Perspektiven. Neben der Ansiedlung von Arbeitern als Häusler wäre cs für unsere Koionisationsarbeit sehr wünschenswert, Arbeiter auch auf der Basis des Körnerbaues zu Bauern zu machen, weil wir hierdurch in den Stand gesetzt wären, größere Terrains schnell unter den Pflug zu nehmen. Aber so wünschenswert diese Art der Kolonisation ist, so schwierig ist sie. Wollen wir nicht wieder in die Fehler der früheren Kolonisation verfallen, so müssen wir von den Ansiedlern nicht nur verlangen, daß sie für den Beruf gut vorbereitet sind — das sollen ja eben die Farmen tun — sondern daß auch die Installierung so erfolgt, daß kein Geld dabei verloren geht. Das setzt wiederum voraus, daß eine landwirtschaftliche Betriebsform mit vorherrschendem Getreidebau gefunden wird, welche dauernd befriedigende Erträge liefert, und daß der Ansiedler selbst wenigstens so viel besitzt, um das bewegliche Inventar aus eigenen Mitteln zu erwerben. In Zahlen ausgedrückt heißt das, daß jeder Ansiedler mindstens 2000 Francs eigenes Kapital haben und für einen Kredit von mindestens 15.000 Francs völlige Sicherheit bieten muß. Da die jungen Leute zum allergrößten Teile ganz mittellos nach Palästina kommen, müßten sie diese 2000 Francs durch ihre Arbeit in Palästina selbst verdienen. Es ergeben sich also folgende drei Fragen: 1. In welcher Weise können Arbeiter in Palästina zu Ersparnissen kommen? 2. Welche Betriebsform auf der Basis des Getreidebaues liefert dauernd angemessene Erträge? 3. Wie läßt sich der für die Installierung solcher Kolonisten erforderliche Kredit von 15.000 Francs pro Kolonist beschaffen? Vorläufig sind alle diese Fragen noch ungelöst. Wir können nur sagen, daß wir an der Lösung arbeiten. Für die Erreichung von Ersparnissen erhoffe ich viel von den Arbeiter- und Siedlungsgenossenschaften, indem hier die Arbeiter durch überdurchschnittlichen Eifer hoffentlich allmählich auch überdurchschnittliche Einnahmen haben und davon etwas werden zurücklegen können. Auch ist es möglich, daß der eine oder andere Häusler Ersparnisse macht und dann ein Vollkolonist wird. Die technische Frage: Wie ist der Getreidebau rentabler zu gestalten? wird von allen unseren Farmen mit Eifer studiert und praktisch erprobt. Für die Kreditfrage endlich soll eine Agrarbank sorgen, sobald die türkische Gesetzgebung das Hypothekenwesen in europäischem Sinne geregelt haben wird. Das in diesem Frühjahre erlassene neue Hypothekengesetz hat dies leider nicht getan, sondern ist auf halbem Wege stehen geblieben. Wir müssen uns deshalb damit zufrieden geben, daß die Lösung dieses Zentralpioblems unserer Kolonisation noch einige Zeit dauern wird und daß wir zu seiner baldigen Lösung unser Bestes tun. Inzwischen müssen wir die anderen schon heute gangbaren Wege gehen, wie es die Form der Häuslersiedlung ist und müssen außerdem dafür sorgen, daß ständig neue Einwanderer der Landwirtschaft Zuströmen, damit wir für die Häusler- und später einmal für die Kolonistenstellen passende Bewerber zur Verfügung haben. Dazu genügen nicht unsere Farmen, die ja, um eine möglichst große Zahl von Arbeitern anzulernen, diese immer nur relativ kurze Zeit behalten können; dazu ist nötig, daß der jüdische Arbeiter sich auch in den Kolonien seinen Platz erobert. Das ist deshalb nicht leicht, weil der Lohn des jüdischen Arbeiters höher ist als der des arabischen Arbeiters. Der Araber hat einen niedrigeren Standard of life als der aus Europa einwandernde jüdische Arbeiter. Er hat außerdem mindestens ein Häuschen und Nebeneinnahmen aus der eigenen Wirtschaft und aus der Mitarbeit von Frau und Kindern — während der jüdische Arbeiter nur auf seinen Arbeitslohn angewiesen ist und obendrein noch Wohnungsmiete zahlen muß und viel mehr von Krankheiten zu leiden hat als der bereits an das palästinensische Klima angepaßte Araber. In vielen Kolonien bilden die jüdischen Arbeiter nur eine kleine Minderheit und zwischen ihnen und den Kolonisten herrschen Gegensätze, von denen die Arbeiterpresse voll ist. Man will diese Gegensätze auf das Prokrustesbett des Gegensatzes zwischen Kapitalisten und Proletarier spannen. Aber das heißt den Dingen Gewalt antun. Es handelt sich hier meines Erachtens einfach um den Gegensatz des Alters und der Jugend. Für den jungen Mann, der voll Begeisterung nach Palästina kommt, spielt die materielle Frage gegenüber der nationalen nur eine geringe Rolle; für den Kolonisten, der schon in reiferem Alter ist und für eine Familie zu sorgen hat, tritt die materielle Frage in den Vordergrund. Das ist psychologisch so leicht verständlich, daß es unnötig ist, darüber viele Worte zu machen. Begeisterung und Selbstaufopferung ist in der ganzen Welt das Vorrecht der Jugend und wir können es bei unseren Arbeitern am allerwenigsten vermissen. Im Gegenteil, gerade wegen ihrer nationalen Begeisterung sind sie für uns so wertvoll. Unsere ganze Stellung zu den Arbeitern müßte sich in dem Augenblicke ändern, wo sie diesen Idealismus verlieren und lediglich ihre materiellen Interessen hervorkehren würden. Ich sehe nicht ohne Besorgnis, daß sich solche Tendenzen hier und da geltend machen. Ich hoffe aber, daß die Gesamtheit der Arbeiter ihre Opferfreudigkeit bewahren und durch strenge Zucht auch die widerstrebenden Elemente in diesem Sinne erziehen wird. Ich glaube, daß in den neuen Kolonien die wir gegründet haben und noch gründen wollen, das Arbeiterproblem viel an Schärfe verlieren wird, weil wir von vornherein auf die Beschäftigung jüdischer Arbeiter Rücksicht nehmen und den ganzen Kolonieplan darnach einrichten, so z. B. bei den Pflanzungskolonien durch die gleichzeitige Ansiedlung von Häuslern. Die alten Kolonien dagegen sind, was die Arbeiterfrage anbetrifft, im Zuschnitt verpaßt und ich glaube nicht daran, daß sich hier sehr viel ändern läßt. Was wir hier noch anwenden können, ist, daß wir versuchen, die Konkurrenzfähigkeit des jüdischen Arbeiters nach Möglichkeit zu heben. Das tun wir, wenn wir in den Farmen die Arbeiter berufstüchtig machen oder wenn wir für sie in und bei den Kolonien Arbeiterhäuser, Arbeiterheime und Arbeiterküchen schaffen, welche die Lebenshaltung verbilligen. Eine größere Bedeutung hat die von uns inaugurierte stärkere Einwanderung der jemenitischen Juden, weil diese keine europäische Gewohnheiten und Ansprüche mitbringen und deshalb ungefähr mit dem landesüblichen Lohne auskommen können. Soviel über die Arbeiterfrage, das heißt, die Heranziehung von Menschen. Bei der zweitwichtigen Frage, der Heranziehung von Kapital nach Palästina, kann ich mich weit kürzer fassen. Es hat sich im Laufe unserer fünfjährigen Tätigkeit gezeigt, daß man große Kapitalien für Palästina heranziehen kann, wenn man nur die Kapitalsanlage dem Kapitalisten in handlicher Form anbietet. Das ist uns gelungen, weil wir durch aufklärende Schriften den bemittelten Palästinafreunden in der Form der Pflanzungsgesellschaft (Achoozo) einen leicht gangbaren Weg zeigten und weil wir ferner in der P. L. D. C. ein Institut für ländliche Parzellierung und in der im Jahre 1909 gegründeten Immobiliengesellschaft Palästina ein Institut für städtische Parzellierung geschaffen hatten. In den verflossenen fünf Jahren sind in die neugegründeten privaten Farmen etwa eine