Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Ausgabe V (9.9.1913)
- Date
- 1913-09-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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DIE32EL1 eine kleine Kolonie und alte Leute seien, vor den Nachbarn gezittert und hätten kaum Mut gehabt, in diesem Jahre überhaupt zu säen; jetzt, nach der Ankunft der Arbeiter, zitterten die Nachbarn vor ihnen. — Und von dem früheren Lehrer der Kolonie erhielten wir vor kurzem einen Brief, in dem es heißt*. „In letzter Zeit besuchte ich die Kolonie Kastinieh, in der ich früher dreieinhalb Jahre verlebte, für die ich mich auch nachher unausgesetzt interessierte und die ich also ganz genau kenne. Kastinieh, die nach Bodenqualität und Klima blühen müßte, ist durch verschiedene Umstände so heruntergekommen, daß sie dem völligen Untergang nahe war und von allen fast aufgegeben wurde. Wie groß war daher meine Freude, als ich dort solch einschneidende Verbesserungen traf. Die einst mißmutigen und verzweifelten Kolonisten, die für ihre Arbeit das Interesse bereits verloren hatten, arbeiten jetzt mit freudiger Hingebung und starker Zuversicht. Die wenigen jungen Leute der Kolonie, die früher nur an überseeische Länder dachten, erwarten jetzt ihre Zukunft nur von der Arbeit. Wie hat sich aber auch die Arbeitsmethode verändert! Kolonisten, die früher nur auf die arabische Arbeitsmethode schworen, geben jetzt zu, daß 200 Dunam gut bearbeitet mehr als 400 Dunam bearbeitet in der früheren Art bringen. Man sieht nicht mehr die Misthaufen vor den Häusern und man ist auch nicht mehr ganz wie früher auf das arabische Gemüse angewiesen. Es gewährt eine besondere Freude zu sehen, mit welcher Lust und Liebe die Kinder der Kolonie in den Gemüse- und Blumengärten arbeiten. Nun wissen Sie ganz gut, daß diese wunderbaren Veränderungen nur dem Einflüsse der Arbeitergruppe zuzuschreiben ist. Unter diesem Einfluß stand auch das öffentliche und moralische Leben der Kolonie. Umsomehr bedauert es die Kolonie und jeder Kolonisationsfreund, daß die Arbeiter demnächst die Kolonie verlassen sollten. Es ist klar, daß dadurch ein Rückfall eintreten wird, denn acht Monate sind eine zu kurze Zeit, um eine andauernde Wirkung auszuüben. Die neuen Kolonisten, die jetzt sich dort ansiedeln, würden auch nur unter dem Einfluß der Arbeitergruppe für die Kolonie von Segen sein; ohne sie werden sie bald den alten gleich sein. Darum erlaube ich mir, Sie darauf aufmerksam zu machen: Sie waren die Retter einer absterbenden Kolonie, bleiben Sie nicht stehen in der Mitte des Weges! Bevor man neue Positionen gewinnen will, muß man die alten halten. Um Kastinieh, das für Südpalästina ein Zentrum des Jischuws werden könnte, zu halten, gibt, es keinen anderen Weg, als einen Teil der Gruppe dort zu belassen. Sie werden dadurch nicht bloß für Kastinieh, sondern für unsere gesamte Kolonisation in Südpalästina ein segensreiches Werk leisten.“ Ohne die Arbeiter ist die Kolonie abgestorben, mit ihnen lebt sie. Ich denke, solche Fakten sprechen mehr als lange Abhandlungen und sind die beste Rechtfertigung für den von uns eingeschlagenen Weg. Sie werden jetzt wohl auch verstehen, weshalb die mehrfach gehörte Forderung, wir müßten kaufmännisch arbeiten, für die kolonisatorische Arbeit in Palästina absolut nicht passt. Wollten wir kaufmännisch arbeiten, so müßten wir unsere Arbeit ausschließlich daraufhin einstellen, daß jeder Betrieb am Ende jeden Jahres einen möglichst hohen Profit bringt; die zionistische Organisation und ihre Institute glichen dann etwa einer Aktiengesellschaft zur Erzielung möglichst hoher Dividenden. Nun, ich bin selbst lange Jahre Kaufmann gewesen und meine kaufmännischen Instinkte sind vielleicht nicht geringer als bei irgend einem anderen Juden. Aber ich rechne es mir gerade als Verdienst an, daß ich imstande bin, diese kaufmännischen Instinkte überall den höheren Anforderungen unserer nationalen Bewegung unterzuordnen. Wo keine kolonisatorischen Gesichtspunkte vorherrschend sind, legen auch wir Wert auf Geldverdienen und die Arbeit und die Dividenden der Immobiliengesellschaft zum Beispiel beweisen, daß wir das gar nicht schlecht verstehen. Aber nur jemand, der ganz und gar im kaufmännischen Getriebe verstrickt ist und über den Profit hoTizont nicht hinausblicken kann, kann verlangen, daß dieser Profitstandpunkt auch in unserer ganzen kolonisatorischen Arbeit maßgebend sei. Ich sehe zum Beispiel in der Ausbildung von Arbeitern oder in der oben erwähnten Neubelebung einer Kolonie, die in den Büchern dea Kaufmannes natürlich gar keinen Wert haben, Aktivposten von größtem Werte. Ich kann es mit größter Bestimmtheit sagen: die für den Kaufmann profitabelsten Unternehmungen in Palästina sind häufig für unsere nationale Aufgabe die unprofitabelsten; und umgekehrt sind viele kaufmännisch unprofitable Unternehmungen von höchstem nationalem Werte. Ich verstehe überhaupt nicht, wie man sich vorstellen kann, daß eine Tätigkeit, die zum größten Teile darauf gerichtet ist, die Juden beruflich umzuschichten und aus Städtern zu Landwirten zu machen, nach Profitrücksichten geleitet werden kann. Mit demselben Rechte könnte man verlangen, daß unsere Schulen Dividende zahlen. Ich verstehe aber auch nicht, wie man glauben kann, daß eine so gigantische Aufgabe, wie es de Heranbildung von städtischen Juden zur Landwirtschaft ist, ohne solche Erziehungsstätten und ohne jede Mithilfe unsererseits gelöst werden kann. Wollten wir systematisch Vorgehen, so müßten wir Dutzende von landwirtschaftlichen Schulen und Lehrfarmen gründen; wenn wir es nicht tun, so nicht deshalb, weil es nicht nötig ist, sondern weil der Mangel an Mitteln uns zur Beschränkung zwingt. Es ist auch irrig, wenn man glaubt, die Kolonisation dadurch auf eine kaufmännische Basis stellen zu können, daß wir uns darauf beschränken, bankmäßige Kredite an Ansiedler zu geben. Ich verkenne nicht die große Rolle, die dem Kreditwesen in der Kolonisation zufällt, aber es kann diese Rolle nur dann spielen, wenn ihm Kolonisationsgesellschaften als Schrittmacher vorangehen. Es müssen erst neue beleihungsfähige Objekte geschaffen werden, bevor Agrarkredit gegeben werden kann. Es war gerade kürzlich Gelegenheit, diese Frage eingehend zu erörtern. Von kompetenter Seite war uns vorgeschlagen worden, für den Agrarkredit die Form der Hypothekenlebensversicherung nutzbar zu machen. Die Idee ist an sich sehr beachtlich, aber nach langer Diskussion kam der Referent selbst zu dem Schlüsse, daß die Verwirklichung des Vorschlages das Vorhandensein ertragsfähiger Parzellen in den Händen arbeitsfähiger Elemente voraussetze. Nun, diese Voraussetzungen waren eben bis jetzt in größerem Umfange nicht da. Wir müssen sie erst schaffen und alle Tätigkeit unserer Farmen und unserer Parzellierungsgesellschaft ist gerade hierauf gerichtet. Es besteht also nicht etwa ein Gegensatz zwischen unseren Kolonisationsgesellschaften und dem bankmäßigen Kreditwesen, sondern sie sind im Gegenteil auf einander angewiesen und müssen sich gegenseitig ergänzen. Ohne Agrarkredit ist keine größere Kolonisation, aber ohne vorhergehende Kolonisationsarbeit ist auch kein Agrarkredit möglich. Es hat mich sehr geschmerzt, daß Herr Wolffsohn in seiner gestrigen Rede geglaubt hat, die Verdienste unserer Bank nur dadurch erhöhen zu können, daß er die anderen palästinensischen Gesellschaften verkleinerte. Ich werde ihm auf diesem Wege nicht folgen und nicht die anderen palästinensischen Gesellschaften auf Kosten der Bank herausstreichen. Dazu ist mir unsere Bank zu teuer. Ich möchte nur darauf hinweisen, daß es vollständig falsch ist, das Verleihen von Geld, womit sich unsere Bank beschäftigt,