Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Ausgabe V (9.9.1913)
- Date
- 1913-09-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIEIiffELT verloren gehen. Da aber die Verbesserung der ökonomischen Verhältnisse viel schwieriger und langwieriger ist als die Schaffung von Erziehungsanstalten, so ergibt sich schon daraus, daß man zur Zeit im Interesse einer kommenden jüdischen Kultur nichts Besseres tun kann, als die wirtschaftliche Position der Juden in Palästina zu verstärken. Aber wie? Ich will Ihnen nicht all die Ueberlegungen wiederholen, die mich zu der von mir schließlich angenommenen Lösung führten; ich will Ihnen nur diese Lösung selbst nennen. Sie hieß: Schaffung einiger landwirtschaftlicher Großbetriebe im Norden und Süden des Landes; ferner Schaffung einer großen Parzellierungsgesellschaft, und zwar einer solchen für ländlichen und einer für städtischen Boden. Die Parzellierungsgesellschaften sollten den Privatkapitalisten Boden in solcher Form anbieten, daß er für sie unmittelbar verwendbar war. Und die Farmen sollten folgende Aufgaben erfüllen: 1. Sie sollten die jungen Leute, die sie als Arbeiter beschäftigen, landwirtschaftlich ausbilden, damit sie nachher als gelernte Arbeiter in die Kolonien gehen könnten. 2. Sie sollten, zum Teil wenigstens, durch genossenschaftliche Organisation der Arbeiter auf der Basis der freien Zuwahl der Genossen den Charakter und das Verantwortungsgefühl der Arbeiter stählen und eine Auslese der Tüchtigsten herbeiführen; 3. Sie sollten alle technischen Neuerungen erproben und eine Form des Betriebes zu finden suchen, die den besonderen Eigenschaften des Juden und den speziellen Erfordernissen der jüdischen Kolonisation angepaßt ist; 4. Sie sollten sich, da ja in ihnen nur jüngere und größtenteils aus nationaler Begeisterung eingewanderte Leute vorhanden waren, zu Zentren reinen nationalen Lebens ausbilden; 5. Sie sollten den Privatkapitalisten nicht nur durch ihr frischeres Leben Mut einflößen, sondern auch praktisch den Nachweis erbringen, daß landwirtschaftliche Betriebe mit jüdischen Arbeitern durchaus möglich sind und so die Privatkapitalisten zur Nacheiferung anspornen. Also damit — Schaffung von Farmen und Parzellierungsgesellschaften — war die Aufgabe präzisiert; es handelte sich jetzt darum, diese Aufgabe zu verwirklichen. Ich hatte, um für die Lösung der Aufgabe nicht ganz hilflos zu sein, nach meiner ersten Palästinareise vor Uebemahme des Amtes die Gründung einer ländlichen Parzellierungsgesellschaft mit wenigstens 1 Million Mark Kapital verlangt. Wirklich wurde daraufhin die P. L. D. C. gegründet. Aber statt des Kapitals von 1 Million Mark hatte sie, als ich im Frühjahr 1908 nach Palästina hinüberging, knapp den zehnten Teil, M. 100.000. Dieses Kapital und die etwa M. 200.000 des Vereines Oelbaumspende zur Pflanzung des Herzlwaldes waren — abgesehen von den nicht für Kolonisation verfügbaren M. 100.000 des Palästinensischen Industrie-Syndikates — die gesamte Morgengabe, die man dem Palästinaamte auf den Weg gab. Denn die drei Terrains des J. N. F. (Kinereth, Ben Schemen und Hulda), die uns gleichzeitig zur Verfügung gestellt wurden, waren nicht ein Vorteil, sondern eine Last. Sie waren an Araber verpachtet und vollständig ausgesogen. Zwei von ihnen waren in Anbetracht ihrer isolierten Lage viel zu klein, nur 2000 Dunam groß, so daß sie eigentlich für keinen einzigen landwirtschaftlichen Zweck paßten, wozu noch kam, daß die Frage der Wasserversorgung auf beiden Terrains noch ungelöst war. Auf der anderen Seite war es eine gebieterische Notwendigkeit, mit diesen Terrains des J. N. F. irgend etwas anzufangen. Verkaufen durfte der J. N. F. sie nicht; das verboten ihm seine Statuten; sie an Juden zu verpachten, war unmöglich, denn kein Jude konnte daran denken, in diese ausgesogenen Böden die großen Beträge hineinzustecken, die zu ihrer Bewirtschaftung notwendig waren; die weitere Verpachtung an Araber verbot sich deshalb, weil es von Jahr zu Jahr schwieriger geworden wäre, den Boden von den Pächtern zurückzubekommen, und ein Brachliegenlassen des Bodens endlich war mit Rücksicht auf die türkische Gesetzgebung ausgeschlossen. Also blieb nur übrig, den Boden in eigene Bewirtschaftung zu nehmen. Aber dafür wollte und konnte der J. N. F. kein Geld hergeben, weil die Sache zu riskant war. Aus diesem Dilemma schien es überhaupt keinen Ausweg zu geben. So standen also die Dinge. Und mehr als einmal däuchte es mir vermessen, mit den winzigen Mitteln an all diese Aufgaben heranzutreten und mit M. 300.000 etwas Nachhaltiges für ein Kolonisationswerk tun zu wollen, für welches der Baron Rothschild, wie man sagt, bereits mehr als 50 Millionen Mark ausgegeben hatte. Aber schließlich siegte der Optimismus. Ich sagte mir: ein Anfang ist die Tat. Die Tat hieß: Kinereth. Ich entschloß mich, die Mittel der P. L. D. C. zu benutzen, um auf dem Boden des N. F. in Kinereth einen Farmbetrieb einzurichten. Als dies in Palästina bekannt wurde, versammelte sich in Jaffa der damals bestehende Palästinarat und nahm in vielen Sitzungen und in einem ausführlichen Memorandum energisch gegen dieses Projekt Stellung. Seine Hauptargumente waren zwei: Erstens: die Farm wird eine Administration haben und kann schon deshalb nicht taugen; zweitens: an die in der veröffentlichten Rentabilitätsberechnung in Aussicht gestellte Rentabilität ist nicht zu denken. Bei dem ersten Argument spielte eine Begriffsverwirrung mit, die in ganz Palästina damals geläufig war. Man verknüpfte seit der Kritik Achad Haams mit dem Begriffe Administration unvermeidlich stets den Begriff der Bevormundung; man sah nicht ein, daß ein Administrator im Sinne Achad Haams, der als eine Art Protektor und Vermittler zwischen einem fernen Geldgeber und den quasi-selbständigen Kolonisten stand, etwas vollständig anderes ist als der Verwalter einer Farm, in der Lohnarbeiter beschäftigt sind. In diesem Punkte hatte also der Palästinarat Unrecht; dagegen hatte er in dem zweiten Punkte vollständig Recht. Es war in der Tat ein Irrtum, wenn ich auf Grund der von Fachleuten aufgestellten Rentabilitätsberechnung annahm, daß die Farm schon im ersten vollen Wirtschaftsjahr eine Rente abwerfen würde. Die Erfahrung hat mich inzwischen belehrt, daß die Okkupation neuen Bodens in Palästina so viele faux frais mit sich bringt, daß in den ersten Jahren eine Rentabilität ausgeschlossen ist. Aber ich bereue heute diesen Irrtum nicht. Hätte ich nicht irrtümlicherweise eine baldige Rentabilität des Betriebes angenommen, so hätte ich vielleicht nicht den Mut gehabt, die Farm zu begründen; und dann wäre das Ufer des Tiberias- Sees, das jetzt die schönste jüdische Kolonie trägt, noch heute wüst und leer, die J. C. A. hätte nicht ihre wenigen Kolonisten dort ansiedeln können, die Gesellschaft Hoachoozo in St. Louis hätte nicht daran gedacht, dort die erste, neue, große Pflanzungskolonie anzulegen, an die sich so viele Hoffnungen knüpfen, die Kapitalisten, die ein Jahr später Medjdel kauften, hätten nie den Mut dazu gehabt, wenn nicht die Farm Kinereth ihnen den Weg gewiesen hätte, und schließlich wäre selbstverständlich Dagania, unsere schönste palästinensische Farm, wäre die Farm für die landwirtschaftliche Erziehung von Mädchen in Kinereth, wäre auch der Kauf von Merchawia unmöglich gewesen. Kinereth hat viel dazu beigetragen, daß heute Untergaliläa ein so frisches Leben zeigt und sich so vorteilhaft von Obergaliläa abhebt. Ein Irrtum, der zum schnellen Handeln anregt, kann oft wertvoller sein als hundert Wahrheiten, die den Mut lähmen und zur Untätigkeit verurteilen. Solch ein Irrtum war Kinereth. , Ich hoffe, daß man einst Kinereth als unseren ersten Schritt^ zur Wiederbelebung des stagnierenden Kolonisationswerkes noch preisen