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Die Welt · 1913-09-09 · Kongreß-Ausgabe V (9.9.1913) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
Kongreß-Ausgabe V (9.9.1913)
Date
1913-09-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. Y DIE2aEEL7 Ich versuchte, den Zustand auf eine diagnostische Forme1 zu bringen, und es schien mir, als ob man ihn am besten als Ueberalterung bezeichne. Die Kolonien in Judäa, Samaria und Obergaliläa waren im Durchschnitt zwanzig Jahre alt: Die einst als junge Männer, sei es aus Begeisterung, sei es aus Hoffnung auf materiellen Gewinn die' Kolonien gegründet hatten, waren in harter und oft vergeblicher Arbeit mürbe und alt geworden, und der Nachwuchs fehlte. Die Jugend hatte von den Eltern weder die Begeisterung noch die Hoffnung auf Gewinn übernommen, und sie hatte deshalb die Kolonien verlassen, um in den Städten oder außerhalb Palästinas ihr Glück zu versuchen. Manche Kolonien sahen geradezu wie Greisenhäuser aus. Man durfte der Jugend darob kaum grollen. Sie konnte den Eltern mit Recht Vorhalten, daß die Wirklichkeit ihreHoffnungen als trügerisch erwiesen hatte. Habt Ihr Geld verdient, und habt Ihr eine sichere Zukunft vor Euch? Diese Frage hörten die „materialistischen“ Eltern von ihren Kindern und mußten sie verneinen. Und in keiner besseren Lage gegenüber ihren Kindern waren die „idealistischen“ Eltern. Als sie mit dem Feuer der Jugend nach Palästina gekommen waren, da hatten sie geträumt, daß es nur ihres festen Willens bedürfe, um ganz Palästina mit blühenden jüdischen Dörfern zu bedecken und die gesamte Judenheit des Galuth nach Palästina zu ziehen. Und was war das Resultat fünfundzwanzigjähriger Arbeit? Wie winzig war es im Verhältnis zu dem Erträumten! Und das schlimmste war, daß seit Jahren keine einzige neue Kolonie hinzugekommen war, daß das ganze Kolonisationswerk auf einem toten Punkt angelangt zu sein und sogar abzubröckeln schien. Hatten die Kinder da nicht Recht, wenn sie das sinkende Schiff verließen? Ich gewann die Ueberzeugung, daß hier nur eins Hilfe bringen konnte: eine Verjüngung der Kolonien durch Heranziehung neuer junger und begeisterter Elemente aus Europa. Es mußte eine Blutauffrischung stattfinden, um den alternden Organismus neue Spannkraft zu geben. Und das war ja gerade unser Glück, daß wir zwar arm an Mitteln, aber immer noch reich an opferwilligen Menschenwaren. Es gab in Palästina Leute, die es als ganz selbstverständi ich betrachteten, daß, wenn überhaupt die zionistische Organisation in Palästina praktisch arbeiten wolle, sie nichts anderes tun könne, als was man bisher getan habe: die bestehenden Kolonisten zu unterstützen und neue Kolonisten durch Gewährung der notwendigen Mittel zu schaffen. „Ihr wollt einen Herzlwald pflanzen und Geld dafür ausgeben? sehr gut; übergebt es den Kolonisten der Nachbarschaft, damit sie das Geld verdienen“. „Ihr habt den J.N.F.? vortrefflich; kauft mit dem Gel de Boden bei einer Kolonie und siedelt darauf neue Kolonisten an“. Es gab in Palästina aber auch nicht wenig Leute, die überhaupt jede Tätigkeit seitens der Organisation für verderblich hielten. Für sie war das a und b ihrer Weisheit, daß nur die Privatinitiative dem Kolonisationswerk helfen könne und daß jede Tätigkeit einer Administration gar nichts wert sei. Es gab schließlich auch Leute, Schüler von Achad Haam, die in einer meines Erachtens mißverständlichen Auffassung der Lehren ihres Meisters überhaupt von kolonisatorischer Arbeit nichts wissen wollten. Nach ihrer Meinung mußte sich die zionistische Organisation, wenn sie in Palästina praktisch arbeiten wollte, ausschließlich die Förderung der hebräischen Sprache des Schulwesens und sonstiger kultureller Institutionen zum Ziele setzen, um dadurch in Palästina möglichst rasch ein jüdisches Kulturzentrum zu schaffen. Sie wissen alle, daß wir in Palästina weder den Weg der alten Kolonisation gegangen sind, noch still und stumm auf die Privatinitiative gewartet, noch ausschließlich Kulturarbeit getrieben haben. Den Weg der alten Kolonisation konnten wir schon deshalb nicht gehen, weil unsere Mittel dazu viel zu klein waren. Mit den damaligen Jahreseinnahmen des J. N. F. hätten wir gerade ein Dutzend neue Kolonisten ansiedeln, mit den Geldern der Oelbaumspende einigen alten Kolonisten und hundert arabischen Arbeitern für ein paar Jahre Verdienst geben können. Wäre es nicht lächerlich gewesen, hiemit die praktische Arbeit, von der man so viel gesprochen und für die man ein eigenes Amt gegründet hatte, zu beginnen? Und auf die Privatinitiative warten, hieß einfach die Arbeit ad calendas graecas vertagen. Was sollte denn den jüdischen Kapitalisten bewegen, seine Gelder in Palästina anzulegen? Und wie hätte er es überhaupt tun können? Wenn er in die jüdischen Kolonien kam und dort nur alte Leute und die allgemeine Mutlosigkeit sah, so erlebte er eine furchtbare Enttäuschung und meist galt von ihm das Wort: da wendet sich der Gast mit Grausen. Wenn aber doch einmal jemand durchaus ein Stück Land kaufen und bewirtschaften wollte, so fehlte ihm auch hiezu die Möglichkeit. Keine Parzellierungsgesellscbaft gab ihm dasjenige Land und soviel Land, als er gerade brauchte. Entweder vertröstete man ihn, daß später vielleicht einmal ein passendes Terrain gekauft werden würde, oder man bot ihm ein beliebiges, gerade käufliches oder gekauftes isoliertes Terrain an, mochte es in Lage, Qualität und Größe passen oder nicht. Es war ungefähr so, als wenn jemand in einen Laden tritt, um ein paar Schuhe zu kaufen und der Verkäufer ihm mit gewinnendem Lächeln ein lebendiges Rind anbietet, das er nur zu schlachten, zu häuten, zu gerben und zu verarbeiten brauche, um die gewünschten Schuhe zu haben. Wenn dann der Käufer für ein solches Angebot kein Verständnis zeigte und der Kauf nicht zustande kam, so war natürlich der Käufer schuld, denn jetzt sei es ja klar erwiesen, daß er gar nicht ernstlich kaufen wolle und daß es überhaupt keine ernstlichen Käufer für Boden gäbe. Glauben Sie nicht, daß ich mit dieser Schilderung übertreibe, man konnte eine solche Meinung damals in Palästina von den berufensten Stellen hören. So stand es also mit der Privatinitiative. Es war klar, daß von dieser gar nichts zu erwarten war, wenn man nicht in ganz anderer Weise als bisher vorging, und ihre Wege erleichterte. Blieb noch die kulturelle Tätigkeit. Ich sprach oben von einer mißverständlichen Auffassung der Lehren Achad Haams. Ich glaube, daß Achad Haam die Ansicht vertritt, daß eine große und starke jüdische Gemeinschaft in Palästina später auch eine jüdische Kultur ausbilden und daß diese Kultur dann auch auf die Juden des Goluth ausstrahlen und ihr jüdisches Gefühl stärken werde. Aber es heißt diese richtige Auffassung zu einer Farce machen, wenn man daraus die Forderung ableitet, in Palästina nun zunächst und ausschließlich jüdische Kultur zu schaffen. Ich will hier gar nicht das schwere Geschütz des historischen Materialismus auffahren, um nachzuweisen, daß eine jüdische Kultur in Palästina nicht das Prius, sondern nur das Posterius der Entwicklung sein, das heißt, erst dann erwachsen kann, wenn in Palästina eine jüdische Bevölkerung lebt, welche sich bodenständig und materiell gefestigt fühlt und für die nunmehr eine gute Erziehung ihrer Kinder und die Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst ein Lebensbedürfnis ist. Aber völlig aussichtslos wäre es, wenn man unter den jetzigen Verhältnissen, wo wir erst eine kleine Minderheit im Lande bilden, durch vermehrte Schaffung von Bildungsanstalten künstlich das Reifen einer jüdischen Kultur beschleunigen zu wollen. Erstens müßten alle diese Anstalten ihre Mittel und Lehrkräfte für lange Zeit noch vom Auslande beziehen und würden damit vom Auslande abhängig sein. Sodann würde aber alle Mühe, die Jugend nationaljüdisch zu erziehen, für die Schaffung einer jüdischen Kultur in Palästina vollständig zwecklos sein, wenn nicht die Schüler nach Absolvierung der Schule in einer jüdischen Kolonie oder in einem jüdischen Milieu in den Städten eine Existenz finden. Heute ist das noch nicht der Fall. Viele junge Leute müssen Palästina verlassen und sich im Ausland eine Existenz gründen, wodurch sie für Palästina

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