Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Ausgabe V (9.9.1913)
- Date
- 1913-09-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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86 - DIEHaEELT Die Palästina-Debatte Referat Dr. Ruppins — Die Nachtsitzung vom Samstag brachte mit dem Referat von Dr. Ruppin über die Zionistische Palästinaarbeit eines der Hauptthemata dieses XI. Kongresses zur Erörterung. Denn schließlich ist die Frage unserer Tätigkeit in Palästina, wie der A. C.-Bericht bereits hervorhebt, das Alpha und Omega unserer Bewegung, ohne daß durch diese Anschauung die Bedeutung der anderen aktuellen Probleme des Zionismus im geringsten berührt würde. Kein Wunder, daß die Debatte über das Referat Dr. Ruppins nicht nur den Rest der Samstagsitzung, sondern noch die erste und zweite Sitzung des Montag in Anspruch nahm. Da dem Kongreß nur mehr der Dienstag für seine Beratungen zur Verfügung steht, mußte gestern für die Referate von M. Feldstein über den Kulturfonds Kedem, von Professor Dr. Weizmann über die Gründung einer jüdischen Universität in Jerusalem und von M. Ussischkin über die kulturelle Arbeit in Palästina abermals eine Nachtsitzung auf 9 Uhr abends anberaumt werden. Siebente Sitzung Freitag, am Nachmittag des 5. September Beginn der Sitzung 4 Uhr nachmittags. Vizepräsident Stand eröffnet die Sitzung und erteilt Herrn Dr. Nacht das Wort zu einer Begrüßungsansprache. Dr. Nacht: Im Namen der Vereinigung der zionistischen studierenden Jugend in Rumänien erlaube ich mir, den XI. Kongreß aufs herzlichste zu begrüßen und folgende Erklärung abzugeben »Die zionistische studierende Jugend in Rumänien erblickt im Zionismus das einzige Mittel zur Lösung der Judenfrage, der moralischen Judennot, die vom zionistischen Standpunkt aus viel wichtiger ist, als die materielle Judennot. Die Vereinigung Zionistischer Studierender in Rumänien bittet'den hohen Kongreß und besonders das A. C., die zionistische Propaganda in der Weise zu betreiben, daß die jüdischen Schulen überall und ganz besonders in Rumänien, in jüdisch-nationalem Sinne und im Geiste der jüdischen Tradition geleitet werden. Die Vereinigung wünscht, daß besondere Fürsorge und Aufmerksamkeit der Frage der hebräischen Lehre geschenkt werde. Fast sämtliche jüdische Schulen in Rumänien leiden in dieser Hinsicht an einem furchtbaren Mangel, der jeden besseren hebräischen Unterricht unmöglich macht. Die Vereinigung macht den geehrten Kongreß ferner auf eine andere sehr ernste Frage aufmerksam: Auf den Mangel an höheren jüdischen Mädchenschulen. Es ist eine bekannte Tatsache, auf die bereits Achad-Haam hingewiesen hat, daß im Rahmen der jüdischen nationalen Erziehung die Mädchenschule der Knabenschule voranzustellen ist. Der zionistische junge Mann — das lehrt uns die Eifahrung — hört in vielen Fällen bald auf, Zionist zu sein, wenn er sich verheiratet, weil seine Frau nicht mittun will, wenn sie der sogenannte besseren Gesellschaft entstammt Sie hat ihre Erziehung in nichtjüdischen Schulen, in Missionsschulen genossen, wo sie zu allem anderen als zu einer guten Jüdin herangebildet wird. Sie ist nicht die Frau, die in das jüdische Heim den jüdischen Geist hineintragen kann, das Gegenteil ist der Fall. Der jüdische Mann ist in seinem eigenen Heim nicht zu Hause, noch viel weniger das jüdische Kind. Dem jüdischen Heim fehlt die jüdische Frau, die jüdische Mutter, die zionistische, jüdische Männerfrage ist eine jüdische Frauenfrage. Kein zionistischer Mann ohne die zionistische Frau. Jüdischnationale, höhere Mädchenschulen sind ein conditio sine qua non für das Gelingen unseres nationalen Gedankens, für die Aufrechthaltung unserer heiligen Tradition. Jakobus Kanns Kritik Möge der Kongreß in der Kulturdebatte diesen Fragen seine Aufmerksamkeit zuwenden, auf daß der Wunsch bald in Erfüllung gehe : Wann eracht’ ich als gelungen Mein Bemüh’n auf dieser Erde? Wenn aus armen Judenjungen Stolze junge Juden werden. Vizepräsident Stand erteilt Dr. Bodenheimer das Wort zur Erstattung seines Referates über den Jüdischen Nationalfonds. (Da infolge der eingeschränkten Arbeit am gestrigen katholischen Feiertage eine Erweiterung dieser Nummer untunlich war, können wir dieses Referat erst in der morgigen Nummer veröffentlichen Red. d. »Welt“.) Präsident Wolffsohn: Das Wort hat Herr Simon aus Haag: Simon: Ich möchte die Herren des E. A. C. bitten, eine einfache Erklärung zu geben, ob Sie bereit sind, dafür Sorge zn tragen, daß in der Folge nur ganz objektive Artikel über die Verhandlungen des Kongresses in der .Welt“ erscheinen werden. Ich stelle die Frage nur deshalb, weil ich der Ansicht bin, daß das offizielle Organ unserer Bewegung nicht das Recht hat, einen subjektiven parteiischen Artikel über die Verhandlungen des Kongresses zu schreiben, der dem Interesse unserer Bewegung sehr schadet. Präsident Wolffsohn: Die nächste Sitzung morgen abends nach 8 Uhr. Ich wünsche Ihnen vergnügten Sabbath. Achte Sitzung Samstag, am Abend des 6. September. Beginn 81/4 Uhr. Präsident Wolffsohn eröffnet die Sitzung und erteilt das Wort Delegierter Greifenhagen, dem Vorsitzenden der »Jüdischen Turnerschaft“, der dem Kongreß und dem E. A. C. im Aufträge des Ausschusses der jüdischen Turnerschaft die Einladung zu dem am Sonntag stattfindenden Turnerfeste überbringt und auf die Bedeutung dieser Veranstaltung hinweist Hierauf erhält Dr. Ruppin, Jaffa, dem der Kongreß lebhafte Ovationen darbringt, das Wort zu seinem Palästinareferat Geehrter Kongroß! Zum ersten Male, seitdem ich ein Amt in der zionistischen Organisation bekleide, habe ich die Ehre, vor dem höchsten zionistischen Forum zu stehen und über die Arbeit des Palästinaamtes Bericht zu erstatten, mit dessen Begründung und Leitung ich im Frühjahr 1908 meine Tätigkeit begann. Ich will diesen Bericht nicht dazu benutzen, um Ihnen das Geschaffene im Detail zu schildern. Ich denke, daß Sie darüber durch die mehr als reichlichen Mitteilungen in unserer Presse, durch den Ihnen gedruckt vorliegenden Bericht des E*. A. C. an den Kongreß und durch das Referat des Herrn Vorsitzenden des N. F.-Direktoriums zur Genüge unterrichtet sind. Ich stelle mir deshalb in meinem Berichte eine andere Aufgabe. Ich will die prinzipiellen Fragen erörtern, die bei der Beurteilung unserer Tätigkeit immer wieder auftauchen; ich will Ihnen die Grundzüge des Systems aufzeigen, das uns zur Richtschnur gedient hat; und ich will ferner darlegen, weshalb wir von allen möglichen Wegen bei unserer Arbeit gerade diesen Weg gegangen sind. Als ich im Jahre 1907 noch als einfacher Tourist Palästina mehrere Monate lang durchreiste, deprimierte mich am meisten die Energielosigkeit und Mutlosigkeit, die ich unter den Juden, besonders in den Kolonien in Judäa, Samaria und Obergaliläa vorfand.