Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 4 (7.9.1913)
- Date
- 1913-09-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. IV 65 DIE^ELT geschehen kann? Es wurde weiter gesagt: Wir wollen nicht — und das ist ein geflügeltes Wort in gewissen zionistischen Kreisen geworden —.wir wollen nicht den Zionismus zu einem kolonisations- und einem Achad-Haamistischen Kultur-Verein degradieren. Ich will zeigen, was dieses Wort bedeutet. Gewiß, das, was wir heute in Palästina haben und was wir heute dort mit unseren Mitteln machen können, ist sehr wenig, sogar noch weniger als ein Kolonisationsveiein, aber ich frage: Wo stünden wir heute, wenn nicht das wäre, was wir heute in Palästina haben? Glauben Sie, daß man uns in irgend einer Weise ernst genommen hätte, wenn Sie nur in Wien oder im Haag auf Kongressen wären? Sagen Sie nicht schließlich in letzter Linie, wenn Sie agitieren, wenn Sie zum Volke gehen und wenn Sie zu Nichtjuden gehen: Das und das haben wir in Palästina erreicht und wir beweisen dadurch, daß man das und das in Palästina noch machen kann? Und weiter! Heute gehören dem jüdischen Volke nur 2% des Landes; wenn dem jüdischen Volke 4% des Landes gehörte, so wären wir eine politische Bewegung, die zweimal so stark wäre wie die jetzige. (Zustimmung, lebhafter Beifall.) Die Stärke, die politische Ueberzeugungskraft wird wachsen, proportional unserer Position in Palästina (Beifall) und daraus ergibt sich — möge nSie es Achad-Haamismus, Kolonisations- oder auch Chowewe-Zionismus nennen — mit eiserner Konsequenz, daß unsere ganze Politik hauptsächlich darin bestehen muß, unsere Position in Palästina immer stärker zu machen. (Lebhafter Beifall und Bravorufe.) Wenn das auch Chowewe-Zionismus genannt wird, eine Schande ist das wahrlich nicht; ein Unglück ist es, wenn man das, was wir in Palästina gemacht haben, wie Dr. N o r d a u, als einen Diamanten bezeichnet, als ein kostbares Schmuckstück, nur zum Zeigen, das man in Samt und Seide einhüllen soll. Das ist ein Stück unseres Lebens, das einzige Stück unseres Lebens, über welches w i r die Kontrolle haben, denn das ganze andere jüdische Leben hier in Goluth gehört nicht uns und wird von anderen Faktoren beherrscht. Was wir aber in Palästina schaffen, ist in erster Linie unsere Tat. (Beifall) Und nun, wie haben sich die Begriffe verdreht! Betreffs der Privatinitiative! Wenn ein steinreicher Mann nach Palästina kommt und er die ersten zwei oder drei Jahre 20 oder 30% seines Vermögens verlieren soll, dann geht er von Palästina weg, also entweder wird die Privatinitiative den kleinen oder mittleren Mann überhaupt nicht nach Palästina bringen oder wenn sie ihn nach Palästina bringt, dann geschieht folgendes: Derjenige, der mit einem kleinen Kapital arbeitet und der jeden Tag auf den morgigen Verdienst angewiesen ist, muß arabische Arbeiter nehmen, weil sie billiger sind, er muß sich den Verhältnissen sofort anpassen. Er kann kein nationales Werk schaffen in dem Sinne, wie wir es haben wollen. Die Institute sollen das nationale Werk schaffen, sie können es auch tun, sie sind nicht auf den Verdienst von morgen angewiesen. Das hat uns auch das Leben gezeigt. Wir haben in Palästina gerade nur auf denjenigen Kolonien und Besitztümern, wo die Institute gearbeitet haben, den Typus des jüdischen Arbeiters und des jüdischen Bauers. Das ist auch eine Bedingung, für die man schwer bezahlen muß und die noch schweres Geld kosten wird, und nun frage ich Sie, wollen Sie diese Bedingung bezahlen oder nicht? Herr Fischer sagt, alles, was der offizielle Zionismus dort gemacht hat, ist ökonomisch faul. Es ist wahr, daß dieseTätigkeit ökonomisch eine schlechte Bilanz zeigt. Sie zeigt aber moralisch eine andere Bilanz, eine Bilanz von so und so viel jüdischen Arbeitern, die für die politischen Zwecke vom Standpunkte der Bedingungen mehr wert sind, als der ökonomische Verlust an den Gütern des Nationalfonds (Zustimmung und Beifall). Wenn die zionistische Leitung die Gründung von Schulen in Palästina zu einem Bestandteil des Programmes macht, sie wird sofort gerufen: Achad-Haamistischer Zionismus, das ist Kulturzionismus und Herr Fischer hat in seinem schönen und ehrlichen Artikel eine Rechnung gemacht, mit Proportionen: so und viel Kultur so und so viel praktische Arbeit, und infolgedessen hat er aus dieser Berechnung die Summe gezogen, daß wir eher Achad-Haamistische Zionisten sind, als politische Zionisten. Herr Fischer, ich möchte das ein für allemal hier verstanden wissen, ich mache wahrhaftig den verzweifelten Versuch, Grundbegriffe der zionistischen Bewegung von dieser Tribüne aus noch festzulegen. Es gibt Momente im Leben von Völkern und auch im Leben des jüdischen Volkes, wo eine Schule eine politische Tat ist (Lebhafter Beifall). Es gibt noch Leute ln der Welt, die Politik anders anffassen, als die Herren Fischer, S y r k i n, sogar als Herr Dr. N o r d a u. Ich habe meine Herren, Herrn Fischer zugerufen und wiederhole es auch jetzt, uns trennt eine Weltanschauung. Ich will das erklären. Wir sind nicht so dumm und so kindisch, wenn wir vielleicht auch Professoren, Dichter oder Gelehrte sind, um nicht die Schwierigkeit unserer jetzigen Aufgabe zu sehen. Wir, die wir seit Jahren an dieser Aufgabe arbeiten. Aber warum sind wier alle hier trotz der Schwierigkeiten? Weil in uns der Glaube lebt, daß im jüdischen Volke eine Kraft schlummert, die erwacht und lebendig wird, wenn es das jüdische Land berührt. (Beifall.) Dieser Glaube, gepaart mit dem Willen zur Regeneration dieser Kraft, hat uns hieher geführt und erst wenn Palästina vom Mittelmeer überschwemmt werden sollte, würden wir keinen Kongreß mehr haben. Wenn Nordau nicht der große Einsiedler von Paris wäre, sondern in die Judengasse gekommen wäre, wäre er auch zum Zionistenkongreß gekommen. (Lebhafter Beifall und Bravorufe.) Trotzdem uns Wolffsohn mit seiner Resignation gedroht hat, glaube ich es ihm nicht. Er ist besser als sein Wort, er wird kommen, er wird da sein und arbeiten. (Lebhafter Beifall.) Darum sagen wir, der Grundsatz unserer Politik ist: die Großmacht, mit welcher wir verhandeln, ist das jüdische Volk. (Beifall.) Von dieser Großmacht erwarten wir alles, von den anderen Großmächten — das ist Nebensache! (Sehr richtig.) Das ist unsere Anschauung, das ist unser leitender Grundsatz. Meine Herren! Sie werden bald über die Bankfrage abstimmen und Sie werden über die Leitung Ihr Vertrauensvotum abzugeben haben. Sie werden der Leitung etwas auf den Weg geben müssen. Man erwartet von der zukünftigen Leitung, daß sie geradeso wie die gegenwärtige uns wieder einen Schritt näher bringt zu Palästina und sie soll es dadurch tun, daß sie diese großen Prinzipien der Politik in Wirklichkeit umsetzt. U ssischkin hat in seiner hebräischen Rede einige Prinzipien festgelegt, die nicht weiter von den andern berührt worden sind, aber diese Prinzipien sind es nach meiner Meinung, die die Grundprinzipien unserer weiteren Politik bilden sollen. Wir müssen sehen, die Tore nach dem Osten offenzuhalten und vor allem das ottomanische Judentum, das Judentum des Ostens für unsere Zwecke zu gewinnen. Wir wollen weiter sehen in Palästina, sei es durch ökonomische, sei es durch kulturelle Mittel, den Jischuw haorez weiterzuführen. Das sind die zwei Grundprinzipien der Politik. Alles andere ist nur Mittel zum Zweck. Ich will noch wenigstens mit zwei Worten auf die Bank und den Aufsichtsrat, dem ich nicht angehöre, zu sprechen kommen. Ich habe, wie ich schon einmal erklärte, gar keine Ambition, im Aufsichtsrat zu sitzen, übrigens weiß ich ganz genau, was dort vorgeht. Ich habe mir auch die Frage vorgelegt. Ist es warhaftig notwendig, daß der Aufsichtsrat aus lauter Kaufleuten besteht? Ich halte nicht soviel von den kaufmännischen Eigenschaften meines Freundes Motzkin, daß er gerade geeignet wäre, in den Aufsichtsrat zu gehören. (Heiterkeit.) Herr Wolffsohn lacht. Ich weiß, warum er lacht. Der Aufsichtsrat ist diejenige Körperschaft, die die zionistische Richtlinie der Banktätigkeit festlegen soll, und die zionistische Richtlinie festzulegen, dazu glaube ich gerade so gut kompetent zu sein, wie die Herren Katzeneisohn oder Kann. Ich sehe auch gar nicht ein, warum es heißt, es handle sich darum, die Finanzinstitute einer Partei auszuliefern. Was ich sehe, ist das Gegenteil. Ich sehe gewissermaßen eine erbliche Oligarchie mit einem Schwiegervater an der Spitze. Diese Oligarchie mit einem Schwiegervater an der Spitze will die Richtlinie festlegen. Herr Wolffsohn sagte gestern mit voller Ueberzeugung: Wenn etwas wichtiges Zionistisches zu machen ist, dann natürlich, dann selbstverständlich. Aber Herr Wolffsohn! Wer soll denn feststellen, was zionistisch wichtig ist? (Zustimmung, Beifall.) Es ist möglich, daß wir uns nicht einigen werden, was zionistisch wichtig ist. Manchmal erscheint Ihnen etwas sehr wichtig, was mir unwichtig ist, und wahrscheinlich auch umgekehrt. Das also geht nicht. Ich glaube an Ihren väterlichen Willen, die Bank zu