Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Ausgabe III (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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50 Nt. III WEDELT auf einige Richtlinien richten. Ich muß hier zuerst ein Bekenntnis ablegen : Am X. Kongreß war ich in der Opposition gegen die damalige Leitung. Um was handelte es sich uns damals? Es wäre ein Fehler, zu glauben, daß die Majorität des X. Kongresses einen Personenkampf geführt hätte, niemand von uns glaubt auch daran. Es war ein Prinzipienkampf. Leine Grundlage war folgende: Wir haben uns gesagt: Die zionistische Idee ist von einer großen Weltidee zu einer kleinen Geschäftsbewegung herabgesunken. Wir haben uns gesagt, in der zionistischen Bewegung feht jetzt der weite Horizont, wir haben nicht mehr den Adlerflug und den Adlerblick, wir haben nur kleine Geldinstitutionen und kleine Berechnungen. Wir haben uns gesagt, in der zionistischen Bewegung herrscht der merkantile Geist lebhafte Unruhe), den wir aus unserer Bewegung ausmerzen wollen. Wir wollen unserer Bewegung die frühere Kraft und den früheren Schwung wieder geben; wir müssen deshalb an die Spitze eine Leitung setzen, die von diesen unseren Ideen begeistert und beseelt ist. Wir haben unser E. A. C. gewählt Ich bin nie gegen dieses E. A. C. gewesen und werde auch unter denjenigen sein, die dafür votieren werden, Dank und Descharge dem E. A. C. auszusprechen. Wir wollen aber nicht in dem Zustande einer falschen Euphorie uns selbst so täuschen, daß wir glauben, daß in unserer Bewegung alles so geht, wie es sein sollte. Nun frage ich Sie, ist wirklich aus unserer Bewegung der merkantile Geist beseitigt worden? Ist wirklich unsere Bewegung zu ihrem früheren Schwung zurückgekehrt? Mit tiefer Betrübnis müssen wir konstatieren, daß wir jetzt tiefer stehen als vor dem X. Kongreß. (Beifall und Widerspruch.) Von den Faiben des Zionismus ist nur die gelbe Farbe des Metalles geblieben. Die zionistische Bewegung ist eine Bewegung von Kollekten und Geldinstitutionen geworden. (Zustimmung.) Der merkantile Geist hat sich in unserer Bewegung gesteigert. Es fehlt an ideellen Grundlagen, ja mehr noch, alle Versuche, den Zionismus theoretisch zu vertiefen und zu begründen, werden ausgelacht. Wenn ein Schriftsteller oder ein Redner auftritt und an den früheren Glanz des Zionismus erinnert, da heißt es, meine Herren, daß er nichts gelernt und nichts vergessen habe. Wir haben in der zionistischen Bewegung jetzt eine ganze Menge von Institutionen. Wir haben verschiedene Geldinstitutionen, die gut oder schlecht gedeihen. Eines fehlt jetzt: der allumfassende, ideelle zionistische Gedanke, der Gedanke des politischen Zionismus. (Lebhafter Beifall und Zwischenrufe.) Wir haben das Recht zu verlangen, daß das E. A. C„ in dessen Mitte Männer des Geistes sind, dazu beiträgt, daß unsere Bewegung vertieft und unsere Idee vergrößert und verschönert werde. Wir aber haben vom E. A. C nur immer einen Ruf gehört: Kollekten! Geld für die und jene Institution, nur Geld und Geld! Und mit dieser Speise sind wir zwei Jahre lang gefüttert worden. Wir sind dieser Speise überdrüssig. Es tut weh, zu sagen, daß das E. A. C. Schriftsteller zu Kollektanten umgewandelt hat, Priester zu Gabonim. (Stürmische Protestrufe) Ich bin der Letzte, der behauptet, daß keine Kollekten nötig sind. Die palästinensischen Behörden werden bestätigen, daß ich persönlich für Palästina- Sammlungen nicht wenig geleistet habe, aber wenn ich sehe, daß dieser Teil zum ganzen Organismus wird, mit dem ganzen Organismus verwechselt wird, dann müßten wir sagen: Caveant Consules! Eine Gefahr droht unserem Zionismus. (Widerspruch und zahlreiche Zwischenrufe.) In allen Sprachen haben Sie gelesen: die Eintragung in das goldene Buch für das Ende des ersten Buches, der Anfang des neuen Buches wird versteigert. Ich frage: Ist das die Evolution des jüdischen Geistes, die wir im Zionismus herbeiführen wollen? (Zwischenrufe, Unruhe.) Ich frage: Wir sind eine moderne VoTkspartei, eine demokratische Partei, die darnach gestrebt hat, den jüdischen Geist zu fördern und eine innere Revolution im jüdischen Geiste hervorzurufen. Wie verträgt sich damit, daß wir die Eintragung in unserem Nationalfondsbuch verkaufen und noch dazu in einer solchen Form, die für unser zionistisches Feingefühl nur verletzend sein kann. (Sehr richtig und Widerspruch.) Schluß der Mittwoch - Nachmittagssitzuug Die Rede Ussischkins Verehrter Kongreß! Ich habe es vermieden, bisher in die Debatte einzugreifen, weil ich mir gedacht habe, daß hier der Ort ist, an dem man über die allerwichtigsten Grundsätze des Zionismus sprechen sollte. Zu meinem Leidwesen habe ich vergebens auf das Auftreten jener Partei gewartet, die mit unserer neuen Richtung unzufrieden ist, und die uns doch endlich sagen sollte, warum und womit sie eigentlich unzufrieden sind. Wie stellen Sie sich denn die Arbeit unserer Organisation vor? Nun meine Herren, ich bin einer derjenigen, die die Verantwortung für diese neue Richtung mittragen, und ich bin der Ansicht, daß es wirklich recht ist, die Tätigkeit der Leitung einer Kritik zu unterwerfen, d. h. darnach zu sehen, ob sin unser Mandat richtig ausgeführt hat. Vorerst aber muß festgestellt werden, daß wir diesmal überhaupt vor einer ganz neuen Erscheinung stehen. Bis zu diesem Kongreß hatten wir wohl Leiter, Führer, aber keine Leitung. Es ist jetzt das erste Mal, daß vor uns ein verantwortliches Komitee steht, das uns nicht bloß formell, sondern auch tatsächlich Rechenschaft schuldig ist und leisten will. Und ich erkläre da offen vor aller Welt: Wir sind mit unserer Leitung zufrieden! (Stürmischer Beifall.) Ich drücke Euch — Freunde vom E. A. C. — die Hände und sage Euch besten Dank. Ihr habt Eure ganze Kraft, Eure ganze Zeit und alle Eure Fähigkeiten in den Dienst unserer Sache gestellt und habt soviel erzielt, wie es Euch nur möglich war. Wenn Ihr nicht noch mehr erzielt habt, so ist es unsere Schuld, die Schuld derjenigen, die Euch die Mittel zur Arbeit vorenthalten haben. Palästina habt Ihr uns zwar nicht erworben, aber Ihr habt uns ihm einen Schritt näher gebracht. Und auch da habt Ihr uns einen riesigen Fortschritt gezeigt, daß Ihr, die Professoren und Doktoren, es vermocht habt, Euer Geschäftsjahr ohne Defizit abzuschließen, was bei den Kaufleuten und Bankiers doch nie der Fall gewesen war. Ferner habt Ihr auch auf geistigem Gebiete Eure Tatkraft und innere Macht gezeigt. Ihr seid in eine Stadt voll Mißtrauen als Fremde unter den ungünstigsten Verhältnissen eingezogen, und, siehe da, welche Schar von jungen, fruchtbaren Kräften sich um Euch gesammelt hat! Nun will ich aber auch über diejenige Frage ein Wort reden, die unsere Gesinnungsgenossen seit Wochen in Spannung hält. Ich gestehe es: Für mich ist diese Frage gar nicht so wichtig; aber, wenn man schon über sie spricht, so sollen Sie auch meine Meinung hören. Dr. Katzeneisohn hat hier von der Notwendigkeit gesprochen, unsere Finanzinstitute zu überwachen und er hat sich bemüht, dabei auch auf einen Ausspruch von mir Bezug zu nehmen. Aber, lieber Dr. Katzeneisohn, eben darum, weil ich immer für die Ueberwachung unserer Institute gewesen war, bin ich auch jetzt für die Ansichten des E. A. C., weil ich gerade bei denen, die heute die Bank überwachen, keinen besonderen Eifer wamehme. Herr Dr. Katzeneisohn wird sich wohl daran erinnern, daß wir hier in dieser Stadt, als noch die Diplomatie bei uns im Vordergrund stand, beisammensaßen und die Frage der Deckung der El-Arisch-Expedition diskutierten. Herr Dr. Katzeneisohn wird sich wahrscheinlich entsinnen, daß ich auch damals gegen die Antastung der Bank war. Denn ich war einer dafür, daß die Gelder der Bank bloß für Palästina Verwendung finden können. Dagegen waren Sie immer der Ansicht, daß die Bank ein „politisches Instrument“ der Bewegung sei, und wenn Sie konsequent sein wollten, müßten Sie im Gegenteil