Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Ausgabe III (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. III 45 DIE2$KELT ich vom Gesichtspunkt der Pietät gegen Nordau begreife, den ich aber als verantwortlicher Redakteur der „Welt* nicht teilen konnte und wenn ich wieder in eine solche Situation käme, so würde ich wieder gezwungen sein, die politischen Gesichtspunkte, die für die gesamte Organisation schwerwiegend sind, voranzustellen. Redner bespricht sodann einige Artikel der .Weit“ und wird vom Präsidenten aufgefordert, nicht wörtlich zu zitieren, da er nicht das Wort zur Debatte bekommen habe, sondern nur, um auf Angriffe zu antworten. Ich gehe jetzt auf die Bemerkungen über, die Herr Doktor Rosenfeld und vorhin Herr Chasanowitz über die theoretische Haltung der .Welt“ gemacht haben. (Rufe: Warum sprechen Sie nicht über die Pariser Rede Dr. Nordaus?) Wir haben die Rede Dr. Nordaus, die er zuletzt in Paris gehalten hat, aus dem Grunde nicht abgedruckt, weil wir nicht unmittelbar vor dem Kongreß diese ganze Angelegenheit aufrollen wollten. (Oho- Rufe, Lärm.) Wir haben uns nur gegen den Passus in der Rede verwahren müssen, der sich auf die geschäftliche Tätigkeit bezog. Ueber alle anderen Fragen wollten wir das Urteil dem Kongresse überlassen. Was nun die theoretische Haltung der .Welt“ betrifft, so ist es selbstverständlich, daß man nicht alle Gruppen im Kongresse in dieser Hinsicht befriedigen kann. Die Redaktion der .Welt“ kann natürlich nur auf dem einen oder anderen Standpunkte in den vielen Streitfragen stehen, ich glaube aber, daß, soweit eine Streitfrage überhaupt vom zionistischen Standpunkt mit Vorteil diskutiert werden kann, sie in diesen zwei Jahren auch in der .Welt“ diskutiert wurde. Es gibt allerdings Nuancen, die so stark von unserer zionistischen Anschauung abweichen, daß man sie direkt bekämpfen muß, zum Beispiel die Nuance des jetzt modern gewordenen Alljudentums, das sich eine eigene Revue in Westdeutschland begründet hat. Diese Gedanken konnten wir in der »Welt“ in keiner Form akzeptieren. Ich stehe auf dem Standpunkte, es wäre der Ruin des Zionismus, wenn man unsere zionistische Anschauung ersetzen wollte durch ein verschwommenes Alljudentum und sagen wollte: Dort gibt es ein Judentum und da gibt es ein Judentum und man sieht zu, wie sich das Judentum überall entwickelt. (Bravo) Die politische Aufgabe des jüdischen Volkes im gegenwärtigen Zeitpunkte ist, sich eine Heimstätte in Palästina zu schaffen und dort durch Belebung der hebräischen Sprache ein nationales Zentrum zu bilden. (Stürmischer Beifall.) Das ist keine Theorie, das ist Tagespolitik eines Volkes, das erkennt, welches seine erste, nötigste und dringendste Aufgabe ist, und das ist der Standpunkt, den die „Welt“ vertreten hat. (Stürmischer Beifall und Zustimmung.) Dr. Reich: Im Namen des galizischen Zentralkomitees gestatte ich mir, hier unsere Stellung gegenüber dem jetzigen A. C. und gegenüber den Fragen, die im Bericht des A. C. berührt werden, darzulegen. Ich glaube, daß unsere Stellungnahme umso beachtenswerter ist, als wir ganz unparteiisch urteilen können, da wir weder im E. A. C. eine Vertretung hatten, noch auch zu irgend einer Opposition geschworen haben. Vor allem stelle ich fest, daß diegalizischeLandsmannschaft der Arbeit des bisherigen A. C. mit vollem Vertrauen entgegengesehen hat und daß sie das System und die Richtung, in der die Arbeit der jetzigen Leitung geführt wurde, mit Sympathie begrüßt. (Bravo.) Wir wissen dem A. C. Dank dafür, daß die Arbeit in Palästina so intensiv und mit solchem Verständnis geführt wurde, wir wissen ihm Dank für seine Bestrebungen um die Nationalisierung und Hebraisierung des jüdischen Volkes, für die Konsolidierung der Organisation und dafür, daß jeder jetzt wirklich sich angegliedert fühlt an die Bewegung. Dies hindert uns freilich nicht, auch die verschiedenen Mängel zu sehen, die an der Leitung zu konstatieren waren. Diese Mängel sind jedoch von allzugeringer Bedeutung gegenüber dem System der Großzügigkeit, das die ganze Bewegung beherrscht hat, gegenüber der vorwärtsstrebenden Arbeit(Zustimmung.) Weil wir zum A. C. Zutrauen haben und es nur normal finden, was die jetzige Leitung von uns verlangt, werden wir uns dafür einsetzen, daß das Instrument, das zur Realisierung des Programmes dient, also dasFinanzinstrument, dem Einflüsse der Leitung der Bewegung unterstellt wird. Auch ich habe Bedenken dagegen, daß die Kolonialbank in jeder Beziehung der Leitung der Bewegung „ausgeliefert“ wird. Es ist dies das Wort, das unsere Widersacher gewöhnlich gebrauchen. Ich gebe Herrn Dr. Katzeneisohn Recht, der gestern gesagt hat, die Bank sei ein kommerzielles Unternehmen, wiewohl ich wünschen würde, wir könnten von dieser Kommerzialität auch jetzt mehr merken, wo sich die Leitung der Bank in andern Händen, als denen des A. C. befindet. (Zustimmung.) Ich glaube, daß wir diese Bedenken dadurch beseitigen können, daß nicht absolut alle „Professoren“, wie man ironisch sagt, die in der Leitung stehen, auch selbständig die Bank werden leiten müssen. Aber es muß die Gruppe, die heute meiner Ansicht nach die Majorität der Bewegung bildet, auch einen ausschlaggebenden Einfluß erhalten auf die Leitung der Finanzinstrumente der Bewegung. (Lebhafter Beifall.) Ich kenne die Ein wände, die dagegen erhoben werden. Man sagt, die Leitung der Bewegung könne das Geld der Bank für irgendwelche momentane Zwecke vergeuden und die Depositäre würden plötzlich ohne Depositen dastehen. Aber über dem Gelde steht noch etwas Heiligeres, was wir der Leitung anvertraut haben. Wenn man sagt, die Bank habe das Geld nicht nur von Zionisten bekommen, so muß man entgegnen, daß die Idee nicht nur den Zionisten dienen soll, sondern dem ganzen jüdischen Volke. (Beifall.) Wenn wir der Leitung der Bewegung unsere Idee, unsere Seele, die Zukunft des jüdischen Volkes anvertraut haben, so müssen wir auch soviel Gewissenhaftigkeit besitzen, ihr das Geld des jüdischen Volkes anzuvertrauen. (Stürmischer Beifall.) Wir werden hier im Kongresse vor eine gewaltige Frage treten, die Frage der zu gründenden Universität in Jerusalem. Es wäre verfrüht, über diese Frage zu diskutieren, bevor wir noch die Referate gehört haben. Die Frage wird aber jedenfalls positiv entschieden werden müssen, und wenn sie jetzt verschoben wird, so ist es nur eine Frage der Zeit, daß die Universität errichtet wird. Wir verlangen daher, daß die Leitung schon jetzt ihre Aufmerksamkeit allen Institutionen zuwendet, die als Unterlage für die Universität dienen können, wie Schulen, Gymnasien, Nationalbibliothek, mikrobiologisches Institut etc. (Beifall.) Weil wir dem A. C. so große Aufgaben stellen, bedauern wir, daß nicht alle, die in der zionistischen Bewegung sich befinden, hier bei uns weilen. Ich bin nicht der Meinung, daß es sich um den persönlichen Ehrgeiz mancher dieser Herren handelt, ich kann nicht annehmen, daß bei Dr. Nordau, Marmorek anderen, die ich hochschätze, und deren Verdienste um den Zionismus ich zu würdigen weiß, persönliche Motive mitspielen. (Sehr richtig!) Ich muß auch nach der Erklärung des Herrn Redakteurs der „Welt“ hier feststellen, daß die galizische Landsmannschaft den Eindruck hat, es sei den Herren, die hier im Kongreß fehlen, von der Leitung des Organes Unrecht geschehen. (Zustimmung.) Wir müssen der Ueberzeugung Ausdruck geben, es habe manchmal den Anschein, daß das Parteiblatt zu einem Parteilichkeitsblatt geworden ist. (Sehr richtig!) Es ist wieder eine Kluft zwischen zwei Anschauungen zum Vorschein gekommen; die eine wird von den Herren vertreten, die sich absentiert haben, die andere von der Majorität. Aus den Reden Dr. Nordaus und Marmoreks ist zu ersehen, daß sie glauben, man könne wieder auf diplomatischem Wege zum Ziele gelangen, und daß sie der Leitung vorwerfen, sie richte ihr Augenmerk vor allem auf die Arbeit in Palästina. Diplomatische Züge sind unentbehrlich, aber während jene Herren nur darauf rechnen, daß die Juden durch die Macht der diplomatischen Situation zu ihrem Rechte gelangen können, glauben wir, daß vor allem die Macht des Willens, die Macht des Lebenswillens notwendig ist. (Stürmischer Beifall.) Die Herren werfen der Leitung vor, daß sie viel Geld für verschiedene Experimente in Palästina verschleudert, die man der Privatinitiative überlassen sollte, weil das Geld immer riskiert wird. Auch wir wünschen, die Leitung möge sich bestreben, die Privatinitiative heranzuziehen, aber wir verstehen sehr gut, daß die Leitung auch ihre eigene Initiative geben muß, wenn es sich auch nur um Experimente handelt. (Beifall.) Wenn man sagt, man dürfe das Geld nicht riskieren für Sachen, die noch nicht sicher sind, so dekretiert man den Tod für mehr als vierzig Kolonien in Palästina, für Schulen, Spitäler etc., denn überall war das Geld riskiert, als man es zum erstenmal hergab. (Zustimmung.)