Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Ausgabe III (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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44 Nr. III DIE^EELT früheren Jahren. Wir sind zufrieden, daß unsere neue Leitung mehr Aktivität in Palästina entwickelt hat, aber damit will ich nicht sagen, daß wir mit allem zufrieden sind, was das A. C. in Palästina getan hat. Wir haben eine Reihe von Klagen über die Arbeiten, die das A. C. und seine Aemter in Palästina geschaffen haben. Wir haben die Klage, daß der Nationalfonds, welcher geschaffen wurde zur Nationalisierung der Erde, verwendet werde für private Zwecke. Wir wiederholen diese Klage von Kongreß zu Kongreß und werden sie solange wiederholen, bis das A. C. den Nationalfonds zu seinem ursprünglichen Zweck zurückführt. (Rufe: Was heißt Privatzwecke?) Für Tel Awiw und andere solche Sachen. Meine Herren! Heber diese Frage und ähnliche werden unsere Vertreter aus Palästina sprechen und daher will ich zu anderen Fragen übergehen. Einen großen Teil unserer Beratungen nimmt MaxNordau in Anspruch, welcher heute abwesend ist Er ist der Gegenstand unserer Debatte. Wir stimmen weder mit den Prinzipien, noch mit der Taktik des Herrn Nordau überein. Aber wir meinen durchaus, daß das A. C. nicht frei von Schuld an den Vorkommnissen ist. Es hätte mehr Rücksicht auf ihn und seine Freunde nehmen müssen. Wir stimmen nicht mit ihm darin überein, daß die Idee, auf welche er sich, als das Erbe Herzls beruft, der wichtigste Teil des Erbes sei. Wir denken nicht, damit steht und fällt die ganze Gedankenarbeit Herzls. Wir hätten am wenigsten erwartet, von einem Manne, wie Nordau, der die »Konventionellen Lügen“ schrieb, daß er von einer Botschafterkonferenz in London Hilfe für das jüdische Volk erwartet hätte. Disziplin muß in jeder Organisation sein und für jeden ist sie maßgebend, groß oder klein. Wenn er einen Brief schrieb in der „Times* und „Präsident des X. Zionisten- Kongresses“ zeichnete, dann hätte er zuerst das A. C. fragen sollen, ob es damit einveistanden ist und da er es nicht tat, so beging er damit einen Disziplinbruch. Aber trotzdem durfte das A. C. Nordau nicht zum alten Eisen werfen. Wir sind gegen den Personenkultus, der seit je im Zionismus betrieben wird, deshalb macht es aber einen umso peinlicheren Eindruck, daß ein Mann, der Herzl fast gleichgestellt und wie ein Halbgott verehrt wurde, mißhandelt wird, im Momente, wo er in die Opposition tritt. Warum wurde die Rede Nordaus nicht in der „Welt“ abgedruckt, dagegen aber eine Unzahl von Preßstimmen gegen ihn zitiert? Wir fragen uns mit Unruhe, was würde mit einer anderen Opposition geschehen, welche kleiner als Nordau ist? Wir sind dafür, jede Opposition soll zum Worte kommen und daher prostestieren wir gegen den Ton der „Welt“ gegen Nordau. (Zustimmung.) Meine verehrten Herren! Ich muß heute mehr über die „Welt“ sprechen. Wenn man sich für Politiker hält, dann müssen an der Spitze verantwortliche und taktvolle Personen stehen. Wir wissen nicht, was hinter den Kulissen vorging, aber nach dem, was wir in der „Welt“ gelesen, haben wir den Eindruck, daß hier eine Unkorrektheit geschehen, für die das A. C. verantwortlich gemacht werden muß. Ferner protestieren wir gegen die verächtliche Behandlung der jüdischen Sprache in der „Welt“. Die „Welt“ ist kein Organ der deutschen Zionisten, sie ist ein Organ des Zionismus. Meine Herren! Ich muß sagen, die kulturelle Höhe der „Welt“ paßt nicht für die zionistische Organisation. Sie muß besser sein, als irgend ein Organ einer Landsmannschaft. In ihr sollten alle großen Schriftsteller und Publizisten zu Worte kommen, die wichtigsten Probleme sollten beleuchtet werden. Was sehen wir statt dessen? Vereinsmeierei. Sie ist wie ein gelbes Käseblattel. Präsident Wolffsohn: Herr Chasanowitz. Sie haben das Recht, Kritik zu üben, sind aber nicht berechtigt unser Zentralorgan verächtlich zu machen. Nehmen Sie das Wort zurück. Sie sind in der Lage, in parlamentarischen Ausdrücken, auch in der jüdischen Sprache zu sprechen. Chasanowitz: Ich versteife mich nicht auf Ausdrücke, aber der Inhalt der „Welt“ steht nicht auf der entsprechenden Höhe. Ich muß feststellen, daß in der „Welt“ keine Wortfreiheit herrscht. Man ließ uns nie zu Worte kommen. Dagegen protestieren wir. Ich habe den direkten Auftrag von der Poalei-Zionistischen Organisation von der Konferenz, die in Krakau abgehalten wurde, gegen die Art der Beziehungen der „Welt* und der zionistischen Redner zur jüdischen Sprache zu protestieren. Der Zionismus muß zum Herzen des Volkes dringen. Auch protestieren wir gegen die Schwäche, die das A. C. dem Misrachi gegenüber gezeigt hat. Das A. C. hat sich eine rabbinische Kontrolle geschaffen. (Pfuirufe.) Präsident Wolffsohn: Ich glaube, von der Galerie ist das Wort PfuL gerufen worden. - Ich mache die Galerie aufmerksam, wenn Sie sich nicht ruhig benehmen, werde ich gezwungen sein, strengere Maßregeln zu ergreifen. Chasanowitz (fährt fort): Wir stellen mit Zufriedenheit fest, daß manches sich gebessert hat, speziell die Palästinaarbeit befriedigt uns mehr als früher; wir haben aber noch Klagen und Forderungen bezüglich der Agitation, in bezug auf Behandlung der jüdischen Sprache und bezüglich der Taktik. Hier haben das A. C. und seine Organe versagt, ich wiederhole, erst wenn man uns einen Bericht über die Palästinaarbeit vorgelegt hat, der uns befriedigt, können wir uns über das Vertrauensvotum entscheiden. (Beifall.) Präsident Wolffsohn: Ich erteile das Wort Herrn Lichtheim zur Antwort auf einzelne Angriffe, welche in der Debatte gegen „Die Welt* gerichtet wurden. Lichtheim: Geehrter Kongreß! Ich habe in den letzten zwei Jahren die Ehre gehabt, Chefredakteur Ihres Zentralorganes zu sein und fühle mich daher verpflichtet, auf einige Bemerkungen, die hier über „Die Welt“ gemacht worden sind, zu antworten. Ich möchte zunächst eine Angelegenheit klarstellen, die in der ganzen jüdischen Oeffentlichkeit, insbesondere in sehr vielen Blättern in Osteuropa, falsch dargestellt worden ist. Nämlich die Haltung der „Welt“ gegenüber unserem, von uns allen hochverehrten Dr. Max Nordau. Es ist verbreitet worden, „Die Welt“ habe gleichsam systematisch sich bemüht, Herrn Dr. Nordau anzugreifen. (Sehr richtig.) Ich behaupte, daß niemals ein Wort in der „Welt“ gestanden ist, das als kränkend für Dr. Nordau aufgefaßt werden könnte und damit Sie nicht denken, daß ich den Umstand benützen will, daß Sie die Angelegenheit nicht ganz in Erinnerung haben, so will ich Ihnen selber das Material vortragen, daß man gegen „Die Welt“ in bezug auf die Affäre Dr. Nordau Vorbringen könnte. Als der Artikel des Herrn Dr. Max Nordau in der „Times“ erschienen war, befand sich „Die Welt“ vor der Frage, wie soll sie sich zu diesem Artikel verhalten? „DieWelt“ ist das offizielle Organ der Partei und sie mußte daher einen Standpunkt einnehmen, der dem Standpunkt des E A. C. entsprach. Nun wissen Sie alle, daß der Artikel Nordaus gegen den ausdrücklich geäußerten Willen des E. A. C. erschienen ist, und zwar mit der Unterschrift „Präsident des X. Zionisten-Kongresses". Die „Frankfurter Zeitung“ hat sich darüber in einem eigenen Telegramm aus London berichten lassen, in welchem stand, Nordau habe im Namen des A. C. der zionistischen Organisation an die Botschafterkonferenz in London zugunsten des Zionismus appelliert Das war die Situation. Nun sagten wir uns, wenn wir den Artikel Nordaus ohne jeden Kommentar abdrucken, so heißt das, „Die Welt“ identifiziert sich mit diesem Artikel; auf der anderen Seite wollten wir es durchaus vermeiden, in der „Welt“ eine schriftliche Campagne gegen Nordaus Artikel zu führen; wir glaubten, die Oeffentlichkeit werde über die Sache rasch hinweggehen, und die nicht jüdische Oeffentlichkeit hat das ja auch getan. Wir wollten also keine Polemik entfesseln, sondern beschränkten uns darauf, daß wir in der Rubrik, die für parteioffiziöse Nachrichten bestimmt ist, in der Rubrik „Aus der Bewegung“, eine parteioffiziöse Notiz brachten, in der wir sagten: Herr Dr. Max Nordau habe einen Artikel veröffentlicht, in dem er Grundsätze und Gedanken des Zionismus entwickelte. Dann sagten wir, die Darstellung der „Frankfurter Zeitung“, die zionistische Organisation hätte an die Botschafterkonferenz appelliert, sei falsch, es handle sich nicht um einen Schritt des Zionismus» Wenn man nun glaubt, wir hätten diesen Gesichtspunkt zurückstellen sollen, weil es sich um Nordau handelt und uns mit seinem Artikel identifizieren sollen, so ist das zwar ein Standpunkt, den