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Die Welt · 1913-09-03 · Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913) · page 19

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913)
Date
1913-09-03
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. I 19 -- DIEÄELT - RUND UM DEN KONGRESS Wien und wir! — die beiden Begriffe scheinen nicht recht zu einander zu passen. Wir schlendern — vorläufig noch frei von Kongreßpflichten — durch die Straßen, von der Wiedner Hauptstraße über den Opernring nach dem Graben oder durch die schattigen Alleen des Praters und freuen uns der wunderbaren Schönheit der alten Kaiserstadt, freuen uns der Atmosphäre von Lebensfreude und Behaglichkeit, die uns allenthalben hier umweht. Wie buntfarbig auch das Menschengewühl in den Straßen, wie verschiedenartig auch die Rassen- und Klassentypen — ein Band scheint sie alle zu umschlingen und einander ähnlich zu machen: die Wiener Gemütlichkeit Daß es hier auch wilde Meinungskriege geben kann, Studentenkämpfe und andere entfesselte Leidenschaften, das kann man sich gar nicht vorstellen. Und in dieses gemütliche Wien haben wir unseren Einzug gehalten; wir, die Jungen, die Stürmenden, die wir Erdteile und Meere überspringen, um uns zu vereinen, die wir zurücktauchen in Jahrtausende der Vergangenheit und Brücken bauen in die Zukunft hinein. Schon ist die Mehrzahl der Delegierten angekommen und wenn man ein Weilchen im Torweg des Musikvereinsgebäudes herumsteht, dann hört man schon die verschiedensten Sprachen durcheinanderschwitren, trifft man zahllose Bekannte, sieht man alle Koryphäen der früheren Kongresse, alle Stützen der Organisation wieder. Vom russischen Gesinnungsgenossen mit dem blassen Fanatikergesicht und den glühenden Augen bis zum strammen deutschen Korporationsstudenten, vom Orientalen mit grauen Locken und mit Sandalen an den Füßen bis zum durchgeistigten österreichischen Schriftsteller sind alle Typen von Zionisten bereits vertreten und dazwischen leuchten die hellen Kleider der zahlreichen mehr oder minder jungen Damen. Noch ist jeder mit sich selbst beschäftigt: man bestürmt die Auskunftsschalter, erörtert die Logisfrage, erkundigt sich nach Straßenbahnverbindnngen und Speisehäusern, geht Verwandte und Freunde aufsuchen und kommt wieder, um neue Freunde zu begrüßen. Noch hat man Zeit zu Spazierfahrten und Verabredungen und zu einem bißchen Schimpfen über dies und das. Die Neuankommenden werden mit einigen bereits zirkulierenden Kongreßwitzen empfangen, wie zum Beispiel — doch nein, die Zionistenstammtische mögen bis zur Heimkehr der Delegierten warten. Aber man spürt dochallenthalben scho n die große Spannung, sieht bereits in allen Ecken kleine Gruppen beisammen stehen, die lebhaft diskutieren. Am meisten wird die Frage nach dem Kongreßpräsidenten erörtert — man tappt noch ganz im Dunklen, aber jeder setzt bereits eine wissende Miene auf. Manchmal kommt ein Beamter des Kongreßbüros eilig durch den Torweg gelaufen und bringt einen Geschmack jener Welle von fieberhafter Arbeit und Nervenanspannung mit sieb, die seit Tagen oben in den Büroräumen wogt. Auch die Landsmannschaften arbeiten schon — sie halten ihre Sitzungen im Beethovensaal; aber fast ebenso wichtige Gespräche wie in diesen Sitzungen werden abends im Cafe an der Marienbrücke geführt, das bereits eine zionistische Flagge herausgesteckt hat. Daß die Stadt sonst irgendwelches Interesse an uns nimmt, davon ist vorläufig nicht viel zu merken; höchstens ein paar Kunstblätter und Ansichtskarten von Palästina und Judentypen, allenfalls auch ein Kinofilm .Palästina“ reden von unseren Interessen. Die Zeitungen beschäftigen sich selbstverständlich ebenfalls mit uns, einige in gehässigster Weise, jedoch — „do kann ma nix machen“! Wir aber empfinden das nicht sehr, wir sind im Augenblick ja doch von uns, unserer Idee und unserer Arbeit so ausgefüllt, daß es uns Vorkommen muß, als bildeten wir den Mittelpunkt der Welt. Bei einem Besuch des Ausstellungssaales, in dem ebenfalls noch rastlos gearbeitet wird, kommen wir an dem großen Kongreßsaal vorbei und werfen schnell einen Blick hinein: noch stehen Hunderte von Sesseln leer und leblos, noch wird an der Tribüne herumgezimmert. Am Dienstag abend wird kein Plätzchen des Riesensaales der Katharinenhalle mehr leer sein, und die Welle von Spannung, die uns alle jetzt umfjngen hält, wird ihre erste Entladung finden in der Begeisterung, die uns emportragen wird bei der Eröffnung des elften Kongresses. H. H. C. Lebende Bilder aus Palästina Im Sofiensaale werden jetzt kinematographische Aufnahmen aus unserem neuen Palästina gezeigt und kein Kongreßteilnehmer, kein Wiener Jude dürfte es versäumen, dieser Schaustellung beizuwohnen. Man genießt, im belebten Bilde festgehalten, den Schimmer einer unerhörten, ganz großen Ereignung und jeder Zuschauer muß fühlen, daß sich drüben auf unserer uralten, ureigenen Scholle der jüdische Mensch erlöst, nicht anders als der Goethe’sche Faust noch unendlichen Irrwegen: .Sieh, wie er jedem Erdenbande Der alten Hülle sich entrafft Und aus ätherischem Gewände Hervortritt erste Jugendkraft.* Wo solche Empfindungen keimen, sind Worte eitel und es wäre müßig zu schildern, wie gleichsam den verdunkelten Zuschauerraum eine Welle von Stolz und Glück und Hoffnung hinauf hebt, wenn dort oben Bilder aus einer nie geahnten Welt vorübergleiten. Sehnige Bauernarme schwingen die Garben auf den Wagen, rüstige Frauengestalten türmen den Heukegel und dazwischen tummeln lebensprühende Knaben der Araberrasse. Man sieht noch, wie hier der verkrustete Boden in mühseligster Arbeit aufgeharscht werden muß und gewahrt schon daneben den duftenden Segen der Orangenhaine und Mandelgärten. Man verweilt bei der idyllischen Bienenzucht der Kolonie Wadi-Chanin, erfreut sich an dem Mädchenfleiße in den Gärten der Lehrfarm K i n e r e t h und besucht den reichen Geflügelhof Pethach-Tikwah’s. Man erlebt die Morgendämmerung in Chedera, geleitet nach heißem Arbeitstage die Erntelast in die Scheune, ergeht sich in der herrlichen Palmenallee S ichron-Jakob’s und sieh den Monumentalbau des Technikums in Haifa aus dem Boden wachsen. Plötzlich wilFs einen mitreißen. Man ruft zur toten Leinwand hinauf und klatscht in die Hände: die Jugend des hebräischen Gymnasiums in Jaffa lacht zu uns herüber, zeigt ihre Muskelkraft und Manneszucht, und braune Mädchen in schneeweißem Linnen turnen schwedisch. Und aufs Glücklichste sieht man alle junge Kraft und Schönheit, alle Liebe und Begeisterung in einem überaus bewegten, ganz köstlichen Bilde: Jung-Palästina feiert in Rechoboth das Passafest. Den Höhepunkt der Vorführung, die an die zwei Stunden währt und eine Fülle von Eindrücken übermittelt, bildet wohl die Jubiläumsfeier der „Bilu“ in Katra, jener Kolonie, die von russisch-jüdischen Studenten, den ersten Pionieren, vor 30 Jahren unter unsäglichen Mühen und Entbehrungen gegründet wurde. Wenn der Aufzug dieser ergrauten Helden der Arbeit an uns vorüberschreitet, grüßt man die Männer, die in ihren Jugendtagen förmlich den Boden mit den Fingernägeln aufkratzten, in Dankschuld und Ehrerbietung. Wer in den Sofiensaal geht und die rasche Fahrt nackt Erez Israel zurücklegt,, lernt erfassen, was in dem kleinen Worte liegt, das sich so leicht ausspricht und das doch das Glück eines ganzen Volkes in sich schließt: der neue Jude in seinem alten Lande. Er wird aber auch um die Erkenntnis reicher, daß alle unsere Leistungen für Palästina in keinem Verhältnis stehen zu den reichen Gaben, die das erwachende Land heute schon der Judenheit spendet. Dr. O. A.

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