Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913)
- Date
- 1913-09-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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18 grenzte Vertrauen, das die Hebräer in ihre Sache setzen und der zuversichtliche Glaube an den endlichen Sieg. Sie als die berufenen Hüter eines kostbaren Volksgutes, hielten sich auch für berechtigt, ihre Forderungen mit rückhaltloser Entschiedenheit zu erheben. (Antrag M o t z k i n daß die neu ins engere Aktionskomitee der zionistischen Bewegung eintretenden Mitglieder die hebräische Sprache beherrschen müssen.) Bemerkenswert war die musterhafte Ordnung, in der die Verhandlungen abgewickelt wurden. Sie zeigten, daß der Genius unseres Volkes seine Kraft kennt und an sie glaubt. Die Tagung bewies uns aber auch, daß die Außenstehenden begonnen haben, an unsere Kraft zu glauben. Die starke Beteiligung der Wiener Judenschaft an der Konferenz hatte ihren Ursprung gewiß nicht in bloßer Neugierde, und das Erscheinen des würdigen alten Mannes, des Wiener Kultuspräsidenten Doktor Alfred Stern, zu Beginn der zweiten Sitzung als Gruß- und Friedensherold im Namen von hunderttausenden Brüdern war mehr als ein Akt der Höflichkeit. Die alma mater Thora, die Knesset Israel hat hier noch einmal ihre schützende Flügel über alle ihre Kinder ausnahmslos und liebevoll ausgebreitet... Besonders starke Eindrücke knüpfen sich an einige Persönlichkeiten, die an der Konferenz teilnahmen: Ein Leo M o t z k i n, der unlängst kein Wort hebräisch verstand und jetzt die hebräische Konferenz hebräisch leitet; ein David J e 1 i n aus Jerusalem, der uns mit seinem kerngesunden hebräischen Wesen an die Gestalten unserer Vorzeit erinnert; ein Izchak Epstein mit seiner hebräischen Symphonie, vulgo Referat über die hebräische Erziehung; oder so ein Fräulein JehuditPiselmann, Studentin an der Universität Charkow, mit ihrem kurzen Referate, waren Gestalten, die, um die ganz Großen gruppiert, das innere Bild des nationalen Heiligtums nur vervollständigen und verschönern konnten. Welche Opfer wurden nun für die gute Sache des Hebräischen gebracht? Hier einige Namen : Zlatopolski, der eigentliche Schöpfer der Bewegung, Neiditsch, Salmon Epstein, Schezkin, Feldstein. Viel Arbeit und viel Geld haben diese Männer der hebräischen Kultur dargebracht. Sie haben ihr die »T’chia“ geschenkt, die am dritten Tage angekündigte Kultur- und Verlagsgesellschaft, die der Fels werden soll, auf den die hebräische Kultur auch im Golus ihren Tempel aulbauen wird. Wo viel Licht, da ist aber gewöhnlich auch Schatten. So mußte denn auch an diesen, an erhebenden Eindrücken so reichen Tagen ein großes und erschreckendes Defizit konstatiert werden: Der hebräische Leser ist im Verschwinden begriffen. Ist das Zufall oder das Ergebnis einer natürlichen Entwicklung? Wer kann bei diesem Wundervolke, das so oft jeder berechnenden Voraussicht 'Hohn gesprochen hat, diese Frage mit Sicherheit beantworten? Gottlob! Fast keiner von den Teilnehmern sieht am Rückgang des hebräischen (und jüdischen) Büchermarktes in den letzten Jahren das Symptom eines, natürlichen Verfalls. Nur dem unseligen, zufälligen Zusammentreffen verschiedener Momente hat man die Schuld an dieser traurigen Tatsache zuzuschreiben. Die großen Wirren im jüdischen Lager in Rußland, die politische und ökonomische Depression, die Verzweiflung, die Auswanderung sind die hauptsächlichsten Faktoren, die auf dieses Efgebnis hinwirkten. David Frischmann, der feinfühlige Geist, der mit der Genauigkeit einer Thermosäule die Wärme- und Kältegiade der nationalen Literatur registriert, hielt uns (in der Morgensitzung des zweiten Tages) ein Referat über unsere schöne Literatur, welches uns das Blut in den Adern erstarren machte. Da kommt B i a 1 i k. Unmittelbar nach Frischmann kommt er mit einem wunderschönen, ungemein jüdischen Referat und will uns durchaus nicht verzweifeln lassen. Wir haben in unserem langen, nationalen Leben schon so manche literarische Krisis durchgemacht, und überstanden! Zu solchen Zeiten aber pflegte sich immer wieder eine eigentümliche Rettungsart einzustellen : Die „C h at i m a“, das Abschließen der bisherigen nationalen Literatur in ihren besten, konzentrierten Auszügen. Es ist nun eben jetzt die Zeit gekommen, so einen neuen Abschluß vorzunehmen, an Nr. I der alten, neuen und übersetzten Literatur, so wie man zu ihrer Zeit die heiligen Schriften .abschloß“, die Mischna, den Talmud. Es muß für den Durchschnittsjuden ein nationaler Extrakt aus unserer Literatur gezogen werden. Das Mittel ist probat. Da kommt Frau Statistik. Hillel Zlatopolski jubelt. Die hebräische Bewegung ist in Rußland ungemein gewachsen. Vereine, Schulen, Kindergärten geben Zeugnis davon. Dagegen kommt der bekannte Literat Czernowitz (Sfog) und will an dem materiellen Stand der hebräischen Literatur schier verzweifeln. Die Debatte greift ein, Trost und Unmut kreuzen die Klingen. Endlich kommt Sukkurs — von jenseits des Ozeans. A. B. Goldberg, Redakteur vom .Jüdischen Volk“ in New York, erzählt uns Dinge von der hebräischen Bewegung in Amerika, die uns fast wie ein Märchen anmuten. Es wurden in den letzten Jahren seitens der jüdischen Gemeinden in Amerika Millionen von Dollars für die Gründung von »Talmud Torah-* Schulen ausgegeben. Die Schulen blühen und erzeugen das beste hebräische Material. Es bestehen dort große Vereine zur Förderung der hebräischen Literatur und Sprache; der Verein .Achiewer“ fördert die hebräische Literatur in Palästina. Die jüngst gegründete hebräische Tageszeitung „Hajom“ hat am ersten Tage in New York fünfzigtausend Exemplare verkauft! Die hebräische Sprache habe also eine glänzende Zukunft in Amerika. In demselben Sinne, ja mit noch größerem Enthusiasmus, spricht auch der immer sehr überlegte und vorsichtige Rüben Brainin, der seit einigen Jahren in Amerika weilt. Der psychologische Konflikt klingt endlich in einer friedlichen Lösung aus, in der Wahl einer literarischen und einer pädagogischen Kommission, die später entsprechende Anträge vorschlagen Am dritten Tage der Konferenz kam die Unterrichtssprache am jüdischen Technikum in Haifa zur Sprache. Nach einer sehr erregten Debatte wurde eine gemäßigte Kommission gewählt die dem Kuratorium des Technikams ein entsprechendes Memorandum vorlegen soll. Und so hatten sich die Gewalten gelegt und man wandte sich nun internen organisatorischen Fragen zu. Es war nicht viel, aber durchaus Gesundes, was da zustande kam. Außer einigen unwesentlichen Aenderungen an der Oiganisation (der Kulturschekel soll gleich dem zionistischen Schekel eine Mark betragen; fünfzig Schekelzahler wählen 1 Delegierten; die hebräische Konferenz soll immer acht Tage vor dem zionistischen Kongreß statifinden; das Zentrum der Organisation bleibt in Berlin, und dergleichen) wurden mehrere Resolutionen angenommen, von denen wir die wichtigsten folgen lassen : L Anträge Bialik: 1. Eine spezielle Kommission wird eingesetzt, die für die Vorschläge von Bialik (in bezug auf die neue „Chatima“) ein Arbeiisprogramm ausarbeiten wird. 2. Es werden vorläufig (durch die »T’chia“) sechs Bände solcher Auszüge herausgegeben werden; zwei aus der alten, zwei aus der neuen und zwei aus der von den fremden Sprachen ins Hebräische übersetzten jüdischen Literatur. II. Antrag Schneior: Die »T’chia“ gibt jährlich zwei Preise für die zwei besten hebräischen Neuerscheinungen belletristischer und wissenschaftlicher Natur. III. Antrag Katzenei s o h n: Es werden Bücher für die reifere Jugend mitVokalisation (»N’kudoth“) herausgegeben. IV. Antrag El! ese r -Kaplan: Die .T’chia“ übernimmt die Regulierung des hebräischen Büchermarktes. Zahlreiche Anträge der pädagogischen Kommission gelangten gleichfalls zur Annahme. Am aussichtsreichsten scheinen die Beschlüsse in bezug auf die Gründung von Kindergärten. So zielten fast alle Beschlüsse dahin, den elementaren hebräischen Unterricht zu fördern. Der höhere hebräische Unterricht bleibt vorläufig noch unberücksichtigt und die Lösung dieser Frage wird der zweiten allweltlichen hebräischen Konferenz eine sehr dankbare Aufgabe bieten. DIE^KELT