Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913)
- Date
- 1913-09-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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6 DIEÄELT und die Zerstörungswut verscheuchte Menschen. Ihr Spaniolisch verstehen die anderen Juden nicht, das Yiddisch der anderen Juden verstehen sie nicht und sofern Hebräisch nicht verstanden wird, bleibt nur die Mimik als Verständigungsmittel. Eine Goluthpantomime. Aber der Schwerpunkt des Volksleids liegt nicht etwa in den blutigen Launen der Weltgeschichte, in Kriegsausbrüchen ' und Verwüstungen, die von entfesselter Leidenschaft angerichtet werden. Das sind Konflikte, Spannungen und Katastrophen vorübergehender Art. Wenn es einen Zustand gibt, der viel mehr die Trostlosigkeit der Lage darstellt, so ist es derjenige, der inmitten tiefsten Friedens im jüdischen Ansiedlungsrayon des europäischen Ostens herrscht. Es ist ein Kriegszustand inmitten tiefsten Friedens, ein Kampf, der mit allen Waffen eines wütenden Hasses, einer rücksichtslosen Verfolgung, raffinierter Ausnahmegesetze und grenzenloser Willkür gegen die ganze jüdische Bevölkerung geführt wird. Mit einer Entschiedenheit und mit einer Folgerichtigkeit, die man an den Elementen einer Reaktion nur sehr selten wahrzunehmen Gelegenheit hatte, werden Schritt für Schritt die Quellen des materiellen und geistigen Lebens, des Erwerbs, der Aufklärung, der Erziehung, der Menschenwürdigkeit, der Sicherheit des Daseins, der Selbständigkeit, der Entwicklung und eines edlen Wettbewerbes systematisch verstopft und verriegelt. Die noch vorhandenen Ueberreste beschränkter Existenzmöglichkeiten werden bis in ihre dunkelsten Tiefen verfolgt und vernichtet. Das ist das tägliche Brot des osteuropäischen Juden. Nun aber gibt es spezielle Prämien. Das Blutmärchen. (Stürmische Pfuirufe im ganzen Saal.) Die Rotten der schwarzen Hundert, Messerhelden und Hetzbanditen haben aus dem alten Arsenal blödsinniger mittelalterlicher Schauermären, Dämonenvorstellungen, Hexenglaubens, Ketzerverbrennungen, Zauberschwindels und des ganzen Hokuspokus, durch den das finstere Mittelalter dem Hohne aller Zeiten verfallen ist, jene Waffe gegen uns zum Kampfe hervorgeholt, die das widrigste Bild einer verwilderten Phantasie darstellt: die Blutlüge. Ist es Wirklichkeit? Man könnte eher an ein Phantom denken. Es kam anfangs so unglaublich und läppisch vor, es schien so unwahrscheinlich, daß der Menschengeist heutzutage sich mit diesem nächtlichen Spuk ernstlich befassen würde. Nun hat sich dieser Haufe von Unmöglichkeiten zur vollendeten Tatsache der Anstrengung eines Prozesses verdichtet. Ein ganzes Volk wird in Atem gehalten, in drückender, spannender Erwartung einer Gerichtsverhandlung wegen eines rituellen Mordes, der durch eine Verkettung von Lügen und Klatsch dem Juden Beilis zugeschrieben wird. Bekanntlich fehlt für diese Anklage jeder Anhalt, ja auch nur der Schein einer Begründung. Jeder von uns könnte in derselben Weise wie der Jude Beilis auf die Anklagebank gesetzt werden. Die Schuld des Juden Beilis ist genau so groß wie die unserige. Sie besteht darin, daß wir Juden sind; deshalb möchte man uns unter Wutgeheul und Hohnrufen das Mal auf die Stirn drücken. Es ist dies eine verbrecherische und ruchlose Herausforderung des Gesamtjudentums der Welt. Es ist dies eine gemeine Verzerrung und Verunglimpfung der erhabenen Moral jüdischer Lehren, welche die Grundlage menschlicher Gesittung bilden. Daß wir diesem Bestialismus, der durch die Verbreitung wilder Anklagen seine Orgien gegen uns feiert, etwa apolegetisch entgegentreten, dieser Gedanke allein genügt, uns die Schamröte ins Gesicht zu treiben. Unser ganzes Selbstgefühl bäumt sich auf, unsere ganze Zornesglut lodert auf und der bedrückten Brust entringt sich ein gewaltiger Aufschrei der in uns beleidigten Menschheit. Wir weichen voll Ekel und Entsetzen vor dieser abgrundtiefen Niedertracht zurück. Nicht gegen diese Absurdität die sich selbst richtet, sondern gegen das System, das einen solchen Blödsinn Nr. I einen Nährboden verschafft, richtet das jüdische Volk seinen flammenden Protest. (Lebhafter Beifall.) Das ganze Phänomen des Goluth ist in der Zähigkeit dieser absurden Verleumdung enthalten. Nichts kann sie widerlegen, weder die Bullen der Päpste, noch die Dekrete der Könige. Die Autorität der Päpste ist groß, aber der Judenhaß ist noch größer; die Macht der Regierungen ist bedeutend, aber die Macht der Finsternis ist noch bedeutender. Der Entrüstungschor großer europäischer Aeropage, der die Schmach zu tilgen hoffte, hat nichts vermocht. Hat der Judenhaß diese pikante Würze nötig, so wird er sie benutzen. Die Verfolgungswut ist nie um neuen Brennstoff, der die Flamme des Hasses nähren soll, verlegen. Dafür ist die Blutlüge geradezu ein Schulbeispiel. Wir haben es bei den Verfolgungen mit einem Entwicklungsprozeß zu tun und da muß noch eine Erscheinung im jüdischen Leben in der Diaspora erwähnt werden: der Boykott gegen die Juden in Polen. (Mehrfaches Pfui.) Ein Teil jenes alten Polenreiches, das seit seinem Bestehen eine hervorragende Rolle in der Geographie der jüdischen Diaspora spielte, ist seit einem Jahrhundert ein Bruchstück des sogenannten Ansiedlungsrayons geworden. Phantasie oder Tendenz mochten diesen Teil als eine Art eines „Landes Goschen in Mizraim“ bezeichnen. In Ländern, in denen schon das nackte Dasein einen Luxus darstellt, den sich nur ein Mensch leisten kann, der zur ersten Kaufmannsgilde gehört, mag ein Ort, in dem diese Bedingung nicht erfordert wird, als ein Arkadien der Emanzipation gelten. Tatsächlich darf ein Jude auch in diesem Arkadien nicht auf dem Lande wohnen, wo der Boden einem Bauern gehört, wird nicht, wenn er Handwerker ist, in die bestehenden Zünfte aufgenommen, ist mit Bezug auf die Erziehung seiner Kinder von Ausnahmegesetzen umringelt. Auch die Furien der großen Pogrome hatten dieses Land verhältnismäßig verschont. Im ganzen waren nur zwei bedeutende Pogrome, Warschau 1881 und Siedlec 1906. Ersterer war zweifelhaften Ursprunges; letzterer war ein Glied in der Kette sogenannter militärischer Pogrome. Wir dachten nie daran, wegen dieses Zustandes mit der polnischen Nation zu rechten. Die polnische Nation ist selbst eine leidende Nation, die krampfhaft bemüht ist, unter schweren Bedingungen ihre Existenz zu erhalten. Alle unsere Sympathien sind auf seiten der Leidenden. Wir mochten auch annehmen, daß dieses Volk einen ganz anderen Zustand schaffen würde, wenn es zum Schmied seines eigenen Schicksals geworden wäre. Virtuosen eines Optimismus, der an Selbsttäuschung grenzt und der ge^ wissermaßen eine Notwendigkeit der Existenz im Goluth geworden ist, malten sich die Zukunft in rosigen Farben aus. Wenn irgendwo in der Diaspora eine sehr lange Seßhaftigkeit gewisse Zusammenhänge schafft, und das Phantom von Eindringlingen lächerlich erscheinen läßt, so ist es dieses Land der alten „Arazoth“ und „Kehilloth“. Eine Invasion oder eine Ueberflutung ist die Ausgeburt einer bösartigen Phantasie, die mit Unwissenheit gepaart ist. Wohl sind mehrere Gruppen schwerbedrängter Juden aus anderen Teilen der östlichen Gouvernements nach diesem Teil gekommen, es dürfte aber begreiflich sein, daß dieses keine Lustreise und kein Argonautenzug war. Im Lichte der Geschichte betrachtet, sind es ja die Bewohner früherer Teile Polens; im Zusammenhänge mit der Martyriologie sind es Flüchtlinge der Verfolgung; volkswirtschaftlich ist dies ein Element, das sich durch großen Gewerbefleiß auszeichnet. Diese Einwendung ist eigentlich Nebensache. Die Agitation bemächtigte sich dieses Motives, weil es mehr geeignet ist, durch die Aufbauschung harmloser Dinge, mit allerlei sensationellen Details ausgeschmückt, durch alberne, in sich zusammenfallende Behauptungen, die den „fremden“ Juden eine ungeahnte Mission und Agentenrolle einer fremden Unterjochungspolitik zuschreiben, den Haß und die Volksleidenschaften aufzupeitschen. Es ist dies das bekannte Rezept