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Die Welt · 1913-09-03 · Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913)
Date
1913-09-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE3ÄKEL7 der Judenhetze, das in Deutschland die Ostjuden, in Frankreich die deutschen Juden und in England die „Aliens“ zum roten Tuch macht. Die Phantasie des Hasses lechzt nach diesem Effekt; wäre dieses Effekt nicht da, es müßte ein anderes geschaffen werden. So ist es auch eines pießbürgerliche Kurzsichtigkeit, anzunehmen, daß die Dumawahlfrage die Verfolgung hervorgerufen hat. Eine solche Auffassung zeugt von einem Mangel sozialpolitischen Verständnisses. Die Ursachen liegen tiefer. Was wir in Polen sehen, ist ein Kampf eines reaktionären und agressiven Nationalismus, der mit souveräner Ignorierung aller historisch gegebenen Voraussetzungen, sittlichen Prinzipien und humanitärer Erwägungen, eine systematische Vertilgung des jüdischen Volkes durch Aushungerung anzubahnen bestimmt ist. Es wird von einem jüdischen Chauvinismus gefaselt. Demütiger war leider noch nie ein Nacken gesenkt, des Rückgrates Schmiegsamkeit war leider nirgends größer als unter unseren dortigen Brüdern. Wenn sie nun jetzt vor der kleinlichen herrschsüchtigen Bevormundung, engherzigen Freiheitsbeschränkung, Verhetzung, Verrohung des öffentlichen Lebens, Aufstachelung der niedrigsten Triebe des Rassenhasses, Beschränkung und Zurücksetzung in der städtischen Selbstverwaltung nicht auf dem Bauche kriechen und nicht mit heuchlerischer Liebedienerei die Schmälerung hochbedeutsamer Menschenrechte willig akzeptieren, wenn sie nicht Mamelucken und Marionetten der polnischen nationalistischen Partei sein wollen, sondern ihre Rechte und die Individualität ihres Volkstums ehrlich verteidigen und wahren, so sind sie Schädlinge. Nach der bekannten Maxime: „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlage ich dir den Schädel ein“ ist die Boykottagitation eingeführt worden. Es gab ein Hetzen, nach Rache förmlich kreischend, ohne daß wir gewußt haben, welche Schuld den Juden beigemessen worden ist, außer der Schuld ihrer Existenz. Die Juden appellieren gegen die Lüge an die Wahrheit und gegen die Diktatur des Antisemitismus an den humanen Sinn und der oft gerühmten Ideale des schwergeprüften polnischen Volkes. Sie erklärten, es sei Wahnsinn, hoffen zu wollen, Polen könne seine Wohlfahrt fördern, indem es die Juden bekämpft: es sei Wahnsinn, zu glauben, Polen könne des Friedens, der Ruhe, der Sicherheit genießen, wenn es die Rechte des jüdischen Volkes mit Füßen tritt. Kein Widerhall. Wir müssen aber trotzdem damit rechnen, daß wir eine neue Art jüdischer Märtyrer haben werden : Boykottopfer, neue, irrende, suchende, bangende Menschen, die an den Bettelstab gekommen sind. Sie stieren wirren Blickes in die Feme. Bald wird man ihnen in Westeuropa, in England, in Amerika, in Südafrika begegnen. Das ist auch der Zweck des Boykotts: Judenaustreibung auf indirektem Wege. Ob die Einwanderungsgebiete, die neuen und sehr zahlreichen Emigrationskanditaten aufnehmen werden, läßt sich nicht sagen. Die Tendenz ist nicht sehr günstig. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die ökonomischen Möglichkeiten für die jüdischen Massen in Amerika sehr groß sind. Ich stehe persönlich unter dem frischen Eindruck großer Genugtuung, wie sich unsere Brüder drüben in den neuen Lebensbedingungen mit Geschick und mustergültiger Tüchtigkeit und auch mit einem wachsenden Interesse für Judentum und Zionismus mehr und mehr zurechtfinden. Aber man möge nicht die Errichtung einer Heimstätte für die jüdische Nation dort erwarten. Genug, daß unsere Brüder dort dem Amalgamierungsprozeß widerstehen, daß sie unter sich jüdischen Sinn, jüdisches Wissen, jüdisches Leben in der heranwach senden Jugend mit großen Opfern und großer Tatkraft nach Maßgabe des Möglichen erhalten. Von hier soll aber der Notschrei unseres bedrängten Volkes ein volltöniges Echo hervorrufen. Das jüdische Volk vereinigt sich mit jenem bedeutenden Teil seiner Söhne, die jetzt so schwer leiden und es wird sich gegen den Ansturm des wilden Hasses mit großer Willenskraft verteidigen. Die in ihren Mitteln nicht wählende ruchlose Agitation hat es auch jetzt nicht leicht, den Besitzstand, die Erfahrungen, den rastlosen Fleiß, die ungeheueren Leistungen der Juden für das Erwerbsleben Polens mit einem Mal zu vernichten; sie greift deshalb zu immer wilderen Ruchlosigkeiten und scheut nicht, die wirtschaftlichen Grundlagen des Landes zu erschüttern, um nur den eigenen Haß und die Habgier zu befriedigen. Gegen eine solche Strömung ökonomischer Pogrome kann unser Volk nicht gleichgültig bleiben. Selbstwehr gegen Angriffe, wirtschaftliche Stärkung gegen das System der Vertilgung und Proletarisierung! Aufrüttelung aus der Apathie, energische Abwehr und zu diesem Zwecke — Einheit. (Beifall.) Wir laufen jedoch Gefahr, im Chaos der Diaspora zu zersplittern, wenn wir nicht einen festen Kreis ziehen. Hier komme ich zu dem eigentlichen Zweck meiner Ausführungen. Man macht uns Zionisten den Vorwurf, daß wir in der Kritik stark, im positiven Programm der Diaspora hingegen schwach seien. Wir sind gewohnt, die Lage des jüdischen Volkes zu schildern. In der ersten Zeit mochten wir den Eindruck wecken, als ob wir prinzipielle Unglückspropheten wären. Jetzt stoßen wir auf keinen Widerspruch mehr. Wir haben leider Recht behalten. Aber zwischen den Prämissen und den Schlußfolgerungen scheint noch immer ein Abgrund zu gähnen. Wie wollt ihr, fragt man uns, durch eure Kolonienin Palästina die Leiden des jüdischen Volkes, die gewaltigen Konflikte der Judenfrage in der Diaspora beseitigen? Und ich unterstreiche und betone mit allem Nachdruck: Man fragt besonders uns, die wir eine, dem praktischen Leben näher gerückte Richtung des Zionismus vertreten. Denn so lange der Zionismus nur eine abstrakte Idee war, mochte der Gegensatz der Maßstäbe gar nicht ins Bewußtsein dringen. Eine abstrakte Idee kennt eben keinen Maßstab. Aber so konnte es ja nicht bleiben. Sind wir ja schon an der Arbeit, sieht man ja schon die unbestimmten Umrisse, den Werdegang und die Entwicklungsbahn der Zukunft, ahnt man ja schon das Maß des Wahrscheinlichen und vergleicht man ja schon naturgemäß die verschiedenen Größen. Kann der Zionismus das Leben der Diaspora ändern? Diese schicksalsschwere Frage drängt sich unabweisbar in unsere Seele. Geehrter Kongreß! Ich will Ihnen zur Beantwortung dieser Frage, dem Jammerbild der Zerrissenheit und Ratlosigkeit der Diaspora, ein anderes Bild entgegensetzen: die Diaspora, geographisch wohl zerstreut, aber durch die Existenz eines lebendigen Zentrums geeint; die Diaspora, wenn auch noch mit ihren von außen heeinbrechenden Leiden, aber ohne ihr Kleinsein, Demütigsein, ohne ihr Versinken, ohne ihre innerliche Untertänigkeit, ohnmütige Unterwerfung, ohne Assimilation, die Diaspora mit einer wirklichen jüdischen Solidarität. Der Gedanke ist uns fern, in dem Leben unseres Volkes in der Diaspora nichts als Schatten zu sehen. Nein, so hoffnungslos ist die Sache nicht, und dem, der näher zusieht, wird es trotz alledem klar, daß das Judentum auch in der Diaspora die Möglichkeiten einer Entwicklung in sich trägt, wenn es nur verstehen würde, einen Mittelpunkt in Palästina zu gewinnen und die Einheitskeime in sich zu finden und zur Entfaltung zu bringen. Das Judentum trägt eine innere Sehnsucht nach Befriedigung eines seelischen Triebes in sich, eines Triebes, der ihm sagt: du bist zu etwas höherem geschaffen. Es hört, ob es will oder nicht, diese Stimme in seinem Innern. Es fühlt etwas, aber es weiß noch nicht, was ihm fehlt. Fragt jeden beliebigen Juden, er mag dem Zionismus noch so fern stehen, ob wir jüdische Solidarität brauchen und er wird ihnen sagen: Wir brauchen sie wie das liebe Brot. Aber was er noch nicht weiß, ist, daß eine jüdische Solidarität ohne Nationalbewusstsein eine Unmöglichkeit und das Nationalbewußtsein

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