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Die Welt · 1913-09-03 · Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913)
Date
1913-09-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. I - " DIE3$EELT Prof. Dr. W a r b u r g: Ich erteile das Wort Herrn Leon H a i m als Vertreter der türkisch-sephardischen Israelitengemeinde zu Wien. Herr Leon Haim (von lebhaftem Beifall begrüßt): Hochgeehrter Kongreß! Im Namen des Vorstandes der türkisch-israelitischen Gemeinde zu Wien habe ich die Ehre, Sie auf das herzlichste zu begrüßen und wünsche Ihrem ersprießlichen Wirken, Ihrer hingebungsvollen Tätigkeit einen ebenso großen Erfolg wie bisher, zum Heile des großen Judentums. Es gereicht mir zur besonderer. Freude, Ihnen die herzliche Versicherung zu geben, daß Sie auch in unseren sephardischen Kreisen viele Anhänger erworben haben. (Lebhafter Beifall.)Besonders unsere Jugend unter Führung des akademischen Vereines »Esperanza* (Beifall) hat sich mit Begeisterung um die Fahne des Zionismus geschart und will mit Ihnen an der Verwirklichung dieser Idee mitarbeiten. (Stürmischer Beifall.; Prof. Dr. W a r b u rg: Im Namen der Zionistischen Organisation danke ich den drei Vertretern der hiesigen Korporationen für ihre freundlichen Begrüßungen. Wir hätten heute sehr gerne auch Begrüßungen anderer nicht hier ansäßiger Korporationen entgegengenommen, aber bei der Kürze der Zeit war dies leider nicht möglich. Den hier in Wien ansäßigen Korporationen wollten wir aber doch die Möglichkeit geben, nicht nur, daß sie uns anredeten, sondern daß wir auch ihnen danken konnten für die freundliche Aufnahme, die wir hier finden. Das Zionistische Zentralkomitee für Westösterreich ist uns ja ein alter Bekannter, ein Freund und Mitstreiter. Wir verdanken diesem Komitee außerordentlich viel und wenn es uns möglich ist, diesen Kongreß hier in dem gastlichen Wien abzuhalten, so ist es nicht zum geringsten seine Mitarbeit, sein unverdrossenes Bemühen, daß dies uns möglich wurde. Was die Wiener israelitische Kultusgemeinde betrifft, so haben wir so viele enge Beziehungen zu ihr durch unsere hiesigen Freunde und wir sind so sehr davon überzeugt, daß eine so große, geschlossene, arbeitsame und gut organisierte Gemeinschaft wie diese Wiener Kultusgemeinde uns tatsächlich nicht nur ein Vorbild sein muß, sondern auch ein Mitarbeiter sein wird an den Zielen, zu denen wir streben. (Lebhafter Beifall.) Gerade die hiesige Kultusgemeinde hat ja gezeigt, daß sie sich in manchen praktischen Arbeiten unseren Bestrebungen enge anschließt und sie hat als eine der allerersten durch direkte Unterstützung palästinensischer Bestrebungen ein Vorbild gegeben für sämtliche andere Kulturgemeinden. (Lebhafter Beifall.) So hat sie tatsächlich Kultus und Kultur auch in unserem Sinne eng miteinander in Verbindung gesetzt. (Lebhafter Beifall). Die türkisch-sephardische Israelitengemeinde ehren wir besonders als westlichen Vorposten derjenigen Gemeinden, mit denen wir in der Türkei Hand in Hand gehen, um im ottomanischen Reiche ein schönes sympathisches Verhältnis nicht nur mit der ottomanischen Regierung, sondern mit der gesamten Bevölkerung des türkischen Reiches zu erlangen. (Beifall.) Damach nahm das Wort Nahum Sokolow, der mit lebhaftem Beifall empfangen wurde, zu seinem Referat über »Das jüdische Leben in der Diaspora“. Herr Sokolow führte folgendes aus: „Geehrter Kongreß! Die Schwierigkeit, das jüdische Leben zu überschauen, in großen Linien zu schildern und in abgemessenen Proportionen als Züge eines Bildes darzustellen, liegt auf der Hand; sie liegt eben in der Sache selbst. Die Diaspora ist ein Chaos. Vor dem Auge des Beobachters huschen zusammenhanglose Schattenbilder flüchtig vorüber. Die mannigfaltigsten Verwicklungen der Judenfrage, die Not und das Elend in den verschiedensten Formen, die Verfolgungen, die Ausnahmegesetze, die Wanderungen, die inneren Zwistigkeiten und dergleichen lassen sich nicht in ein System bringen. Vergebens sucht der ordnende Sinn nach einer Formel. Nichtsdestoweniger dürfte es hier Pflicht sein, wenigstens den Versuch einer solchen Schilderung zu machen. Wo soll denn sonst die Lage des jüdischen Volkes geschildert werden? Wo ist denn sonst eine Tribüne, von der aus das jüdische Volk über seine Angelegenheiten offen spricht? Wäre außer dieser Tribüne, die dem Zionismus geweiht ist, noch eine andere irgendwo in der Welt vorhanden, die für die Gesamtinteressen des Volkes bestimmt wäre, dann könnte vielleicht der Gedanke aufkommen, wir täten besser, das allgemeine Problem jener anderen Tribüne zu überlassen. Der Gedanke könnte aufkommen, richtig wäre er nicht. Denn für uns ist eben der Zionismus die einzig richtige und gründliche Lösung des Judenproblems und nichts ist natürlicher, als daß wir uns mit diesem Problem eifrig beschäftigen. Haben wir uns doch immer bemüht, das jüdische Empfinden und die Erkenntnis des wahren Zustandes unseres Volkes auf eine höhere Stufe zu heben, nichts zu bemänteln und zu verschweigen, sondern der Wahrheit mit kühnem Mut ins Auge zu schauen. Wir tun dies mehr für uns, als für die Fernstehenden Der zionistische Kongreß ist unser Forum und wir laden uns selbst vor das Tribunal unseres Gewissens. Möge die Außenwelt uns hören; wir wünschen nichts sehnlicher. Wir bedienen uns deswegen verschiedener Sprachen. Wir haben keine Mysterien, wir sind nicht in Nebel gehüllt, klar und deutlich kommt die Pein unseres Volkes durch unseren Mund zum Ausdruck, weil wir seine Qualen tief im Herzen tragen und ebenso klar zeigen wir den Weg der Rettung. Möge die Welt hören — aber vor allem und im wesentlichen gilt der Bericht uns selbst, damit wir Einkehr in unser Gewissen halten und nachzudenken beginnen. Wie sieht das jüdische Leben in der Diaspora jetzt aus? Ein Tohuwabohu. Ziellos, zersplittert, dem Zufall preisgegeben, wie ein Blatt, mit dem der Wind spielt. Stumpfsinnige Unterwerfung unter Knechtschaft, Schmach und Elend. Als ob ein böses Geschick mit eiserner Faust ihm seine Schicksale vorschrieb und seine Schrift in lapidaren Lettern in die Tafeln seiner Geschichte graben würde. Das einzige gemeinsame Merkmal, das an allen Teilen dieses Wirrwarrs wahrgenommen werden kann, ist — die düstere Trauer. Die Mehrheit des jüdischen Volkes leidet jetzt mehr als es seit langer Zeit gelitten hat. Bei der Beurteilung der Lage eines Volkes dürfte zweifellos der Mehrheitsgrundsatz entscheiden. Wir müssen also fest-; stellen, daß das jüdische Volk schwer bedrängt ist. Das Elend umklammert unsere Volksmassen immer fester. Aus dem Stadium der Exzesse ist das Volk in das Stadium des Niederganges übergegangen; aus der akuten Krise ist die schleichende geworden. Unser Haus ist baufällig geworden, und wir benötigen ein sicheres, schützendes Dach. Inzwischen siechen die einen im Ghetto dahin, während die anderen wie ein gescheuchtes Wild in ferne Zonen ziehen. Ein anhaltender Notstand wächst lawinenartig ganz von selbst; die Widerstandskraft erlahmt, der erhabene Trotz, früher in Kampf und Not gestählt, senkt schließlich sein stolzes Haupt vor den düsteren Mächten des Lebens.“ Es ist aber nicht nur die Zeit selbst, es sind auch schicksalsschwere Ereignisse, die den Kreis des Elends immer weiter ziehen. Dort, wo sich der wandernde Menschenstrom beständig hin- und herwälzt, begegnet man in letzter Zeit neuen Gestalten, die durch das Gewühl der Häfen müde und ziellos umherschweifen: Balkanjuden. Mit stummer Gebärde ziehen sie vorbei, die armen sephardischen Juden, die so hart getroffen, durch die Kriegsfurien

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