Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 35 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Nr. 35 DIE^ELT 1132 Free Synagogue und gehört dem Direktorium des jüdischen Mount Sinai-Hospitals an. Vom jüdischen Gemeindebund in Italien (Von unserem Berichterstatter.) Florenz. Der jüdische Gemeindebund hatte beabsichtigt, in diesem Monat einen öffentlichen Kongreß der jüdischen Gemeinden Italiens nach Rom zu berufen. Eine der Hauptfragen, die auf diesem Kongresse zur Sprache kommen sollten, ist die Umwandlung des Gemeindebundes in eine gesetzliche Repräsentanz der italienischen Judenheit. Da jedoch die Vorarbeiten in dieser Angelegenheit noch nicht abgeschlossen sind, hat der Gemeindebund — laut seinem letzten Communique — beschlossen, den Kongreß auf den Spätherbst zu verschieben. Inzwischen setzt der „Gemeindebund" die von ihm eingeleiteten Aktionen fort. Er hat beschlossen, alle Artikel von Luigi L u z z a 11 i sowie alle Akten, die die Judenfrage in Rumänien betreffen, in Buchform zu sammeln und so die öffentliche Meinung in Italien zugunsten unserer rumänischen Brüder zu beeinflussen. Der „Gemeindebünd" würde gerne auch die Veröffentlichungen anderer Körperschaften, die diese Frage betreffen, berücksichtigen. Sendungen von authentischen Akten und Materialien zur Lage der Juden in Rumänien sind an den Sekretär des „Gemeindebundes", Cav. Anselmo Colombo, Rom, zu adressieren. Wir haben m einem unserer letzten Berichte auf die Ritualmordhetze in A s m a r a aufmerksam gemacht und sprächen die Hoffnung aus, daß der Gemeindebund die nötige Energie finden und es beim Kolonialministerium durchsetzen werde, daß ähnliche Vorfälle in den italienischen Kolonien sich nicht wiederholen. Nun wird in dem Communique des Gemeindebundes versichert, daß unseren Brüdern in A s - ma ra dank der Intervention-des Gemeindebundes bald Genugtuung verschafft werden wird. Zionismus in Angola Berlin. Ob die portugiesische Kolonie in Westafrika, von der die 11o bis auf weiteres das Heil des jüdischen Volkes erwartet, jemals größere jüdische Einwanderermassen aufnehmen wird, darf nach den trostlosen Berichten der Angola- Expedition; mit denen die Leitung der Ito seltsamerweise noch Propaganda für dieses Projekt zu machen sucht, füglich bezweifelt werden. Daß aber auf dem Plateau von Benguella der zionistische Gedanke schon jetzt seinen Einzug gehalten hat, steht fest und entbehrt nicht eines gewissen Reizes. Wie nämlich Herr Te-rlo in Lissabon dem Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds mitteilt, ist der einzige Jude, der ein Handelshaus auf dem Hochplateau von Angola besitzt, Herr Benoliel, ein eifriger Zionist und hat erst vor kurzem anläßlich seiner Vermählung 10 Bäume für den Herzlwald gestiftet ... Eine hebräische Enzyklopädie Petersburg. Unter Redaktion der Herren J. Markon und Dr. J. L. Katzenelson in Petersburg beginnt demnächst eine großangelegte Enzyklopädie des Judentums in hebräischer Sprache (Encyklopaedia Ibrith Ozar Hajahaduth) zu erscheinen, welche das gesamte Gebiet der jüdischen Wissenschaft, Bibelkunde, Talmud, jüdische Geschichte und Literatur, jüdisches Volksleben und jüdische Kulturgeschichte von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart umfassen soll. Hervorragende Gelehrte auf allen Gebieten der Wissenschaft des Judentums haben ihre Mitwirkung zugesagt. Von den zirka 200 Mitarbeitern seien hier nur wenige genannt,'die sich-auch an der Redaktion der Enzyklopädie als .Fachredakteure beteiligen. Biblische Literatur und Massora: Prof. Blau (Budapest); Mischnah: Dozent Dr. Baneth (Berlin); Agada: Prof. Dr. Bacher (Budapest); hebräische Philologie: Prof. Dr. Barth (Berlin); Karäer: Dr. Poznansky (Warschau); jüdisch-arabische Literatur: Prof. Goldzieher (Budapest); Ethik: Prof. Herrmann Cohen (Berlin) und Dr. Güttin a n n (Breslau); Theologie: Prof. Köhler (Cincinnati). Besonderes Gewicht wird gelegt auf Geschichte und Geographie Palästinas: Prof. Kraus (Wien) und die moderne hebräische Literatur: Solokow (Berlin) und der Dichter Saul Tschernichowsky (Petersburg). Auch namhafte nicht jüdische Gelehrte werden sich an der Enzyklopädie beteiligen, darunter Prof. Brockelmann (Halle), Prof. Budde (Marburg), Prof. König (Bonn), Prof. Sachau (Berlin) und andere mehr. Der erste Band der hebräischen Enzyklopädie soll schon im Frühjahre 1914 erscheinen. - Neben der Petersburger Redaktion ist für Westeuropa ein Sekretariat -in Berlin eröffnet worden. (Adresse: Berlin W. 30, Rosenheimer Str. 5, II, Dr. M. Sackheim.) Zum Kiewer „Ritualmord“prozeß Kiew. Wie bereits gemeldet, ist die Verhandlung gegen den des „Ritualmordes" an dem Knaben Justschinsky angeklagten Mendel B e i I i s endgültig auf den 8. Oktober d. J. anberaumt worden. Es sollen 231 Zeugen vernommen werden. Als Verteidigendes . Angeklagten Beilis werden die bekannten russischen Rechtsanwälte Grusenberg, Karabtschewsky und Zarudny fungieren, von denen der erstgenannte Jude ist. Die wichtigsten Zeugen sipd bereits für den ersten Verhandlungstag geladen. Der frühere Verteidiger Beilis’, Rechtsanwalt Margolin, ist diesmal als Zeuge geladen. Unter den Zeugen befinden sich ferner die früheren Leiter der Untersuchung, Oberst Jwanow, der Richter Fenenko, Staatsanwalt Lachkarew, der die erste Anklageschrift verfaßt hatte, ferner der Journalist Brasul-Bruschkowsky und der Detektiv Kr assowsky, die auf Grund eingehender Forschungen zu der Ueberzeugung gelangt sind, daß die Mordtat von eiuer Diebesbande, an deren Spitze die berüchtigte Vera TscheHyriak steht, verübt worden ist. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Wipper aus Petersburg. Das Kiewer Gericht hat fast alle von der Verteidigung vorgeschlagenen Gutachter, meist unter den nichtigsten Vorwänden, abgelehnt. So z. B. wurde der Antrag, den Berliner Theologieprofessor Hermann L. Strack, einen der hervorragendsten christlichen Kenner des Talmuds und der rabbinischen Literatur, vorzuladen, mit der Begründung abgewiesen, die Entfernung zwischen Berlin und Kiew sei zu groß! Dabei beherrscht Strack auch die russische Sprache, so daß seiner Vernehmung wirklich nichts im Wege steht. Wie haltlos der gerichtliche Hinweis auf die „Entfernung" Berlins ist, geht schon daraus hervor, daß der katholische Geistliche Justin Pranaitis, dessen Gutachten die Hauptgrundlage für die „Ritualmord" - Beschuldigung bildet, in Taschkent wohnt, also zur Reise nach Kiew mehr als eine Woche brauchen wird. Auswüchse des polnischen Boykotts Der wirtschaftliche Boykott der Juden seitens der Polen hat bekanntlich schon die sonderbarsten Blüten gezeitigt. So hat man vor längerer Zeit gehört, daß die polnischen Aerzte jüdische Patienten abweisen oder sie schlecht behandeln. Zeugt das nun mehr von der Gemütsverfassung der „edlen" polnischen Nation, so hat der Boykott andererseits auch Auswüchse hervorgerufen, die einen bedenklichen Rückschluß auf die Verständigkeit dieses Volkes zulassen. So wird uns jetzt aus Petrikau berichtet, daß dort hei einer Ausstellung,