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Die Welt · 1913-08-29 · 35 (29.8.1913) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
35 (29.8.1913)
Date
1913-08-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr- 35 1131 dies^elt Journalist, Dr. Hermann Jellinek, der der Reaktion in die Hände fiel, zum Tode verurteilt und gemeinsam mit Julius Becher am 23. November hingerichtet wurde. Leopold Kompert, Moritz Hartmann, Adolf Fischhof, — welche Auslese von Adeligen aus dem Ghetto! Herzen schlugen unter dem gelben Fleck, so hart, als wären sie auf Alpenhöhen gediehen und nicht in der „Gaß'". Frei war ihr Geist, als hätten ihn Generationen von Herrenmenschen gezeugt — und nicht unzählige Geschlechter umhergejagter Sklaven, die in Kellerverließen vor der Willkür der nächsten Stunde zitterten. Hört ihr dort fröhliche Paare zur süßen Geige den Walzer schleifen? Die Musik ist von einem Juden. Seht ihr dort an der Berglehne den lauschigen Wertheimsteinpark, gekrönt von einem klassisch-edlen Hause? Eine jüdische Patrizierfamilie hat das berühmte Alt-Wiener Kleinod den Wienern geschenkt und das historische Gebäude, das Arthaber baute und Schwind schmückte, in welchem W i 1 b r a n d und Saar dichteten und Bauernfeld seine letzten Tage lebte, in eine Volksbibliothek verwandelt. In Grinzing rufen Urwiener weinselig nach dem Fiakerlied: ein Jude hat es ersonnen. Der größte Tondichter der Residenz, ein Gutteil der Jung-Wiener Dichterschule, eine stattliche Reihe Maler und Zeichner, Publizisten und Kritiker, sind jüdischen Blutes. In dieser Stadt darf nicht das kleinste und letzte Amt ein Jude verwalten, in dieser Stadt sind wir gehaßt und gemieden, wie in den Jahren des ersten und zweiten Ghetto, der Judenbezirk dieser Stadt ist eine Musterkarte der Judennot, in dieser Stadt, die nach jüdischen Walzern tanzt, wohnt die jüdische Verzweiflung . . . Nein. Wir wollen nicht bitter werden und den Rundgang nicht fortsetzen. Die Gräber der Märzgefallenen waren unsere letzte Station. Von den Pionieren der Freiheit in den Kongreßsaal! WELTCHRONIK □ n n n nn Zur Lage der Juden in Oesterreich (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Anläßlich des Zionistenkongresses treten die Delegierten der einzelnen Landesorganisationen in engste Fühlung. Nichts liegt näher, als daß sie sich mit der Lage der Judenheit in ihrem Lande intensiv beschäftigen. Die österreichisch-ungarischen zionistischen Landsmannschaften versammeln sich in einem ernsten Zeitpunkte. Die österreichische Nationalitätenfrage ist in ihrer ganzen Tragweite aufgerollt, die beiden Volksstämme Böhmens drohen mit der parlamentarischen Opposition, in Galizien hat soeben die neue Ausgleichskampagne eingesetzt, und in Ungarn hat sich das Nationalitätenproblem sehr verschärft. Man mag über die Frage der „innerpolitischen Betätigung" welcher Ansicht immer sein, in einem Punkte herrscht wohl unter den Zionisten des Reiches keine Meinungsdifferenz: daß die Juden aus den fremdnationalen Lagern herauszuführen sind und daß wir mit allen Kräften danach trachten müssen, dies zu bewirken. Das klägliche Ergebnis der mährischen Landtagswahlen hat ja wieder bewiesen, wie schädlich und verderblich die fremdnationale Politik ist. Das Problem der Paralisierung der durch das bisherige politische Verhalten der österreich-ungarischen assimilatorischen Juden bewirkten wirtschaftlichen und moralischen Schäden und die damit im engsten Zusammenhänge stehende Frage der Anerkennung unserer Nationalität wird daher von den Mandataren der österreichischen Zionisten in ihren Landsmannschaften gewiß behandelt werden. Eine zweite Frage, die das Leben der Juden Oesterreichs tief berührt, ist die endliche Schaffung einer Reichsorganisation der österreichischen Kultusgemeinden. Die Konstituierung dieser Körperschaft wird nach den bisherigen traurigen Erfahrungen nicht verwirklicht werden, wenn nicht die bewußten Juden mit voller Energie daran wirken. Diesmal wird schon eine stattliche Zahl zionistischer Kultusgemeindevorsteher in der Landsmannschaft sitzen, die berufen sind, in dieser Angelegenheit die Initiative zu ergreifen. Ein politischer Prozeß Bekanntlich nimmt der deutsche Schulverein mit Vergnügen Geld aus jüdischen Händen, ja er stellt sich fleißig in jüdischen Häusern mit Bettelbriefen ein. Den geziemenden Dank stattet er damit ab, daß er im Lehrkörper der Schulvereinsanstalten Judensperre einführt. Vor kurzem enthielt eine in den Tagesblättern enthaltene Konkursausschreibung die lakonische Klausel, Petenten mögen ihren Gesuchen den T aufschein beifügen. Eine Gruppe freiheitlicher Gemeinderäte interpellierte damals den Wiener Bürgermeister, indem sie auf die von der Residenz für den Schulvereinszweck geleistete hohe Subvention hinwies, die doch auch aus jüdischen Steuergeldern bestehe. Wegen des Wortlautes dieser Interpellation reichte der Obmann des deutschen Schulvereins gegen die Gemeinderäte, welche sie fertigten, die Ehrenbeleidigungsklage ein. Der Verlauf des Mitte September stattfindenden Prozesses wird interessantes Material zutage fördern und das jahrelange Bemühen der österreichischen bewußtjüdischen Kreise, die Judenschaft von Spenden für den deutschen Schulverein abzuhalten, gewiß rechtfertigen. Leider haben die Herren, die sich der Sache im Gemeinderate annahmen, durch ihr späteres Verhalten eine bedauerliche Inkonsequenz an den Tag gelegt, und dadurch den Erfolg ihrer dankenswerten Aktion stark beeinträchtigt. Der kluge Bürgermeister Dr. Weißkirchner, der seine Leute sehr gut kennt, hat nämlich in seiner Antwort auf die Interpellation den Herren geraten, ihre Stimme zu erheben, wenn nächstens die Bewilligung einer Subvention für den genannten Zweck zur Beratung stünde. Einige Wochen später wurde eine Spende für die Schulvereinsstiftung — einstimmig bewilligt. Wir haben nichts hinzuzufügen .... Ernennung eines Juden zum amerikanischen Botschafter in Konstantinopel Konstantinopel. Zum Botschafter der Vereinigten Staaten in Konstantinopel ist Mr. Henry Morganthau ernannt worden. Damit ist die diplomatische Vertretung Amerikas bei der Pforte zum zweitenmal einem Juden anvertraut worden. Bekanntlich gehört auch Mr. Oscar Straus, der vor einigen Jahren das gleiche Amt bekleidete, dem Judentum an. Mr. Morganthau ist 1857 in Deutschland geboren und wanderte in seiner Kindheit nach Amerika aus, wo er später an der City and Columbia University zum Dr. jur. promovierte. Nach Beendigung seiner Studien wandte er sich dem kaufmännischen Berufe zu. Er war zuerst Mitinhaber der bekannten Firma Lachmann, Morganthau and Goldsmid, sodann Direktor eines großen Bankinstituts in New York. Mr. Morganthau, der auf verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens hervorragend tätig ist, bekundete auch für jüdische Dinge stets warmherziges Interesse. Er ist Präsident der New Yorker

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