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Die Welt · 1913-08-29 · 35 (29.8.1913) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
35 (29.8.1913)
Date
1913-08-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1130 Nr. 35 DIE2§BSLT die Juden, die sie ungeheuerlicher Erpressungen und wucherischer Betrügereien ziehen, nur Vorwände waren, geht aus einem damaligen Urteile der niederösterreichischen Stände über die christlichen Kaufleute hervor, in welchem es heißt*): . . sintemal und ob zwar man sy die Juden allerhandt Wuchers beschrait, doch dennoch erscheint, dass man offt derselben in Kauf und Verkhauff viel nützlicher als eben unsere Mitchristen geniesen kann. Wie dann offen am Tage, dass unter den bürgerl. Handelsleut und Crämem eine überaus wucherlich Schinderei eingerissen . . Als am 11. Juni 1670 der größte Teil der Wiener Judenschaft verjagt worden war, überreichte der noch ansässige Rest eine Bittschrift, die schildert „wie Eltern von den Kindern abgerissen, Greise Arm un' Bein gebrochen, gemordet worden“, und wie die Vertriebenen „das Leben gleichsam für ein Straff un’ den Todt für ein Erquickung halten müssen . . .“ Vergebens. Am 28. Juli 1670 jagten die Wiener unter Jubel den letzten Juden aus der Stadt. In den blutigen Bedrängnissen dieser letzten Tage vollbrachte der Gemeindevorsteher Koppel Fränkhel — sein Andenken sei gesegnet — eine großherzige Tat, die diese finstere Zeit der Grausamkeit und Roheit wie eine heilige Flamme überstrahlt. In dem Augenblicke, da er mit Weib und Kindern ins Exil mußte, vergaß er der zurückbleibenden Gräber nicht. Er hinterlegte beim Magistrat 4000 fl. und erlangte dadurch einen Revers, daß der Judenfriedhof unangetastet bleibe. So ist die wichtigste jüdische Denkwürdigkeit Wiens, der Friedhof in der Seegasse, der bis ins XIII. Jahrhundert zurückreicht, erhalten geblieben. (Bekanntlich hat es ein Wiener Gelehrter, Dr. Bernhard Wachstein, mit großem Erfolge unternommen, durch wissenschaftliche Bearbeitung der Grabinschriften diese unschätzbare Geschichtsquelle zu erschließen. Der erste Band seines Werkes reicht bis zu der erwähnten Juden Vertreibung anno 1670 und liegt bereits vor.) Zwei windschiefe Häuser in der Tandelmarktgasse, die sich an einen engbrüstigen, bizarren Mittelbau lehnen, sind die letzten Reste der Judenstadt im Werd. Drei Jahre später — und die lieben Wiener rufen nach den Juden! Man höre und staune: Am 26. September 1673 fand zu Wischau eine förmliche Konferenz statt, bei welcher jüdische Notabein mit Graf B r e u n e r und Gabriel Selb, den Vertretern der Behörden, in diplomatische Verhandlungen traten. Für den Bettel von 300 000 fl. wurden die Vertriebenen wieder eingeladen, mit Ausnahme der „Canaille“ (das sind die Armen, die kein Steuerobjekt bilden) in die Stadt der Lieder und Backhendel zurückzukehren .... Vor mir liegen Porträts hervorragender „Tolerierter“ aus den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts. Das wirklich adelige Gesicht Salomons v. Rothschild, der den Wienern durch ein fast zinsfreies Darlehen von 340 000 fl. die Neugestaltung der inneren Stadt, die Erweiterung der Passage zwischen Kohlmarkt und Graben ermöglichte, und dafür — der erste Jude — Wiener Bürger wurde. Die interessanten Köpfe Hofmann v. Hofmannstals, Aron Leidesdorfe rs, Moritz Königswarters, Max v. Königsbergs, alle sorgfältig nach Wiener Mode gekleidet, die weiß- oder schwarzseidene Binde kunstvoll um die Vatermörder geknotet, Oberlippe und Kinn rasiert, Haartracht a la „Lützows wilder verwegener Jagd“. Die hohepriesterliche Gestalt des unvergeßlichen Sülzer und der echtjüdische, durchgeistigte Kopf des berühmten Predigers Mannheimer. Es waren die Jahre des von dem edlen Kaiser Josef II. erlassenen Toleranzpatentes, das freilich nach dem Tode des großen Herrschers zum guten Teile auf dem Papier blieb und nur dem engsten Kreise sehr Begüterter zu statten kam. Toleriert wurde nämlich nur, wer ein Vermögen von mindestens *) Zitiert bei G. Wolf: „Die Juden in der Leopoldstadt im 17. Jahrhundert“. 10 000 fl. nachweisen konnte. Nachstehendes Beispiel gebe einen Begriff von der damaligen Steuerleistung der Juden*): Im Jahre 1808 zahlten die damals in Wien tolerierten 110 jüdischen Familien insgesamt an Toleranz-, Schutz- und sonstigen jüdischen Steuern an die Regierung 46 283,44 fL, dazu kommen aber außerordentliche Abgaben, die 1809 an Kriegskontribution allein 60000 fl. betrugen. Man muß betonen, daß diese reichen Judenfamilien, die sich nur durch gewaltige Geldopfer behaupten konnten und wegen ihrer Kinder bittere Sorgen hatten — den Söhnen wurde, falls sie heirateten, die Toleranz nicht gewährt, sie mußten fort aus Wien oder in fremde Dienste treten .— ganz Außerordentliches für ihr Volk leisteten. Sie unternahmen nicht nur großzügige Wohltätigkeitsaktionen, sondern mühten sich auch, jüdischen Jünglingen neue Berufszweige zu eröffnen und gaben sie zu Wiener Handwerkern in die Lehre, um sie zu Meistern zu erziehen. Sie mußten aber bald von ihrem Beginnen ablassen und erfahren, daß die Behörden eine Betätigung der Juden außerhalb des Handels nicht dulden wollten. Am 13. August 1814 verfügte die Polizeidirektion, . . daß nicht etwa die hiesigen Tolerierten ihren Freunden, Bekannten oder Verwandten, die sich einem Handwerk widmen, raten mögen, nach Wien zu kommen, da künftig kein fremder israelitischer Geselle hier mehr geduldet wird“. Für uns Zionisten, die wir die Geschichte des 19. Jahrhunderts um- und umpflügen, um die Ursachen des Niederganges und Verfalls unseres Volkstums zu ergründen, ist das umfangreiche Majestätsgesuch von größtem Interesse, das die Wiener tolerierte Judenheit am 12. November 1816 überreichte. Noch trägt es den Stempel eines großartigen Solidaritätsgefühls und des — wenn auch schon erblaßten — Volks- und Stammesbewußtseins, das die Epigonen dieser Männer, soweit sie nicht gar schon das Taufbecken passiert haben, fast durchaus einbüßten. Noch spricht eine edle Vornehmheit aus diesen Bitten, die spätere Geschlechter nicht mehr kannten. Noch entsinnen sie sich des „asiatischen Vaterlandes“. Aber schon merkt man in dem bedeutsamen Schriftsätze die ersten Anzeichen jenes schleichenden Giftes, das zum Partikularismus führte, die Gesamtheit in Gruppen und Grüppchen spaltete, welche trachteten, wo es nur ging, unterzuducken und die nichtjüdische Umgebung an ihre Abstammung vergessen zu machen. Schon sieht man Ansätze, die anderen preiszugeben, wenn man sich nur selbst unterbringen kann, schon keimt die unselige Idee des jüdischen Deutschtums, Slawentums, Magyarentums, die so jämmerliche Resultate zeitigte. Schon haben sie, die „Geduldeten“, die Klage im Munde, daß sie nicht „als Böhmen, als Polen, als Deutsche, sondern immer nur als Juden und Israeliten angesehen werden“, schon machen die Gesuchsteller den Vorschlag, mit der Gleichberechtigung bei ihnen, den niederösterreichischen Juden, zu beginnen, die sich durch „Bürgersinn, Rechtlichkeit und Bildung“ auszeichnen, und den Juden anderer österreichischen Provinzen die bürgerlichen Rechte späterhin in dem Maße zu gewähren, „als sich ferner in einer Provinz unter der Judenschaft ein höherer Grad von geistiger und moralischer Ausbildung offenbart“. Ein denkwürdiges Dokument, dieses Majestätsgesuch der Wiener Toleranzjuden ... Wir eilen zu den Märzgräbern und grüßen stumm. Nicht viel Worte! Keiner, der nicht wüßte, daß jüdische Heldensöhne für das Befreiungswerk Wiens und Oesterreichs ihr Herzblut gaben. Ludwig August Frankls Lied „Die Universität“ war der Auftakt. Das erste Opfer der Märztage war ein Jude: der Bisenzer Student Heinrich Spitzer, das letzte ein jüdischer *) Vergl. Sigmund Husserl: Gründungsgeschichte des Wiener Stadt-Tempels.

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