Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 35 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 35 1129 : ■■= - ~ ' DIE^ELT — WIENER JÜDISCHE DENKWÜRDIGKEITEN Von Dr. Otto Abeies Bevor sich die Tore des Kongresses öffnen, sei eine Stunde des Gedenkens gefeiert. Wir wollen durch die Straßen Wiens wandern, an teueren Stätten verweilen, und an Juden erinnern, deren heilige Treue und heldenhafte Größe uns aufrichtet, deren Seelenadel uns erfrischt, oder auf die wir stolz sind, weil sie der Menschheit dienten. Dort, wo jetzt die Wipplingerstraße vom Schottenring zum Zentrum der Stadt führt und, hinter modernen Straßenzügen verborgen, ein hügeliges, wunderschönes Stück Alt-Wiens sich versonnen zur Donau neigt, befand sich im 13. und 14. Jahrhundert das erste Wiener Ghetto. Ein Holzschnitt aus dem Jahre 1609 von Hufnagel zeigt das Bild einer recht ausgedehnten Siedlung aus meist zweistöckigen, hochgiebeligen, mitunter recht stattlichen Häusern rund um den „Schulhof“, dem heutigen Judenplatz. Vor den Toren der Judenstadt lauerte mit lüsternem Pranken grimmiger Haß, hieb immer wieder blutende Wunden und holte zum vernichtenden Schlage aus, als es sich lohnte, das Nest auszuheben. Die alte Mär von der Hostienschändung gab den Vorwand, und im Jahre 1420 wurden die besitzlosen Juden verjagt (man zwang sie, in Kähnen donauabwärts zu fahren), die Wohlhabenden hingegen durch zehn Monate gefoltert, um Angaben über die Verstecke ihrer Habe zu erpressen oder sie zur Taufe zu bewegen. Diejenigen aber, welche die Martern überlebten, wurden insgesamt am 16. März 1421 auf der Erdberger Lände (dort, wo heute das Gebäude der Donaudampfschiffahrtsgesellschaft steht, nächst der Franzensbrücke) verbrannt. Das Judenverbrennen, das durch Maueranschlag angezeigt wurde — der Wortlaut des Urteils ist erhalten und beruft sich auf eine „vor ettleichen jarn" begangene Hostienschändung —, war ein richtiges jauchzendes Wiener Volksfest, wie der Historiker Bermann in seiner Geschichte Wiens versichert. Wer sich an der Märtyrergröße jüdischer Männer und Frauen erheben will, an herrlichem Bekennermute angesichts der furchtbaren Qualen, der lese ein kostbares zeitgenössisches Dokument, die sogenannte „Wiener Ges er ah“*). Dieser Brief eines Unbekannten enthält eine knappe, dramatische Darstellung des Schreckensjahres. Einiges aus der Schrift, die einen freimütigen, herzhaften, ebenso klugen wie erfahrenen Autor verrät, sei hier angeführt. Als die Verfolgungen ihren Höhepunkt erreichten und man sich anschickte, um die Alten mürbe zu machen, die Kinder gewaltsam zu taufen, versammelten sich Männer und Frauen in der Synagoge und beschlossen zu sterben. Rabbi J o n a h wurde ausgelost und tötete alle Männer, während sich die Frauen in der „Weiberschul" gegenseitig mordeten. Die letzte Ueberlebende bat den Rabbi, ihr durch das Fenster der Frauenschul den Todesstoß zu versetzen. „Rabbi Jonah", fahrt die Geserah fort, „hat nimmer aso vil kraft., as er sich kont selbst schechten, so nam er ale stender in der schul, legt si über anander, un’ gos das öl drauf un betet 'r* r^TiD (den lieben Gott um Verzeihung) auf was er da getan hat, un' sagt, wie er es hat als E’atr 22"? (um des Himmels willen) getan, un’ sezt sich auf den “2*2 (Altar), un’ zündet in unten an.“ Jüdische Jünglinge wurden in Fässern straßauf, straßab gerollt, um sie zur Taufe zu bewegen, „si namen ales güteklich auf" und blieben standhaft. Von der Fahrt zum Richtplatze berichtet die Geserah, daß die Frauen angesichts der Scheiterhaufen das dargebotene rettende Kreuz zurückstießen. „As de frommen heiligen weiber sahen, was inen *) Wissenschaftlich bearbeitet von G o 1 d m a n n in „Das Judenbuch der Schaffstraße zu Wien", 1908, Verlag Braubeschert war, hoben sie an zu tanzen un’ zu springen, as het man si solen unter die riET“ (Trauhimmel) füren ..." Der Autor, der seine Historie mit dem Wunsche schließt, Gott möge „solches weiter nümen (nimmer) lasen betagen, un’ sol uns bald zu änander jagen, zu brengen uns in di heilige stat E^EriT", hat gewiß in seiner Begeisterung manches poetisch verklärt. Daß aber seine Darstellung im Grunde den Tatsachen entspricht, beweise ein Zitat aus der Geschichte Wiens von Bermann, der ausdrücklich erklärt, die Schuld an den zahlreichen Wiener Judenverfolgungen hätten die Juden getragen, also gewiß objektiv ist: „Manche benutzten die Besuche der katholischen Geistlichen, um durch das Begehren der Taufe sich das Leben zu retten, viele aber entleibten sich selbst samt ihren Angehörigen durch Aufschneiden der Adern, Erdrosseln mit Riemen, Stricken und dergleichen. Das Weib des reichen Israel erwürgte sich in der Diebsschergenstube mit ihrem eigenen Schleier, ein Tulner Jude stieß sich den Dolch ins Herz, viele Jüdinnen zu Mödling und Perchtoldsdorf öffneten ihren Kindern die Adern und erdrosselten sich dann selber, um ihren Männern ein heroisches Beispiel zu geben. Die weitaus größte Anzahl der Juden blieb jedoch unter all den Schrecknissen ihrem Glauben treu und wartete standhaft das Ende ab." Nach der Judenverbannung war das Ghetto menschenleer und die Häuser wurden verschenkt, die Schulden gewissenhaft für den Staatsschatz eingetrieben. Es ist zu wenig bekannt, daß für den herrlichen Bau der alten Universität, die Steine der — Synagoge verwendet wurden. „Et ecce mirum, Synagoga veteris legis in scholam virtutum novae legis mirabiliter transmutatur"*). Das schönste Judenhaus erhielt, wohl in Anerkennung seiner Verdienste um die Vernichtung der Juden „aus sundem Gnaden", der Wiener Bürgermeister, Hans M u s t e r e r, zum Geschenke. Der letzte Rest des Ghetto wurde erst im Jahre 1884 niedergerissen. Es war der lauschige, mit anmutigen Bogengängen gezierte Hof des „Hekdesch" (Spital und Versorgungshaus). Gegenwärtig erinnert an die Schreckenszeit nur noch ein Relief (auf Haus Nr. 2, Judenplatz), darstellend die Taufe Christi. In einer lateinischen Inschrift wird berichtet, daß die „canes Hebraei" (die Hebräerhunde) durch Feuer ihre Sünden büßten .... Nach zwei Jahrhunderten drängten sich wieder engverschlungene Gäßchen zu einem Ghetto zusammen. Es war die Judenstadt im unteren Werd, jenem Teile der heutigen Leopoldstadt, der sich zwischen Taborstraße und Große Schiffgasse ausbreitet und in welchem auch jetzt fast durchaus jüdisches Leben pulsiert. Hoffnungsfreudig sammelten sich die Ruhelosen in dem neuen Asyl, das in kurzer Frist von 14 auf 132 Häuser anwuchs. Das Leben darin war beileibe nicht rosig und die Bedrängnisse verdichteten sich während der Türkenkriege zu unsäglichen Leiden, da sich die liebenswürdigen Wiener weigerten, die ungeschützten Bewohner der Ghettogassen jenseits der Donau in den Mauern der Stadt zu beherbergen. Und trotz allem Ungemach entwickelte sich ein reiches geistiges Leben, Halachisten und Kabbalisten stritten um den Vorrang, es lehrten Jomtob Li p mann Heller und Sabbatai Scheftel Horwitz und die verdrückten, winkeligen Gäßchen überragte eine monumentale Synagoge — die heutige Kirche zu St. Leopold. Dem aufblühenden Gemeinwesen waren kaum fünfzig Jahre gegönnt. Anno 1625 zogen unsere Vorfahren über die Schlagbrücke in die Judenstadt, anno 1670 trieb sie eine gewaltige Judenhatz bis auf den letzten Greis und Krüppel auf die Landstraße hinaus. Daß die Anschuldigungen der Wiener Bürger gegen *) Dr. Ign. Schwarz „Das Wiener Ghetto“..