Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 35 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1128 die ungarische Judenheit. Die jüdische Volksbewegung hat in ihr Keime ausgestreut, die ohne Zweifel aufgehen werden. Sie ist für die jüdische Nationalidee, die ihr in dem von acht Völkern bewohnten Oesterreich viel verständlicher ist, als den Juden einheitlicher Nationalstaaten, unbedingt zu gewinnen. Dies bezeugen auch die bisherigen Erfolge. An Versuchen, die jüdischen Bürger Wiens im Rahmen der zionistischen Bewegung zu organisieren, hat es seit den Tagen, wo Theodor Herzl zu ihnen sprach, nicht gemangelt. Es fehlte jedoch etwas, was sie aus ihrer behaglichen und gleichgültigen Lebensweise jäh emporgerissen, zum Nachdenken und zur Begeisterung gezwungen hätte. Dieses Etwas ist nun da: der elfte Zionistenkongreß! Als der Beschluß gefaßt wurde, den nächsten Kongreß in Wien abzuhalten, wurde es allen, selbst denen, die Wien nicht genau kennen, klar, daß er ein von den bisherigen Kongressen gänzlich abweichendes Gepräge aufweisen wird. Schwebte doch unserm Herzl das Bild einer Tribüne vor, von der das jüdische Volk zur Öffentlichkeit sprechen würde. Die Vorbereitung des ersten Kongresses ging ja — wie allgemein bekannt — unter unsäglichen Schwierigkeiten vor sich, und nach dem Protest der Münchner jüdischen Gemeinde mochte man gar nicht daran denken, die Tagung in einer Stadt zu veranstalten, die eine größere jüdische Bevölkerung beherbergt. Und so wurde die alte Stadt Basel, in der freien Schweiz und im Herzen Mitteleuropas an der großen Heerstraße gelegen, zum Standorte unserer Kongresse. Die Abstecher nach London, dem Haag und Hamburg brachten uns vielleicht wertvolle Stützpunkte in der öffentlichen Meinung, allein sie schufen ebensowenig einen innigen Zusammenhang mit den jüdischen Massen, wie die Kongresse in Basel. Die Juden hörten vom Kongresse, konnten aber das alte jüdische Wort: „Laßt uns gehen und sehen" nicht befolgen. Basel war eben zu weit. Nun wird der Kongreß in Wien seinen Einzug halten. In einem jüdischen Zentrum, worunter jedoch nicht nur die an das zweite Hunderttausend heranreichende jüdische Bevölkerung Wiens zu verstehen ist, vielmehr die gesamte österreichisch-ungarische Monarchie mit ihren zwei Millionen jüdischer Seelen. Die Delegierten, die zum Kongreß herbeieilen, empfangen hier Ansporn und Anregung die Hülle und Fülle, sie schlürfen Begeisterung aus dem Wunderborn unseres Ideals. Für den kleinen jüdischen Mann, der sich Entbehrungen auferlegt, um aus irgendeinem verborgenen Neste Galiziens oder Ungarns zum Kongreß fahren zu können, bedeutet die Tagung des jüdischen Volksparlaments ein gewaltiges Erlebnis. Der Kongreß richtet unsere gepeinigten und gedrückten Brüder auf, er gibt ihnen den Glauben an das jüdische Volk und seine Zukunft wieder. Er öffnet ihre Augen und erzieht sie zum neuen jüdischen Leben. Und somit wird unserm Kongreß eine neue Eigenschaft mnewohnen: er wird ein Kulturfaktor im jüdischen Volke. Zur Zeit der „Aufklärung" spielte die Leipziger Messe eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der ostjüdischen Massen. Aus Leipzig brachte einst der Urgroßvater Schillers Werke, Mendelssohns Bibelübersetzung und mit ihr die religiöse Reform nach Hause. In tausendfachem Maße kann der elfte Kongreß für die Wiedergeburt des jüdischen Volkes wirken. Der erste Zionistenkongreß vor sechzehn Jahren .war gewiß eine größere Tat, der Wiener Kongreß wird sich aber rühmen dürfen, - eine zielbewußte, Weiterentwicklung dieser grandiosen..Tat zu sein. Er bedeutet die Erschließung des Zionismus für die breiten Massen des Nr. 35 jüdischen Volkes. Ueberwältigt vom verjüngten alten Worte werden die aus Wien heimkehrenden Juden allerorts unsere Wahrheiten verkünden und verbreiten. Viele wird vielleicht lediglich die Schaulust herbeilocken, sie alle werden sich aber dem Banne der Idee nicht entziehen können. Der Wiener Zionistenkongreß wird sicherlich unser besuchtester werden. Es wird ihm etwas innewohnen, was an die Feste erinnert, zu denen unsere Vorväter in der alten Heimat dreimal im Jahre wallfahrteten. Der weise jüdische Gesetzgeber sah in diesen nationalen Massenansammlungen eine Kräftigung und Stärkung des Gefühles der Zusammengehörigkeit. Wir sind noch nicht in unserem Lande, wir befinden uns erst unterwegs; Wien ist nicht Zion, aber es ist eine große Station auf der Strecke, die nach Erez Israel führt. Lasset uns daher fröhlichen Herzens dorthin pilgern, mit den jauchzenden Stufengesängen der Väter auf den Lippen! Die Verhandlungen des XI Zionisten-Kongresses haben begonnen wenn die meisten Leser diese Nummer erhalten. Es ist aber noch nicht zu spät, um ln letzter Stunde Abonnenten für die Kongressausgabe zu werben. Bestellungen werden auch während des Kongresses und nach demselben entgegengenommen. Da nunmehr alle Arbeiten für den Kongreß beendet sind, sollte jeder Gesinnungsgenosse sich der Propaganda für die „Welt" widmen. Ohne Anstrengung kann jeder Zionist einen * * Abonnenten * * für die Kongreßausgabe gewinnen, wodurch allein eine kolossale Verbreitung der Kongrefjausgabe erreicht wird. Wir rechnen bei dieser wichtigen Propaganda auf die oft bewährte Unterstützung aller Gesinnungsgenossen. Der Abonnementspreis beträgt M. 2,40, Kr. 2,80, RbL 1,30, sh 2/10, Hfl 1,70, Doll. 0,70, Pres. 3,60. Die Abonnenten der „Welf“ zahlen M. 1,20, Kr. 1,40, RbL 0,65, sh 1/5, Hfl. 0,85, Doll. 0,35, Pres. 1,80. Der Betrag kann in Briefmarken jeder Währung entrichtet werden. Verlag „Die Welt“, Berlin H1S, siEhsischestr.« DIE^ELT