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Die Welt · 1913-08-29 · 35 (29.8.1913) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
35 (29.8.1913)
Date
1913-08-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 DlEXftELT 1127 Stützung haben, setzt also unsere .Wirksamkeit in Palästina voraus. Endlich darf niemals übersehen werden, daß unsere Politik den Bevölkerungsverhältnissen Palästinas entsprechen muß, dessen Einwohnerschaft gerade in den letzten Zeiten für die Lösung der politischen Zukunftsfragen des Orients erhöhte Bedeutung gewonnen hat." In diesen Sätzen ist Anfang und Ende aller unserer politischen Weisheit auf absehbare Zeit enthalten. Und nicht nur das: sie geben auch das wesentliche Geheimnis unserer Propagandamöglichkeiten. Venn im letzten Grunde gibt es für die Menschen, auf die wir wirken wollen, und die wir gewinnen müssen, nur ein Argument: unsere Arbeit in Palästina. Dreifach ist also das Fundament, auf dem die zitierten Sätze ruhen. Sie enthalten den Kern unserer Politik, die stärkste Begründung unserer Propaganda und schließlich — last not least — den realen Anfang zur Verwirklichung unseres Endzieles, das im „Baseler Programm" unverrückbar stabilisiert ist. Wenn sich der Kongreß also der ernsten Zeichen der Zeit bewußt bleibt — die ihm genugsam vor Augen geführt werden dürften, und die jeder einzelne Delegierte ohnehin kennt — dann wird er weder Phantomen nachjagen noch sich durch kleinliche Nörgelei verärgern lassen, sondern mit unerschütterlicher Konsequenz die Wirklichkeitspolitik weiter verfolgen, die ihm das Actions-Comite empfiehlt. Dazu gehört eine starke, von einem einheitlichen Willen beseelte Leitung und eine festgefügte Organisation, in der jeder einzelne, aber auch jeder, seine Pflicht tut. Haben wir uns das auf dem elften Kongreß gesichert, so werden wir auch unserem mächtigsten Feinde, der heimlichen und offenen Assimilation, siegreich trotzen. Diese Bahn der realen Arbeit von allen noch bestehenden Hindernissen freizumachen, das ist die historische Aufgabe des elften Kongresses! WIEN ALS KONGRESS-STADT Von Ludwig Batö (Wien) Urplötzlich taudien in der jüdischen Geschichte Städte und Länder auf und erlangen große Bedeutung. Wien gehört nicht zu ihnen, es ist keine Judenstadt von heute oder gestern. Wien beherbergte bereits im frühen Mittelalter eine Judensiedlung, und die blutigen Blätter seiner Geschichte bezeugen deren jüdische Treue, Gelehrsamkeit und zähe Glaubensstärke. Die Kapitel, die von Gestalten wie Rabbi Jizchak Or Sarua, Rabbi Meir Halevi und den Blutzeugen der verschiedenen Judenverfolgungen, an denen es in Wien nicht gefehlt hat, erzählen, sprechen eine beredte Sprache. Trotzdem aber die Wiener Juden zweimal von Haus und Hof vertrieben wurden, hielten sie fest und treu zum Judentum, wobei sie sich stets als nützliche Bürger der Stadt erwiesen. Bedurfte der Staat oder der Hof finanzieller Hilfe, so sprangen sie stets hilfreich bei, und als im Frühlingsjahre 1848 das Wiener Volk nach den ersehnten Führern rief, da sandte ihnen die Wiener Judenheit Fischof, Jellinek und viele andere, die mit flammenden Worten die Lehre der Freiheit verkündeten und bereit waren, auf den Barrikaden für sie ihr Leben hinzugeben. Auf allen Gebieten des Wissens und der Kunst, des Handels und des Gewerbes, der militärischen und der bürgerlichen Verwaltung stellten die Wiener Juden ihren Mann. Von den vielen glänzenden Namen der Gegenwart sei nur an Josef U n g e r und an Artur Schnitzler erinnert. Die Wiener Judenschaft weist keinen einheitlichen Charakter auf. Sie hat jüdische Elemente aus aller Herren Ländern in sich aufgenommen. Mährische und böhmische deutsche und ungarische, polnische und russische, ja sogar türkische Juden gingen in ihr auf. Und diese Verschmelzung hat vermöge der Anziehungskraft der Großstadt und der typischen Erscheinung der Landflucht jüdischer Massen immer noch nicht aufgehört und nimmt ihren weiteren Lauf. Wie die Wiener Judenheit aus den verschiedensten Teilen des jüdischen Volkes zusammengesetzt ist, so weist auch ihre Entwicklung die charakteristischen Merkmale unserer Geschichte auf. Seit der Emanzipation steckten die Wiener Juden in der deutschliberalen Partei. Es ist dies die normale Erscheinung in allen Ländern, wo die Juden die Folgen der bürgerlichen Gleichstellung noch nicht überwunden haben. In den achtziger Jahren, beim Auftauchen der modernen antisemitischen Strömung, beginnt der Liberalismus seine herrschende Stellung einzubüßen und als um die Mitte der neunziger Jahre die Christlichsozialen im politischen Kampfe den Sieg davontrugen, war es um die liberale Partei, deren Hauptstützen die Juden waren, geschehen. Seit dieser Zeit gehört der Großteil der Wiener Juden eigentlich keiner politischen Bewegung an und hält sich von jeder Organisation fern. Ihre Teilnahme an der sozialdemokratischen Bewegung — abgesehen von einigen Führern — ist eine ganz geringfügige und die aus Juden bestehenden kleinen fortschrittlichen und freisinnigen Vereine entbehren jeder Macht und jeden Einflusses. Lediglich bei den Wahlen raffen sie sich auf, um mit dem kleineren Feind gegen den größeren Feind zu Felde zu ziehen. Der Wiener Jude steht nun im politischen und wirtschaftlichen Leben machtlos da und läuft Gefahr, allen Vorgängen teilnahmslos und gleichgültig gegenüberzustehen. Das Gefühl der „Wurstigkeit" droht, seiner Herr zu werden. Innere Kämpfe für und wider die religiöse Reform hat es — von einigen Scharmützeln abgesehen — in Wien eigentlich nie gegeben. Die jüdische Gemeinde hat es stets verstanden, in diesen Dingen den goldenen Mittelweg einzuschlagen und so fehlt es an diesem Gärstoff jüdischen Lebens in Wien. Er wird aber wohltätig und fruchtbringend ersetzt durch die nationale Idee, in deren Zeichen das neue Geschlecht des jüdischen Wien steht und wirkt Denn das deutsche Nationalbewußtsein ist längst entschwunden, verflogen sind die schwarz-rot-goldenen Träume; sie hatten die Wiener Juden begeistert, solange Deutschtum Inbegriff der Freiheit war. Die deutschnationale Bewegung in Oesterreich, die unter anderem auch das Waidhofner Prinzip gezeitigt hat, hat sie eines bessern belehrt. Und nun steht der Wiener Jude nach den Enttäuschungen und Erfahrungen eines halben Jahrhunderts vor dem Scheidewege. Er hat die Wahl: sich entweder gleichsam taub und blind für Demütigungen und Anfeindungen, ohne Gesinnung und Gefühl, sein Leben lang herumzudrücken, oder aber sich frei zu seinem Volke und dessen Bestrebungen zu bekennen. Das junge, aufstrebende Geschlecht gibt uns die Hoffnung auf die Wahl der zweiten Alternative*. Aber auch die Wiener jüdische Bürgerschaft selbst stellt ein politisch viel reiferes Element dar, als beispielsweise

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