Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 35 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 35 DIE2§KELT 1126 Assimilationsversuche, selbst durch eine noch so große Zahl von Taufen und Mischehen, für sie aussichtslos bleiben müssen, solange die deutsche Judenheit ständig durch Zuzug aus dem Osten verstärkt und lebendig erhalten wird. Hat sie bisher ihr politischer Liberalismus daran gehindert, nach russisch-amerikanischem Muster Einwanderungsverbote oder -Beschränkungen zu fordern, so beginnen sie jetzt, auch dieses stärkste Bedenken zu überwinden und sich rückhaltlos der antisemitischen Forderung nach einem Einwanderungsverbot für ausländische Juden anzuschließen. Dr. Max Marcuse, ein Vorkämpfer für Mischehe und Taufe, schrieb kürzlich: „Man helfe diesen Juden des Ostens aus dem Jammer ihrer Leiber und ihrer Seele — so wie jeder die . Hilfe für am wirksamsten hält. Nur nicht länger auf die Weise, daß man sie unbeschränkt bei uns aufnimmt! Diese Juden sind unser aller Unglück; sie lassen immer von neuem Schranken erstehen, führen uns immer wieder Ghettoluft zu, und sie sind die größte Gefahr für das Gedeihen und die Harmonie der Völker. Es ist im höchsten Maße beklagenswert, daß die Erkenntnis und jeder Versuch der Abwehr dieser Gefahr bislang als ein Zeichen politisch-reaktionärer Gesinnung betrachtet und in den Parlamenten demgemäß nur den ganz rechtsstehenden Parteien überlassen worden ist." Ein antisemitisches Blatt, das diese Worte in Sperr- und Fettdruck zitiert, bemerkt dazu: „Diese Worte eines Juden verdienen weiteste Verbreitung und Beachtung der Regierungen." Damit sind wir einer Kritik der Aeußerung enthoben. Aber man lasse sich nicht täuschen: was hier ein Unvorsichtiger ausspricht, das denken viele Tausende, und das denkt vor allem seit langer Zeit der deutsche Liberalismus, der ja längst nur noch eine Karikatur des Liberalismus von einst ist, und der nach einem Worte von Rodbertus schon vor dreißig Jahren nur noch von der Furcht vor seinen eigenen Ideen lebte. Mit unserer Entrüstung aber wird's dann nicht getan sein, wenn der Skandal zur Tatsache wird, daß deutsche Juden und deutsche Liberale antisemitische Maßnahmen zur Förderung der Assimilation politisch vertreten werden. Und sind die deutschen Juden einmal mit gutem Beispiel vorangegangen, so werden die Assimilanten der anderen Länder nicht schweigen. Nicht was ein Marcuse schreibt, der eben noch glücklich aus Rußland nach Deutschland hineingelangt ist, hat Bedeutung, sondern die Tatsache, daß er die geheimen Seelenregungen aller bewußten Assimilanten bloßlegt. Wichtig ist sie als Symptom. Ohne zu prophezeien, kann man Voraussagen, daß die englisch-amerikanischen Einwanderungsbeschränkungen in Verbindung mit den auf dem westeuropäischen Kontinent und besonders in Deutschland noch beliebteren Ausweisungen in naher Zukunft einmal eine Lösung der Judenfrage im Sinne der Assimilation anbahnen werden, wenn dieser Entwicklung nicht ein Paroli geboten wird durch ein immer rascheres Anschwellen unseres jüdischen Standards in Palästina. Das ist der Ernst der Zeit, daß der Wille zur Auflösung unter den Juden immer rapider um sich greift, und daß er schon so entschlossen auftritt, um nicht einmal vor der Verbrüderung mit dem Judenhaß zurückzuschrecken. Noch immer ist unsere gewiß großartig angewachsene Bewegung viel zu klein, noch immer sind die Resultate unserer ja erst wenige Jahre alten Arbeit in Palästina viel zu bescheiden, um auch den nach der Assimilation schielenden Juden — die im Osten durchaus nicht weniger zahlreich sind, als im Westen — den Stolz auf ihr Judentum und den Willen zum Judentum einzuhämmern. Noch immer sind wir fast überall eine Outsider-Bewegung. Gewiß ist das teilweise unser berechtigter’ Stolz, mit dem wir uns als die Juden von morgen fühlen. Aber wir haben es in der Hand, das Heraufdämmern der neuen Morgenröte zu beschleunigen, wenn wir eben die Kraft aufbringen, die Welt der Indifferenten zu etwas rascherer Drehung zu zwingen. Und wir werden die Teilnahmslosigkeit der Juden für immer erschüttert haben, wenn auch der Gleichgültigste und der Uebelwollende die Erfolge des Zionismus in Palästina nicht mehr werden übersehen können. Auf diesen Moment, und nicht auf den Moment einer imaginären politischen Konstellation, müssen wir mit der ganzen Wucht unseres Wollens und der ganzen Energie unserer Arbeit hinwirken. Dann wird die Judenheit in unserem Lager sein, so wie sie heute leider noch bewußt oder unbewußt im Lager unserer schärfsten Feinde ist Der Kongreß, der in wenigen Tagen in Wien zusammentreten wird, muß des Ernstes dieser Situation eingedenk bleiben und ihre Zeichen zu deuten verstehen. In dem Bericht, den das Actions-Comite dem Kongresse erstattet hat, sind die Grundlinien aufgezeigt, auf denen wir vorwärtsgehen müssen, wenn wir das entscheidende Werk für die Zukunft des Judentums glücklich fortführen wollen. Hier soll dem Votum des Kongresses über diesen Bericht in keiner Weise vorgegriffen werden. Der Kongreß wird die mündlich zu erstattenden Ergänzungsreferate hören und danach seine Entscheidungen treffen. Was aber in dem Bericht des Actions-Comites über die leitenden Gesichtspunkte der zionistischen Politik gesagt ist, das erscheint uns von so äxiomatischer Bedeutung, daß wir diesen Passus im Wortlaut hierher setzen: „Obwohl die Bindung an ein bestimmtes, unveränderliches Schema in der Politik gewöhnlich nicht zum Ziel führt, vielmehr eine gewisse Mannigfaltigkeit der Mittel, die Verfolgung verschiedenartiger Möglichkeiten durchaus nötig ist, lassen sich doch aus der Erfahrung, die unsere Organisation im Laufe der Zeit gewonnen hat, gewisse Grundsätze ableiten, an die wir uns halten dürfen und halten müssen. Auf einige solcher Grundsätze, deren strenge Beachtung für uns von besonderer Bedeutung ist, soll hier nachdrücklich hingewiesen werden. Wir betrachten die politische Tätigkeit als ein System von Mitteln, durch welche der Prozeß der jüdisch-nationalen Konzentration und Regeneration in Palästina vor Störungen bewahrt und erleichtert werden soll. Die allgemeinen politischen Verhältnisse und die besonderen Bedingungen, unter denen sich die Kolonisation Palästinas vollzieht, lehren uns, daß die Erreichung politischer Erfolge in der angedeuteten Richtung mit dem Fortschritt unserer Arbeit in Palästina selbst aufs engste verknüpft ist. Schon die Empfindungen allgemeiner Sympathie, welche wir in allen maßgebenden politischen Kreisen für den Zionismus wachzurufen bestrebt sind, können nur durch den Hinweis auf die Leistungen der jüdischen Kolonisationstätigkeit in Palästina geweckt werden. Soll diese Sympathie jedoch über gelegentliche Aeußerungen des Wohlwollens hinaus zu wirksamer Förderung unserer Bestrebungen führen, so müssen wir durch fortgesetzte Schaffung realer Interessen in Palästina die Möglichkeit zur positiven Unterstützung unserer Sache geben. Die Verwirklichung unseres Programms hängt daher nicht von irgendeinem bestimmten politischen Erfolg, sondern im wesentlichen von uns selbst ab. Was wir von anderen Faktoren erwarten dürfen, kann immer nur den Charakter einer gewissen Unter-