Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 35 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE :W ELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITA6 ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRO. BERLIN, 29. August 1913 13mW 'S 2X V'D Nr. 35. INHAI T- Vor demJWiener Kongress — LUDWIGcBATO: Wien als Kongress-Stadt — OTTO ABELES: Wiener I1NI I . jüdische Denkwürdigkeiten — WELTCHRONIK — M. SACKHEIM-JARDENI: Ein Weltverband zionistischer Studenten — Der XI. Kongress in Wien — PALÄSTINA-RUNDSCHAU — AUS DER BEWEGUNG VOR DEM WIENER KONGRESS Zum elften Male versammeln sich die Abgeordneten der zionistischen Gruppen aus der ganzen Welt, urp Rechenschaft abzulegen von der Arbeit der Zionisten in den verschiedenen Ländern und der Entwicklung des Zionismus, und um Rechenschaft zu fordern von der Leitung unserer Organisation über ihre Tätigkeit zur Realisierung unseres Zieles. Zum ersten Male kommen wir in Wien zusammen, das für den Zionismus in gewissem Sinne ebenso eine historische Stadt ist, wie Basel, die Stätte von sieben unserer bisherigen Kongresse, weil aus Wien uns der Mann gekommen ist, den wir als den Schöpfer unserer Bewegung verehren, aus Wien, obwohl er weder dort geboren ist, noch dort seine Idee gefaßt hat. Ein Witzbold sagte, unser Wiener Kongreß fände zwei Jahre zu früh statt, wir hätten ihn 1915 abhalten sollen, zum Zentenar-Jubiläum jenes anderen Wiener Kongresses, der im Jahre 1815 die Geschichte Europas neu orientierte. Es wäre banal, diesen Scherz zu verfolgen, aber wir können allerdings hoffen, daß unser Wiener Kongreß für das jüdische Volk eine nicht viel geringere Bedeutung erlangen kann, als sie die von Metternich dirigierte Diplomaten-Versammlung vor beinahe hundert Jahren für Europa hatte. Das Wort vom „Markstein" wird gar oft mißbraucht, und wir sind weit entfernt davon, von jedem unserer Kongresse zu erwarten, er solle ein so entscheidender Punkt in unserer Geschichte werden. Wir wünschen ja im Gegenteil nichts sehnlicher, als eine ruhige Weiterentwicklung unserer Bewegung und unserer Arbeit, und wir haben eben bisher schon zu viel unter solchen „Marksteinen", die immer eine neue Richtung anzeigten, gelitten. Vom elften Kongreß erwarten wir, und mit uns wohl die Zionisten der ganzen Welt, daß er dennoch ein Markstein werde, aber nur in dem Sinne, daß er die Richtung unserer Bewegung, die der zehnte Kongreß durch seine Beschlüsse inaugurierte, ein für alle Male festlegt. Durch zwei Punkte erst wird die gerade Linie bestimmt: faßt der. elfte Kongreß seine Entschließungen in der Konsequenz des zehnten, so wird er eben der Markstein sein, der den Weg des Zionismus in der großen Linie definitiv angibt. Es ist eine ernste Zeit, in der wir uns in Wien versammeln. Nicht so sehr deshalb, weil der Kompaß der ganzen Weltpolitik jetzt ins Schwanken gekommen scheint, denn auch in den Schreibstuben der Diplomaten und sogar auf den Schlachtfeldern moderner Riesenarmeen wird ja nicht von heute auf morgen Geschichte gemacht. Kanonen und Kriegsschiffe können ebenso wie die Zunft der Diplomatie nur vollenden, was sich in der Entwicklung von Jahren und Jahrzehnten nach unerforschlichen Gesetzen vorbereitet hat. Es liegt ein tieferer Sinn in der vulgären Weisheit jener Alleswisser, die bei überraschenden Ereignissen es immer schon vorher gewußt haben. Es heißt: man konnte es vorher wissen, wenn man dem Lauf der Dinge aufmerksam gefolgt war, und gehen wir die großen Umwälzungen der Geschichte durch, so finden wir in der Tat, daß überraschend immer nur die Tatsache des Eintritts war, nicht aber das Geschehnis selbst. Emst erscheint uns die. Zeit weit weniger im Hinblick auf das politische Theater Europas, als angesichts des Stadiums, bei dem die Entwicklung eines recht beträchtlichen Teiles der Juden jetzt angelangt zu sein scheint. Wenn nicht alles täuscht, werden die Schicksalswürfel für die Juden wieder einmal im deutschen Mitteleuropa fallen. Die deutschen Juden haben sich, getrieben von den unerwarteten Fortschritten der zionistischen Bewegung, in den letzten J ähren sehr eingehend mit der Frage beschäftigt, in welcher Weise das jüdische Problem zu lösen sei. Wir dürfen es uns als Verdienst anrechnen, daß sie zu der Einsicht gekommen sind, es könne eine andere Lösung als die der Assimilation oder die des Zionismus nicht geben. Abgesehen von einer kleinen Schar weltfremder Orthodoxer und dem Haufen der Indifferenten — und abgesehen selbstverständlich von der wachsenden Zahl der deutschen Zionisten — verbreitet sich in Deutschland die Erkenntnis, daß, wenn man den Zionismus nicht wolle, man die vollkommene Assimilation mit allen Konsequenzen wollen müsse. Und viele deutsche Juden haben „jüdischen" Radikalismus mit „deutscher" Gründlichkeit vereint aufgeboten, um das Uebel an der Wurzel zu fassen. Sie wissen, daß alle