Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 34 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 34 DIE^KLT Gewiß, so ist es. Soll es aber auch so sein? Da könnten wir uns ein Beispiel nehmen an den polnischen Nationaldemokraten. Auch sie arbeiten an der Gründung von Kredit- und Leihkassen usw., finden aber nicht, daß sie dies als Polen und nicht als Nationaldemokraten tun müßten. Im Gegenteil haben es die Nationaldemokraten verstanden, sich in diesen eigentlich neutralen Institutionen ein Netz von Machtpositionen zu schaffen, das dem politischen Einfluß der Partei die denkbar größten Dienste erweist. Mittels einer der Partei ergebenen Beamtenschaft wird im alltäglichen Verkehr auf die große Mitgliedermasse ein in alle Poren der jüdischen Gesellschaft eindringender Einfluß ausgeübt, der bei politischen Massenkundgebungen sehr deutlich zum Vorschein kommt. Aehnliches hätte auch bei uns der Fall sein können, wenn wir begriffen hätten, daß es unser gutes Recht ist, die durch unsere wirtschaftliche Arbeit geschaffenen Machtpositionen auch unserer Sache dienstbar zu machen. Gewiß, es kann sich hier nicht um ähnliche „Methoden" handeln, wie die der Herren Nationaldemokraten, allein unsere Freunde, die an der Gründung und Leitung all dieser Leih- und Sparkassen sehr zahlreich und fleißig Mitarbeiten, hätten, unbeschadet der gedeihlichen Entwicklung dieser wichtigsten wirtschaftlichen Volksinstitutionen, aus ihrer Arbeit für unsere Sache „Kapital" schlagen können, wenn sie eben den tieferen Sinn aller Gegenwartsarbeit, der im Kampfe um Machtpositionen besteht, begriffen hätten. Der ganze Apparat der vielen hunderte Leih- und Sparkassen des Ansiedlungsrayons könnte sehr wohl bei politischen Massenkundgebungen (bei den Gemeindewahlen in Polen, den Dumawahlen in Rußland usw.) für unsere Zwecke in Bewegung gesetzt werden, wenn wir eben nicht mit Herrn Pasmanik glauben würden, daß hier „kein Atom spezifisch zionistischer Arbeit" zu suchen sei und wenn wir uns hier nicht den an- 1097 deren „assimilieren" würden, die für all diese Sachen kein Interesse haben. Ich will hier noch ein konkretes Beispiel anführen, das wiederum illustriert, wie all diese Gebiete (Kulturarbeit, Politik, Wirtschaft) ineinandergreifen. Vor kurzem hat der russische Staatsrat ein Gesetzprojekt betreffend die Privatschulen verabschiedet, das recht bedeutende Begünstigungen hinsichtlich des Lehrplanes, der Unterrichtssprache und der Wahl des Lehrerpersonals enthält. Dieser auch für die Juden außerordentlich wichtige Gesetzentwurf gestattet auch die Eröffnung von Privatschulen durch verschiedene Gesellschaften, Vereine und Institutionen. Wenn die Beschlüsse des Staatsrates die allerhöchste Sanktion erlangen — was durchaus nicht unwahrscheinlich ist — bekommen all die Leih- und Spargesellschaften, die jetzt häufig nicht wissen, was sie mit ihren Ueberschüssen anfangen sollen, das Recht, Privatschulen zu eröffnen. Hier wäre ein reiches Feld für unsere Schulpolitik. Würden wir nun da den uns gebührenden Einfluß erlangen können? Ich muß befürchten, daß dies nicht der Fall sein wird, weil wir uns eben daran gewöhnt haben, hier „kein Atom usw." zu erblicken. Es hat sich verlohnt, gerade bei der wirtschaftlichen Seite der Gegenwartsarbeit länger zu verweilen, weil hier der Zusammenhang mit dem Zionismus am meisten bestritten wird. Die vorstehende Erörterung hat, wie ich glaube, erwiesen, daß die Pasmaniksche Einteilung der Gegenwartsarbeit in echte und unechte und die verlangte Ausschaltung der „Politik" und der Wirtschaft aus dem System der zionistischen Aufgaben unbegründet ist. Auch ich möchte hoffen, „daß der XI. Kongreß gerade hier neue Richtlinien schaffen wird", wie ich mit Herrn Pasmanik glaube, daß die Erörterung der Details unserer national-kulturellen Tätigkeit in der Diaspora Sache des Kongresses ist. EIN SCHRITT NACH VORWÄRTS Der Zionismus ist, wie alle zukunftsstarken Bewegungen überhaupt, von Optimisten begründet worden. Das zuversichtliche Wort: „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg", klingt aus jeder Seite von Herzls „Judenstaat", aus jeder Rede des I. Kongresses und überhaupt aus jeder Kundgebung jener ersten heroischen Tage des Zionismus. Als Herzl einsehen mußte, daß die jüdische Hochfinanz für seine Pläne nicht zu gewinnen sei, da konnte gleichwohl dieser Mißerfolg ihn in seinem Entschluß nicht wankend machen, die jüdische Frage durch eine großzügige Aktion zur endlichen Lösung zu bringen. Er ging den Weg zur breiten Masse des Volkes und fand dort zwar nicht die Millionen, mit denen er anfangs gerechnet hatte, wohl aber Verständnis für seine große Idee und opferbereite Mitstreiter für die Sache der nationalen Wiedergeburt. Vielleicht ist es gut, daß es so kommen mußte. Denn so unterschied sich unsere Volksbewegung von allem Anfang an in grundlegender Weise von allen Heilungsversuchen, mit denen man früher dem kranken jüdischen Volkskörper hatte helfen wollen. Ueberall sonst war im Anfang ein Stiftungs- Vermögen oder irgendein Fonds, zu dessen Verwaltung man einen mehr oder weniger beschränkten Kreis von Leuten berief, die sich durch Geld oder Bildung hervorgetan hatten. Hier aber wurde es im vorhinein offenbar, daß das Volk aus sich heraus in Bewegung trat, daß Strömungen und Kräfte ausgelöst wurden, die nur der Parole geharrt hatten, um sich als tätige Helfer dem Wirken für das große Ziel einzuordnen. Schon der erste Kongreß schuf die Einrichtung des Schekels, der noch heute die Grundlage unserer Finanzgebarung bildet. Damals wie heute waren diese Schekeleingänge in erster Linie dazu berufen, die Ausgaben für Organisation und Propaganda zu decken. Aber der Aufgabenkreis der jungen Bewegung mußte sehr schnell wachsen. Die Bank wurde als finanzielles Instrument des Zionismus gegründet, in erster Linie, um den politischen Arbeiten der Leitung den nötigen Rückhalt zu geben. Auf dem V. Kongreß hatte sich dann die Erkenntnis durchgesetzt, daß zur wirklichen Besitzergreifung des Landes ein starker Fonds für Landkäufe vonnöten sei. Auf Vorschlag Prof. Schapiras wurde der Jüdische Nationalfonds begründet, der sich in so kurzer Zeit eine überaus große Popularität in allen Kreisen des Judentums errungen hat und bald Jahreseingänge zu verzeichnen hatte, die die des Schekels um ein Vielfaches übertrafen. Damit war nun für das Finanzwesen der Bewegung in seiner Gesamtheit eine eigenartige Lage gegeben: Die Bank mit ihrem statutarisch festgelegten Wirkungskreis und der Nationalfonds, der sich, als er aktiv zu werden begann, auf Bodenkäufe beschränken mußte, verfügten immerhin über beträchtliche zionistische Gelder, die aber zur unmittelbaren Durchführung der Kongreßbeschlüsse nicht immer flüssig gemacht werden konnten. Das jeweilige Actions-Comite aber hatte zu seiner freien Verfügung kaum die Mittel zur ordnungsmäßigen Erledigung der laufenden Geschäfte. So kam es, daß mancher Beschluß früherer Kongresse nicht realisiert werden konnte und daß sich das A. C. bei den meisten kolonisatorischen und kulturellen Arbeiten auf die Initiative beschränken und die Durchführung anderen Instituten und Korporationen rein zionistischer oder allgemein jüdischer Natur überlassen mußte. Daß dieser Zustand ein ungesunder und dem Ansehen unserer Bewegung schädlicher sei, wurde seit langem erkannt, und es hat im Laufe der letzten Jahre nicht an Vorschlägen und Versuchen zur Abhilfe gefehlt. Eine Reihe von Sonderfonds wurde begründet, die sich aber neben dem beliebten Nationalfonds und den steigenden Anforderungen, die