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Die Welt · 1913-08-22 · 34 (22.8.1913) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
34 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1096 :DIE2&ELT Nr. 34 DAS PROBLEM DER GEGENWARTSARBEIT Von Dr. M. Glücksohn, Odessa Im Gegensatz zur Redaktion der „Welt“, die in dieser Frage mit den Schlußfolgerungen Dr. Pasmaniks übereinstimmt, ohne seine Voraussetzungen ganz anzuerkennen („Die Welt“ Nr. 32), bin ich der Ansicht, daß Herr Dr. Pasmanik von ganz richtigen Voraussetzungen ausgeht, ohne deswegen seinen Schlußfolgerungen in allen Teilen beipflichten zu können. Die allgemeinen theoretischen Gesichtspunkte der Gegenwartsarbeit hat Dr. Pasmanik richtig skizziert. Wenn er die Theorie in die folgenden Leitsätze zusammenfaßt: „Die Verwirklichung des zionistischen Ideals erfordert die Energie der organisierten Judenheit; das Volk muß für das Ideal und für sein Zukunftsland vorbereitet werden; das durch die politische Freiheit, national-kulturelle Autonomie und wirtschaftliche Organisation gestärkte Volk wird dann ruhig an der Realisierung des zionistischen Ideals arbeiten können“ — so hat er das Helsingforser Programm von anno 1906, ebenso die theoretischen (Grundsätze der zionistischen Landespolitik in Oesterreich auf eine recht zutreffende Formel gebracht. Es ist aber ganz verkehrt und steht in krassem Widerspruch zu den skizzierten Leitsätzen, wenn Dr. Pasmanik behauptet, „daß es keine spezifisch zionistische Arbeit auf dem Gebiete der unmittelbaren Lebensnotwendigkeiten unseres Volkes gibt, noch geben kann, sei es auf dem Gebiete der Wirtschaft oder der Politik“. Wenn die „politische Freiheit“ und die „wirtschaftliche Organisation“ für die „Realisierung des zionistischen Ideals“ von Belang sind, so muß es eben eine „spezifisch zionistische Arbeit“ auf diesen Gebieten geben. Denn wir müssen, um mit Pasmanik zu sprechen, eine „W e 11anschauung haben, die die konkreten Details bedingt und bestimmt“, die Arbeit aber, die nicht von einer solchen Weltanschauung getragen wird, kann uns nur wenig und schlecht dienen. Die Einteilung der Gegenwartsarbeit in zwei Arten — eine, die direkt von unserem zionistischen Ideal bedingt wird und daher „spezifisch zionistisch“ ist, und eine andere, die eines „direkten“ Zusammenhanges mit dem Zionismus und somit auch eines spezifisch zionistischen Charakters enträt —, ist willkürlich und ohne jede reale Grundlage. Wenn Dr. Pasmanik die „national - kulturelle Tätigkeit“ und die „national-jüdische Organisation“ als spezifisch-zionistische Gegenwartsarbeit postuliert, so kann er folgerichtig die „Wirtschaft“ und die „Politik“ nicht gut ablehnen. Praktisch sind dies keine so heterogene Gebiete, daß man sie ganz auseinanderhalten könnte. Es läßt sich, um ein konkretes Beispiel anzuführen, keine Grenzlinie ziehen zwischen „Schulpolitik“, für die Dr. Pasmanik eintritt, und Politik schlechtweg. Die Schulpolitik hängt ja von gewissen allgemeinen rechtlichen und administrativen Voraussetzungen ab, die sehr eng mit der „Politik“ verbunden sind. Wenn Dr. Pasmanik zugibt, daß wir Zionisten unsere eigene, spezifisch zionistische Schulpolitik treiben müssen, weil „nur der Zionismus auf dem konsequent nationalen Standpunkt steht“, so muß er auch einsehen, daß es ebenso einen spezifisch zionistischen Kampf um die äußern Voraussetzungen dieser Schulpolitik geben muß. Wir müssen also „politisch“ arbeiten, um zu einer realen Schulpolitik zu kommen. Diese allgemeine politische Arbeit können wir aber nicht einfach den anderen überlassen, weil diese eben eine ganz andere Schulpolitik verfolgen. Wie der Assimilant — und seine russische Abart: der „Nationalassimilant“ —, der Golusnationalist und der Zionist sich die jüdische Volksschule verschieden denken, so denken sie sich auch die entsprechende Schulgesetzgebung verschieden. Die von Pasmanik postulierte spezifisch - zionistische national-kulturelle Tätigkeit führt also notwendig zu einer spezifisch - zionistischen politischen Tätigkeit. Und das ist eben „Politik unter eigener Flagge“, über die Herr Pasmanik bereits das Grabmal errichten zu dürfen glaubt. Oder will denn Herr Pasmanik den soziologisch naiven Einwand erheben, daß diese ganze Politik keinen Zweck habe, weil wir im politischen und parlamentarischen Kampfe momentan doch nichts ausrichten können? Brauche ich ihm erst zu sagen, daß eine Volkspolitik nicht immer auf den unmittelbaren Erfolg ausgeht, sondern es bisweilen auch auf die Möglichkeiten einer künftigen Entwicklung absieht? Uebrigens wäre der Einwand der unmittelbaren Zweckmäßigkeit auch gegen die von Pasmanik befürwortete „national-kulturelle Tätigkeit“ und „nationaljüdische Organisation“ zu erheben. Genau so wie die nationalkulturelle Tätigkeit oder mehr noch als diese steht das, was Dr. Pasmanik etwas unbestimmt als „die national-jüdische Organisation“ bezeichnet, in engem Zusammenhänge mit der „Politik“. Diese Tätigkeit denkt sich Dr. Pasmanik hauptsächlich in der Gemeinde und durch die Gemeinde. Allein, mehr als sonstwo gilt es hier erst die nötigen rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen. Unsere Gemeinden haben in Rußland überhaupt keine legale Basis, und selbst in Polen und Galizien, wo diese Basis gegeben ist, sind grundstürzende Aenderungen der geltenden gesetzlichen Bestimmungen erforderlich, damit wir in der Gemeinde wirklich jene Zelle haben, aus der die Organisation „aller Juden des betreffenden Landes“, oder gar die „Vereinigung der Juden der verschiedenen Länder behufs Lösung von bestimmten ganz konkreten Fragen des jüdischen Lebens“ hervorgehen würde. Vor allem müßte natürlich auch der Zusammenschluß der einzelnen Gemeinden genehmigt werden. Und das ergibt wieder einmal eminent „politische“ Aufgaben, bei der die anderen nicht mitmachen oder nicht so mitmachen würden, wie es uns dringend notwendig erscheint. Man sieht also, wie willkürlich und unhaltbar die Pasmaniksche Teilung der Gegenwartsarbeit in spezifisch-zionistische und allgemein-jüdische ist. Uebrigens hätte Dr. Pasmanik auch berücksichtigen müssen, daß die sog. Landespolitik auch als Mittel gut ist, die Volksmasse unserer Bewegung näher zu bringen und den gegenseitigen Kontakt zu stärken. Herr Dr. Pasmanik beruft sich auf den Boykott in Polen und meint: „Es gibt keine besonders zionistische Art, den Boykott in Polen zu bekämpfen, sondern alle Juden müssen sich zu diesem Kampf vereinigen.“ Daß es keine besondere zionistische Art gibt, den Boykott in Polen und ähnliche Golus-Erscheinungen zu bekämpfen, bestreite ich auf das entschiedenste. Es gibt eine solche Art, und zwar ist dies die Art der Leute, die zuerst und bisher leider allein den Mut hatten, sich gegen unser nationales Hörigkeitsverhältnis aufzulehnen und den „Wirtsvölkem“ den Gehorsam zu kündigen, — die Art der Leute, die zuerst mit dem Wahn gebrochen, als ob die Juden nirgends eine andere Politik haben dürften, als die der „Herrennation“. Solange die anderen zu unserem Standpunkt noch nicht herangereift sind, oder ihn nur lau und halb teilen, solange haben w i r die Pflicht, den Wechsel auf Selbstwürde, den wir unserem Volke ausgestellt, am Verfallstermin einzulösen. Ebensowenig wie auf dem Gebiete der „Politik“ vermag ich die Genügsamkeit des Herrn Pasmanik auf dem der „W i r t s c h a f t“ und der allgemeinen Wohlfahrtsaktionen zu teilen. Herr Dr. Pasmanik meint: „In der Gründung von Kredit- und Leihkassen, von Handwerkergenossenschaften, Arbeitergewerkschaften usw. erblicke ich kein Atom spezifisch zionistischer Arbeit. Die I. C. A. in Rußland arbeitet auf allen diesen Gebieten ausgezeichnet, und die Zionisten wirken mit, nicht als Zionisten, sondern als Juden. Ebenso bei der Emigration nach den überseeischen Ländern, sei es nach New York oder nach Galveston.“

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