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Die Welt · 1913-08-22 · 34 (22.8.1913) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
34 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 34 LT 1095 DIE SCHRIFTEN GINO RACAHS Von Rodoifo Lupu, Florenz Merkwürdig ist das Schicksal dieses italienischen Juden, und interessant sind die Phasen, die er durchzumachen hatte, bevor er zu seiner zionistischen Weltanschauung sich durchzuringen vermochte. Merkwürdig ist auch das Schicksal seiner Schriften — hauptsächlich der jüdischen Essays, Feuilletons, Erzählungen — die warten mußten, bis eine christliche Schriftstellerin — die jeder, der sie nicht persönlich kennt, gewiß für eine Jüdin halten würde: so gut unterrichtet ist sie über jüdische Angelegenheiten und mit so großer Wärme der Ueberzeugung propagiert sie den Zionismus — sich ihrer annahm. Helga Ohlsen, eine in Italien geborene Nordländerin, hat sich schon früh für die Sache unseres Volkes begeistert. Im Verkehr mit Juden aller Länder und Zungen hat sie gelernt, das Wesen des Juden zu schätzen, und als feinfühlige Künstlerin hat sie den Zusammenhang der Juden als eines Volkes begriffen und erkannt, wie nützlich und schön es wäre, wenn es den Juden gegönnt wäre, auch als Volk zu leben und als solches eigene Werte zu schaffen. Interessant ist die zionistische Propaganda dieser „Christin“ und „Pazifistin“ unter unseren halbassimilierten italienischen Juden. Helga Ohlsen liebt es, mit unseren Juden — und vorzugsweise mit unseren assimilierten Juden, die da wähnen, von ihren Mitbürgern für etwas Besseres gehalten zu werden, wenn sie vorgeben, jeder jüdischen Eigenschaft bar zu sein — Diskussionen anzuknüpfen über Judentum, Nationalität, jüdische Eigenart, Vergangenheit und Zukunft des jüdischen Stammes, und da gibt es kein Herumdrücken, keine Seitensprünge, denn der Schärfe ihrer Logik ist nicht zu entrinnen. Oft gelingt es ihr, ihren Partner mit ihren Argumenten an die Wand zu drücken — und der Jude muß der Christin nolens volens eingestehen, daß er sich auf dem Irrwege befinde, daß er über gewisse Probleme bisher nur noch nicht nachgedacht habe, daß er schließlich einsehe, er habe sich in ernsten Dingen getäuscht. Gelingt es jhr wieder einmal, einen solchen Juden zu finden, so strahlt sie vor Freude und sie ruht und rastet nicht, bis sie ihn „zum Judentum bekehrt“ hat. Wie unermeßlich ist aber ihre Freude, wenn sie ganzen Juden begegnet, die keine Kompromisse kennen, die konsequent handeln, die sich als das ausgeben, was sie wirklich sind, ohne Umschweife, ohne Wenn und Aber. In Künstlern besonders — seien es Künstler der Feder oder des Meißels, des Wortes oder des Pinsels — kann ihr dieses Versteckenspielen, jede Kriecherei, jedes Wedeln um die Gunst der Arier, um nur ja als einer der ihrigen anerkannt zu werden, nur Verwunderung und — Ekel einflößen. Der Jude, der der Welt etwas zu sagen hat, braucht doch nicht mit den Ariern zu liebäugeln, sagt sie mit Recht; seine tausendjährige Geschichte sollte ihm genug innere Selbständigkeit, Eigenart und Größe verliehen haben, die ihn befähigen, mit den höchsten Kulturen gleichen Schritt zu halten — ohne seine Eigenart aufgeben zu müssen. In ihm ringen Gefühle und Gedanken, Erlebnisse und Empfindungen, die nach Erlösung — im Geiste der jüdischen Eigenart — verlangen. Und hier ist der Platz der jüdischen Denker und Künstler: diese jüdische Gedanken- und Gefühlswelt herauszuarbeiten, zu formen und — zu entdecken. Ohne den Schleier des Ariertums, der diese ganze Welt nicht ans Licht kommen läßt, alles erwürgt und entstellt und jüdische Künstler so häufig dazu bringt, statt Meisterwerken nur klägliche Klischees zu liefern. Klein ist die Schar der Schöpfer, der jüdischen Schaffenden, die im Geiste ihres Volkes leben, die ihre Eigenart nicht verleugnen, von denen man wirklich sagen könnte: was sie geschaffen haben ist „Fleisch von ihrem Fleische und Blut von ihrem Blute“. Einen dieser Wenigen, Auserwählten, stellt uns diese christliche Zionistin in ihrem soeben erschienenen Werk vor*). Gino Racah ist zwar kein ganz Großer gewesen, gewiß kein strenger Künstler — dazu fehlten ihm alle Bedingungen. Aber er verfügte über ein großes Maß von schriftstellerischem Talent. Und dieses Talent stellte er dem jüdischen Volke, das er als sein Volk bewußt erkannte, zur Verfügung, und als jüdischer Soldat kämpfte er in Reih und Glied für die Renaissance des Judentums. Gino Racah hat nie seine Eigenart verhehlt, nie seinen Ursprung verleugnet, vielmehr war er immer darauf bedacht, seine jüdische Gefühls- und Gedankenwelt recht klar hervorzukehren und jüdisch zu schaffen. Seine wenigen Erzählungen — unter denen manche eine vollendete künstlerische Form haben — tragen den Stempel eines jüdischen, eines titanischen Ringens mit den zwei Seelen, die in einer Brust wohnen, und seine echte, die Urseele, gewinnt schließlich entschieden die Oberhand. Man fühlt es aus allen seinen Schriften heraus, daß sie mit dem Blute des Herzens geschrieben wurden, daß er zur Feder griff, um sich von einer Last, die auf seine Seele drückte, zu befreien. Solcher Art sind seine „Erzählungen und Eindrücke“, so seine „Spanischen Bilde r“, so seine Gedanken und B e - obachtunge n“. Wäre Gino Racah nicht von einer grausamen Krankheit in der Blüte seiner Jahre hinweggerafft worden, er hätte sich gewiß noch vollenden können und wäre vielleicht der Erzähler und Schilderer des jüdischen Lebens in Italien geworden. Obwohl er von seinem Amte stark in Anspruch genommen wurde — er war Rechtsanwalt und Generalsekretär der städtischen Wohltätigkeitsanstalten — so hat er doch immer Zeit genug gefunden, für sein Volk segensreich zu wirken. Racah ist von dem allgemeinen Humanitätsstandpunkt, durch eine Reihe von Phasen hindurch, zum Zionismus gekommen. Die rauhe Wirklichkeit, die Verfolgungen der Juden, auch in den fortgeschritteneren, humanen Ländern, haben ihn, den Optimisten, aus seinen Träumereien aufgescheucht und ihn zum Nachdenken veranlaßt, haben ihm, wie so vielen anderen, die Augen geöffnet und ihm gezeigt wo die wahre Erlösung aus dem Wirrsal des jüdischen Elends zu finden sei. Der Kontakt mit dem Zionismus und mit den östlichen Juden verfehlte seine Wirkungen auf sein empfängliches Gemüt nicht. Und Racah ist dann zum Zionisten geworden, zum begeisterten Sänger des Zionismus. Wort, Schrift und Börse stellte er in den Dienst seiner Ueberzeugung. Hart war seine Arbeit (man lese: Moderne Feigheit, S. 83, Zionismus und Nationalismus, S. 38, Atavismus, S. 93, Sursum corda, S. 124, u. v. a.), aber groß war auch seine Ausdauer, und es ist ihm gelungen, auch im halb-assimilierten Italien den Zionismus einzuführen und ihm enthusiastische Anhänger zu werben. Durch seine Schriften und durch sein persönliches Wirken hat sich Gino Racah um das Judentum, und besonders um den Zionismus verdient gemacht. Sein frühes Hinscheiden bedeutete einen großen Verlust für das italienische Judentum; seine wenigen Schriften aber werden noch lange von dem Schaffen dieses Kämpfers für die Sache Israels zeugen: auch außerhalb Italiens sollten diese Schriften die größte Verbreitung finden, und wer von unseren Gesinnungsgenossen die schöne Sprache Italiens kennt, der sollte es nicht versäumen, sie zu lesen. *) La vita e gl» scritti di Gino Racah. A cura degli amici. Florenz, 1913, pag. XV. ~t~ 350. Preis 3.50 Frcs. Verlag Bemporad, Florenz. (Zu beziehen durch den Jüdischen Verlag.)

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