Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-08-22 · 34 (22.8.1913) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
34 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316608--57818-3376292
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1094 Nr. 34 t>l£3§£ELT Oberbürgermeister Heltai gestorben (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Dem vor einigen Monaten zum Oberbürgermeister von Budapest gewählten Dr. Franz Heltai war es nicht beschieden, diese hohe Würde längere Zeit zu bekleiden. Eine alte Zuckerkrankheit raffte den im besten Mannesalter und auf der Höhe seiner Schaffenskraft stehenden Mann plötzlich dahin. Anläßlich seiner Wahl beleuchteten wir in diesen Spalten eingehend die Gründe, die seine Erwählung herbeiführten, wir betonten auch damals, daß es Herr Dr. Heltai während seiner langjährigen öffentlichen Wirksamkeit auf das sorgfältigste vermieden hat, mit jüdischen Dingen auch nur in die leiseste Berührung zu treten. Kurz vor seinem Tode verbreitete sich die Nachricht, er habe auf dem Todtenbette die Taufe genommen. Das Gerücht war falsch, allein der bloße Umstand, daß ein solches Gerücht entstehen konnte, beweist zur Genüge, wie locker die Bande waren, die den verstorbenen Oberbürgermeister mit dem Judentume verknüpften. Trotzdem ließ es sich die Assimilantenpresse diesseits und jenseits der Leitha nicht nehmen, den Verstorbenen als einen großen Juden zu proklamieren. Im übrigen entbrannte um die Leiche Heltais noch ein Streit zwischen dem Budapester Magistrat, der den Verstorbenen auf den christlichen Friedhofe neben den Grabstätten der früheren Oberbürgermeister beisetzen wollte, und der Budapester Chewra Kadischa, die auf der Bestattung im jüdischen Friedhofe bestand. Da das Recht unbestreitbar auf seiten der Chewra Kadischa war, mußte der Magistrat schließlich nachgeben. DIE JÜDISCHE TURNERSCHAFT 1903—1913 Von Henry Unna Zehn Jahre! Eine kurze Spanne Zeit im Bereiche des Weltgeschehens. Und doch genügt ein Dezennium, um den historischen Wert oder Unwert einer jungen Bewegung zu zeigen. Gelegentlich des VI. Zionistenkongresses traten im Jahre 1903 zu Basel die Vertreter weniger jüdischer Turnvereine zusammen und gründeten die Jüdische Tumerschaft. Jüdische Turnerschaft! Gar seltsam klang der Welt die Verbindung der Begriffe „Jude" und „Turner". Man war zu sehr an die Vorstellung des grübelnden, schmächtigen Juden jungen hinter talmudischen und philosophischen Folianten gewöhnt, um sich den lebensfrohen, starken jungen Juden bei Sport und Spiel vorstellen zu können. Die nichtjüdische Mitwelt negierte; unsere „Glaubensgenossen" bespöttelten ironisch überlegen — sich selbst. Unbekümmert um Spott und Verachtung ging die Turnerschaft ihren Weg. Fast unbemerkt und abseits der schreienden Oeffentlidikeit. Nur die Berichte der „Jüdischen Turnzeitung", gelegentliche Schauturnen und Sportfeste zeigten denen, die hören und sehen wollten, daß hier in stiller Kleinarbeit wertvolle Zukunftsarbeit geschah. Immer zahlreicher wurden die Vereine, die in ihren Turnern dem jüdischen Volke eine starke, aufrechte Jugend erzogen. Je größer die Erfolge der Tumerschaft wurden, je mehr sie sich zum Sammelpunkt der jüdischen Jugend entwickelte und sie zum freien Bekennen ihres Judentum es erzog, desto weniger wollte das „offizielle“ Judentum von ihr hören und sehen. Der anfängliche Spott wandelte sich in Furcht. Zwei Generationen standen sich plötzlich verständnislos gegenüber. Der scheue, zweckbedachte Assimilationsjude von gestern, — der aufrechte, begeisterte Nationaljude von heute. Wir wollen heute nicht jener unschönen Mittelchen gedenken, die man zu unserer Unterdrückung versuchte. Trotz aller Anfeindungen wuchs die Jüdische Tumerschaft von Jahr zu Jahr nd dank der Anfeindungen erstarkte sie im Kampfe für ihre Ideale. Die Notwendigkeit unserer „physischen Regeneration", die einst der Ausgangspunkt unseres Wirkens war, ist heute zur banalen Selbstverständlichkeit für alle Juden geworden. So konnte die Tumerschaft gar bald den Schwerpunkt ihrer Propaganda auf die Erziehung der Jugend zum jüdischen Nationalismus legen. Turnen und Sport als beste Mittel zur Erziehung unserer Jugend im Sinne der jüdischnationalen Idee, das ist heute das Programmwort der Jüdischen Tumerschaft. Vor zehn Jahren wenige Vereine, hat sich unser Verband heute zur Organisation und anerkannten Vertretung der nationaljüdischen Jugend entwickelt. Unsere Organisationen und Organisationsbestrebungen umfassen jetzt folgende Länder: Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Galizien, die Bukowina, die Türkei, Bulgarien, Rumänien, die Schweiz, Palästina, Holland, Süd- Afrika, Italien, England, Amerika, Rußland. Die Organisation wurde so verzweigt, daß der V. Jüdische Tumtag im Jahre 1912 eine Dezentralisation der Verwaltung beschließen mußte. Westösterreich, Deutschland, Galizien, Palästina, die Türkei bilden besondere „Kreise der Jüdischen Tumerschaft", denen voraussichtlich die Vereine in Holland, Rußland und der Bukowina als weitere Kreise folgen werden. Besonders erfreulich sind unsere Erfolge in Palästina, wo heute 15 jüdische Turnvereine bestehen, und in Rußland. So verschieden die Organisationsformen unserer einzelnen Vereine und Kreise naturgemäß sein müssen, so verschieden die Tumbrüder aller Welt an Sitte, Charakter, Sprache er-, scheinen, so einheitlich ist der Geist, der uns beseelt. Solidarität der Juden aller Länder ist das Grundprinzip unserer Organisation. Ein äußerer Beweis unserer Tendenz zur jüdischen Einheit ist die allmähliche Einführung der hebräischen Kommandosprache in unsere Vereine. Schon in der Hälfte unserer Vereine geschieht das Turnen ausschließlich nach hebräischem Kommando und die neugegründete hebräische Turn zeitung unseres palästinischen Kreises isorgt für seine weitere Verbreitung. Einen weiteren Beweis ihrer Solidarität, ihres Verständnisses für jüdische Vergangenheit >und Zukunft lieferte die Tumerschaft durch die Veranstaltung ihrer Ersten Palästinaturnfahrt. Vierzig junge Juden zogen unter Entbehrungen und Anstrengungen nach > Palästina, um ihre Liebe zur Vergangenheit, den Willen zur Zukunft des jüdischen Volkes zu bekunden. Angeregt durch diesen ersten Erfolg haben wir die Gründung eines ständigen Komitees zur Veranstaltung von Palästinafahrten der jüdischen Jugend veranlaßt, das im Begriffe ist, eine neue Palästinafahrt für das Frühjahr 1914 vorzubereiten. Sind diese Taten der beste Beweis des einheitlichen jüdischen Ideals der Tumerschaft, so bildet die Verbandszeitung das ^äußere Bindeglied. Die „Jüdischen Monatshefte für Turnen und Sport" (früher: „Jüdische Tumzeitung") geben in ihren Berichten ein Spiegelbild unseres Wirkens, in ihren Artikeln die Richtung unseres Wollens. 1903—1913! Aus schwachen Anfängen ist eine kraftvolle Organisation geworden. Und dankbar wollen wir heute derer gedenken, die aller Hemmnisse zum Trotz in zähem Turnergeist den Grundstein unserer heutigen Erfolge gelegt Eines Mandelstamm, der uns zu früh gestorben, eines Max Nordau, der unser Turnvater geworden. Eines unvergeßlichen Georg Arndt, der bis zu seinem jähen Tode nur unseren Idealen gelebt, der Zirker, Scholem, Jalow i c z, die unermüdlich für uns gearbeitet haben. Wie sie ist jeder einzelne von uns erfüllt von dem einen Streben: unserem Volke durch eine starke, aufrechte Jugend eine freie, würdige Zukunft zu schaffen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.