Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 34 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 34 1090 DIE^TELT derbelebung unserer kulturschöpferischen Kräfte. Es ist ja klar, daß wir unser Ziel niemals erreichen werden, ohne eine riesenhafte Anstrengung aller lebendigen Volkskräfte; in der Arbeit zur Sammlung und Stärkung dieser Kräfte muß aber die Kulturarbeit die erste Stelle einnehmen." Aus dieser Tatsache müssen wir die organisatorische Folgerung ziehen. Deshalb verlangt Glücksohn die Schaffung eines Kultur-Ressorts beim Engeren Actions-Comite. Dieses Kultur-Ressort soll an die Stelle der Histadruth treten. Glücksohns Ausführungen sind lebhaft bekämpft worden. Man hat darauf hingewiesen, daß der Bestand einer nichtpolitischen hebräischen Organisation vielfach werktätige Sympathie auch in nichtzionistischen Kreisen gefunden hat und daß so Mitarbeiter für die hebräische Bewegung gewonnen werden, die ihr sonst verloren gingen. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob das richtig ist. Bisher hat, glaube ich, auch die zionistische Organisation (wie z. B. die Jemenitenaktion zeigte) nichtzionistische Kräfte mobil machen können. Wenn aber die Verteidiger der Histadruth mit ihren Argumenten Recht hätten und die praktische Nützlichkeit einer besonderen hebräischen Organisation erwiesen wäre, — wäre damit die zionistische Bewegung von der Kulturarbeit wirklich entlastet? Wäre es dann nicht mehr notwendig, das Kulturressort beim Engeren Actions- Comite zu errichten? Ist es wirklich wahr, wie M. K1einmann („Haolam" Nr. 27) gegen Glücksohn eingewendet hat, daß sich ein solches Ressort von der Histadruth in nichts unterschiede, daß dieselben Menschen und dieselben Ziele da wären, daß weder die hebräische noch die zionistische Bewegung einen Gewinn hätte, sondern nur — der Bureaukratismus? Nun, es ist schon sehr schief, es als Bureaukratismus zu bezeichnen, wennn verlangt wird, daß eine so wichtige Arbeit wie die nationale Erziehung des Volkes der Kontrolle des Kongresses unterstellt wird und nicht dem guten Willen einzelner Zionisten überlassen bleibt; aber wichtiger noch ist die Erkenntnis, daß das Programm der Histadruth nur einen Teil der zionistischen Kulturarbeit umfaßt und uns schon infolgedessen nicht von der Verpflichtung entheben kann, selbst für diese zu sorgen. Denn die hebräische Organisation kann erstens weder die Kulturprobleme der Westjuden noch die der jüdischen Massen in Angriff nehmen; und zweitens ist unser Erziehungsproblem mit dem der hebräischen Sprache lange nicht identisch. Was das erste anlangt: die Histadruth ist eine ganz und gar hebräische Organisation. Das ist ihr Vorzug, aber andererseits doch auch ihr Fehler. Sie kann für die Juden, die nicht hebräisch verstehen, nichts oder nur wenig bedeuten. Welche Beziehungen sollen etwa die 100 000 Juden Böhmens, unter denen kaum 50 einen hebräischen Brief mühelos lesen können, zu einer Organisation unterhalten, die sich in ihrem internen Verkehr nur der hebräischen Sprache bedient? Offenbar keine! Was folgt daraus? Der zionistische Verein in X., der gewohnt ist, seine Direktiven vom Engeren Actions- Comite auf dem Wege der Landesorganisation zu bekommen, erhält keinerlei Direktiven, welche auf die Kulturarbeit Bezug hätten, weil — die Histadruth besteht, der die Kulturarbeit zu übertragen ist. Zu der Histadruth aber hat er keine Beziehungen. Dasselbe gilt von den jüdischen Massen. Auch für sie kann die hebräische Organisation nicht Kulturarbeit leisten. Denn sie verschmäht es — von ihrem Standpunkt ganz mit Recht — die jüdische Sprache und Literatur zu pflegen oder sich ihrer auch nur als Mittel zu bedienen. Die zionistische Organisation darf nicht so intransigent sein. Cie muß die Wege zur jüdischen Mass? suchen und wird es nie verschmähen dürfen, dort gute jüdische Bücher und Zeitschriften zu verbreiten, wo damit der nationalen Erziehung der Massen gedient wird*). Jede Engherzigkeit müßte da uns (und somit auch der Sache des Hebräischen) große Nachteile bringen. Die zionistische Organisation darf sich nie — wie es ihr böswillig nachgesagt wird — dem Volke entfremden, die hebräische Organisation muß es leider tun, solange es keine hebräisch sprechenden Massen gibt. So hätte die Abwälzung der Kulturarbeit auf die Histadruth die Folge, daß sehr große Teile des zionistischen Organismus verdorren müßten» weil sie die Arbeit, welche die Histadruth pflegt, noch nicht mit werktätigem Interesse verfolgen können. Die Kulturarbeit unter den Juden im Galuth wird noch lange im den Sprachen des Galuth geleistet werden müssen, darum kann eine hebräische Organisation nicht ihr Brennpunkt Nicht gegen die Histadruth selbst soll damit gesprochen sein. Ich bin nicht, wie Glücksohn, ein prinzipieller Gegner einer neutralen hebräischen Organisation. Nur darf sie uns Zionisten nicht zur Ausflucht werden; ihr Bestehen enthebt uns nicht der Verantwortung und nicht der Pflicht, für die nationale Erziehung auch außerhalb Palästinas zu sorgen. II. Dazu kommt ein weiteres, sehr wesentliches Moment: die jüdische Kulturarbeit kann nicht mit der Pflege der hebräischen Kulturgüter identifiziert werden. Kultur eines Volkes ist, mit Hegel zu sprechen, sein gesamter Besitz an „objektivem Geist". Alles ist Kultur des Volkes, was Ausdruck seines Geistes ist. Sprache und Literatur sind ein Teil dieses objektiven Geistes, aber lange nicht seine ganze Fülle. Zur Volkskultur gehört, um ganz entfernte Dinge zu nennen, ebenso das nationale Recht wie der nationale Tanz, das Sprichwort so gut wie die Kleidung, das Volkslied, der Witz, Märchen und Kindereien, die Sitte in ihrem weitesten Umfange, die sittlichen Anschauungen, die Schule, der Sport und so weiter. Und diese Dinge pflegen, Hergebrachtes sammeln, Ueberliefertes sichten, Lebensfähiges wieder lebendig machen — all das ist nationale Kulturarbeit. Und gerade hier findet sich vieles, was sich auch in der Diaspora leichter realisieren läßt als der Anschluß an die hebräische Kultur. Ich gehöre sonst gewiß nicht zu denjenigen, welche die verantwortungslose und brutale (es gibt nicht genug scharfe Worte dafür!) Vernachlässigung unserer Nationalsprache durch manche Zionisten rechtfertigen. Aber unsere Erfahrungen auf dem Gebiete des Hebräischen sind leider so traurige, daß wir keine Veranlassung haben, auf die Durchführung wenigstens dieses Minimalprogramms zu verzichten. Und da bieten sich tausenderlei Möglichkeiten für die Nationalisierung der Galuthjuden. Vergessen wir nicht, daß es selbst im Westen eine geschlossene jüdische Gesellschaft gibt. Sie ist freilich keine Gemeinschaft, eben deswegen, weil sie keine nationale Kultur hat, weil ihr der Mutterboden fehlt, der Menschen zu Bürgern*, Haufen zu Gruppen gestaltet. Diese Gestaltung muß uns unsere nationale Kultur geben. Das Kultur-Ressort beim E. A. C. müßte vor allem dafür sorgen, daß die Landesorganisationen und ihre Vereine die Wichtigkeit dieser Dinge einsehen. Denn heute fehlt noch viel zu dieser Einsicht. Täuschen wir uns darüber nicht: auch unsere zionistischen *) Einen sehr instruktiven Aufsatz über diese wichtige Seite des Erziehungsproblems veröffentlicht Dr. Hugo Herrmann in dem Sammelbuch „V om Judentu m" das der Verein jüdischer Hochschüler „Bar Kochba" in Prag im Leipziger Verlag Kurt Wolff soeben herausgab.