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Die Welt · 1913-08-15 · 33 (15.8.1913) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
33 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1058 Nr. 33 DIE2q£ELT lieh erscheinen lassen. Sie müssen die Türkei auch überzeugen, daß in den zionistischen Bestrebungen nichts ihrer Macht nachteiliges liegt, sondern daß sie nur dazu beitragen können, dieselbe zu stärken und zu festigen.“ Wir verkennen das Wohlwollen nicht, von dem diese etwas großväterlich anmutenden Ratschläge getragen sind, möchten aber auch dem „Jewish Chronicle“ die tausendmal erörterte Weisheit zu bedenken geben, daß man im allgemeinen desto politischer handelt, je weniger große Worte man davon macht. Zur Rede Dr. Nordaus Unser russisches Parteiorgan, der „Rasswjet“, schreibt: „Wenn eine nichtzionistische Zeitung die Ansicht äußert, daß auch Nichtzionisten Interesse daran hätten, die Andeutungen Nordaus wegen der unrichtigen Rechnungen geklärt zu sehen, so schließen wir uns dieser Ansicht vollständig an. Auch wir sind der Meinung, daß die für die Kolonisation Palästinas gesammelten Gelder dem ganzen jüdischen Volke angehören, das ein absolutes Recht hat zu wissen, wie und für welche Zwecke diese Gelder verausgabt werden. Darum sind auch die zionistischen Kongresse öffentlich, und darum sind ihre Rechenschaftsberichte allen zugänglich. Wir wissen genau, daß ohnehin sämtliche von Nordau angeschnittenen Fragen auf dem bevorstehenden Kongresse einer ausführlichen detaillierten Besprechung unterzogen werden würden, denn die Zionisten haben nichts zu verhehlen. Man darf versichert sein, daß sich dann folgendes herausstellen wird: Eine jede Okkupation von seit Jahrhunderten verwahrlosten Ländereien durch neue Ankömmlinge ist mit großen Unkosten verbunden, mit viel größeren, als es auf den ersten Blick wohl scheint. Die Zionisten, die Palästina kolonisieren, haben nicht nur ein „kaufmännisch“ rentables Unternehmen im Auge, sondern auch die Stärkung der jüdischen Agrikultur, was anfänglich sämtliche Unkosten vergrößert. Es ist möglich, vielleicht sicher, daß die Pflanzung der Oelbäume durch arabische Arbeitskräfte billiger kommen würde als es jetzt der Fall ist, da auf den Ländereiendes Jüdischen Nationalfonds ausschließlich jüdische Arbeiter Verwendung finden. Es ist möglich, daß unter diesen Umständen die Kosten für einen jeden Oelbaum sich nicht nur auf drei, sondern auf sechs oder auf acht Rubel belaufen werden. Wir bekommen aber dagegen Werte, die man im Vergleich zu materiellen Einnahmen bedeutend höher stellen muß: Wir bekommen tüchtige jüdische Landarbeiter, was Nordau offenbar außer Acht läßt. Möglich, daß die für die Oelbaumpflanzungen gekauften Ländereien nicht zu den besten gehören. Aber ist denn das etwas entscheidend Wichtiges? Schlechter Boden darf in Palästina für uns nicht existieren. Die Felsen von Judäa und die Sanddünen werden wir im Laufe der Zeit in blühende Gärten verwandeln, wie es bereits mit Pethach- Tikwah, Rischon le-Zion und so weiter der Fall gewesen ist. Das wird sehr viele materielle und moralische Kräfte kosten. Gewiß! Ohne diesen Aufwand ist aber keine Kolonisation möglich, und wenn alle diese Fragen in Gegenwart der Vertreter des jüdischen Volkes und der Presse der gesamten Welt besprochen werden, so wird sich alsbald heraussteilen, daß das in den Händen der Zionisten vorhandene jüdische Volkskapital ausschließlich für die ökonomische Stärkung und die kulturelle Entwicklung des Judentums in Palästina verwendet wird. Eins jedoch, worin wir dem genannten Bitte zustimmen, müssen, ist zweifellos richtig. Eine Debatte darf nur auf dem Kongresse stattfinden, wo sie in voller Oeffentlichkeit vor sich geht. Nur dort können solche Fragen einer aIlse i t i g e n Beurteilung unterzogen werden. Nur eine solche Kritik hat Bedeutung, die sich vor der Verantwortung nicht zurückzieht. Diese Forderung müssen wir auch an unseren Altmeister Nordau stellen.“ Das „Frankfurter Israelitische Familienblatt“ bemerkt zur Rede Dr. Nordaus unter der Ueberschrift: „Die Rebellion zionistischer Führer“: „Es ist unbegreiflich, wie ein so scharfblickender und scharfsinniger Kritiker und Verneiner, wie es Nordau ist, an einer solch luftigen Illusion wie dem Charter über ein so wichtiges und allseitig begehrtes Land wie Palästina festhalten kann? Wer soll den Charter erteilen? Etwa die Türkei? Angenommen, daß sie es, was unwahrscheinlich ist, tun wollte, — was würden die Araber, mit denen sie stark rechnet und rechnen muß, dazu sagen? Oder etwa die „gütigen“ Großmächte? Die Großmächte, die nur auf ihre eigenen Interessen bedacht sind und auf die Humanität pfeifen! Wer soll uns dazu verhelfen? Etwa Frankreich und England, die Palästina in ihre eigene Machtsphäre einziehen wollen! Wohl haben Oesterreich und Italien sich für die Selbständigkeit Albaniens eingesetzt; — doch sie taten es einzig in Wahrnehmung ihrer nackten Interessen und wahrlich nicht aus Humanität. Kurzum, auf eine solch' luftige Illusion kann nur ein unverwüstlicher jüdischer Optimist verfallen? Nun wäre die Sache nicht von Belang, da in Wahrheit hinter Nordau und Marmorek keine jüdischen Massen schreiten, denn diese wissen aus Erfahrung genau, was sie von der Humanität der Mächte, vor deren Augen Pogrome und allerhand Entrechtungen sowie unerhörte Gewalttätigkeiten sich abgespielt haben und täglich noch abspielen, zu halten haben; allein, wenn wir von den Mächten nichts zu erwarten haben, so haben wir gar vieles vom Wohlwollen der Türkei zu erwarten — keinen Charter, sondern Konzessionen —, und da bedarf es des Vertrauens. Die Türkei muß auf Grund von Tatsachen die Ueberzeugung bekommen, daß die Zionisten bloß von ihr, von ihr allein die Erreichung ihres Zieles erhoffen, und mithin bedeutet das Wohl der Türkei das Wohl der Zionisten selbst! Doch das Verhalten Nordaus, des langjährigen Präsidenten des Zionistenkongresses und des Führers nach außen, ist dazu angetan, das Vertrauen der Türkei zu den Zionisten zu erschüttern. Besagt doch der Chartergedanke unter Garantie der Mächte nichts anderes, als daß nicht der Türkei das Verfügungsrecht über ihre Länder zusteht, sondern den Großmächten. Es ist ganz unbegreiflich, daß zionistische Führer rebellieren, daß einzelne Männer — mögen sie noch so hoch stehen — in so verderblicher Weise Politik auf eigene Faust treiben und damit die zionistische Arbeit erschweren! Gerade die Führersollen ein Muster für Unterordnung und Disziplin sein.“ Die „Jüdische Rundschau“ behandelt die Reden Marmoreks und Nordaus in einem Artikel, der „Eine seltsame Herzlfeier“ betitelt ist. Es heißt dort: „Die Rede Dr. Marmoreks bedarf kaum eines Kommentars, denn sie ist allen Zionisten, die die Kongreßverhandlungen und die Berichte der zionistischen Blätter regelmäßig verfolgen, bereits seit Jahren bekannt. Seit Jahren wird nach Marmoreks Ansicht „der große Moment“ versäumt, seit Jahren verkündet er bei jedem politischen Ereignis, daß wir schon wieder einmal leer ausgegangen seien. . . . Und ebensowenig lohnt es sich, die Vorstadt-Demagogie zu widerlegen, mit der Dr. Marmorek gegen die Leitung kämpft. „Während Beilis im Gefängnis schmachtet, feiert die Leitung in Wien Fest auf Fest!“ Also ruft Dr. Marmorek mit Emphase. Als ob der Kongreß ein Jahrmarktsrummel wäre! Als ob etwas Unwürdiges darin läge, den Tausenden von Kongreßbesuchern ein paar Lichtbildervorträge und musikalische Vorträge zu bieten, als ob es die Würde der Bewegung verletze, wenn in Massenversammlungen der zionistische Gedanke verkündet und die Idee der körperlichen Renaissance durch sportliche Veranstaltungen unserer Jugend dargestellt würde.

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