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Die Welt · 1913-08-15 · 33 (15.8.1913) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
33 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Nr. 33 DIE2§£ELT 1058 Dörfer zu Wohlstand gelangt sind. Ja, man kann ruhig sagen, daß Tausende arabische Familien ihren Lebenserwerb in Pethach-Tikwah verdienen. Man hat festgestellt, daß dort jährlich an Arbeitslohn, Bewachung und Transport fast eine Million Francs an die arabische Bevölkerung gezahlt wird. Dabei ist Pethach-Tikwah noch lange nicht an der Grenze der Intensivierung angelangt. Die Arbeiter von A i n - G a n i m beispielsweise behaupten, daß eine Arbeiterfamilie kaum einen Hektar bewässerbaren Boden im Gemüsebau bearbeiten könne. Wir sehen also, daß weder in der Theorie noch praktisch die arabische Bevölkerung von der jüdischen Kolonisation irgendwie beeinträchtigt wird. Im Gegenteil: Gerade diejenigen Gegenden Palästinas, wo unsere Kolonisation einige Bedeutung erreicht hat, zeigen einen gewissen Wohlstand der Araber. Neben dem wirtschaftlichen Moment kommen aber auch noch andere Momente in Betracht. Die jüdische Kolonie bietet durch den von ihr eingerichteten medizinischen Dienst auch der arabischen Umgebung medizinische Hilfe. Durch die jüdische Siedlung kommt eine größere Sicherheit in die Gegend, und Ortschaften, die früher in der Erntezeit durch herumstreichende Beduinenstämme zu leiden hatten, erhalten jetzt einen äußerst wichtigen Schutz in den jüdischen Siedlern. Es kommt in solchen Fällen häufig vor, daß die arabischen Dörfer die Organisierung der Abwehr den jüdischen Kolonisten übertragen und die arabische Bevölkerung jener Gegenden, wo es noch keine jüdischen Kolonien gibt, weiß alle diese Vorzüge jüdischer Nachbarschaft, die ihr vom Hörensagen bekannt sind, sehr wohl zu schätzen. So konnte bis vor kurzem kein Jude durch Südpalästina gehen, ohne von den dortigen Arabern die Sehnsucht nach jüdischen Kolonien zu vernehmen. Ja, die Araber machten allerlei Versprechungen, wenn nur die Juden hinkommen wollten. . . . Wie aber ist nun das Verhältnis der Araber zu den Juden in den Gegenden, in denen bereits jüdische Kolonisation in größerem Maßstabe betrieben wird? Wissen die Araber einigermaßen die Vorteile, die ihnen die jüdischen Einwanderer bieten, zu schätzen? Kein Kenner der Verhältnisse wird diese Frage mit einem Ja beantworten. Wenn auch nicht gerade von einer Spannung die Rede sein kann, so muß man doch konstatieren, daß die Araber im allgemeinen, oft unberührt von der Zeitungshetze, die ja den Fellah selten erreicht, zumindest eine Art stillen Grolls gegen die Juden hegt und daß von Sympathie jedenfalls kaum die Rede sein kann. Was aber ist der Grund dieser Stimmungen? Nun, eine solche Erscheinung hat gewiß verschiedene Ursachen und läßt sich schwerlich auf eine glatte Formel zurückführen. Aber wir würden wohl dieser Erscheinung eher auf den Grund kommen, wenn wir uns noch einen Umstand vergegenwärtigen. Es ist bekannt, daß in den Farmen, die in den letzten Jahren gegründet wurden, fast sämtliche Arbeiten von jüdischen Arbeitern geleistet werden. Man sollte nun glauben, daß die arabische Umgebung dieser Farmen, die doch infolgedessen von ihrer jüdischen Nachbarschaft nur relativ geringen Nutzen zieht, in einem besonders ungünstigen Verhältnis zu der jüdischen Siedlung stände. Indessen ist dies tatsächlich nicht der Fall. Im Gegenteil. Farmen wie Daganja am Jordan oder Ruchamah in Südpalästina haben die allerwenigsten Reibungen mit ihrer arabischen Nachbarschaft. Es gibt sogar bei ihnen ein gewisses freundnachbarliches Verhältnis, das wir dort so sehr vermissen, wo die arabische Nachbarschaft jährlich Einnahmen von Hunderttausenden Francs aus unseren Kolonien zieht. Augenscheinlich sind die Gründe der Verstimmung also nicht wirtschaftlicher,sondern psychologischer Natur. Das ist ja auch unschwer zu begreifen. Die Intelligenteren unter uns sind wohl fast alle mit gewissen pansemitischen Gefühlen ins Land gekommen. Wir brachten a priori dem verwandten arabischen Stamm, mit dem wir so manches gemeinsam haben, aufrichtige Sympathien entgegen. Es scheint aber festzustehen, daß sowohl die jüdische wie auch die arabische Volksmasse für ein freundschaftliches Beieinander noch nicht vorbereitet sind. Es wäre ja auch zu viel gefordert, wenn man von jedem einwandernden Chaim und Jossel ein richtiges Verständnis für den Araber, der so ganz anders ist als der osteuropäische Bauer, verlangen wollte. Wir müssen es offen gestehen: es sind bei dem raschen Zusammentreffen der Juden und Araber in den älteren Kolonien auch jüdischerseits Mißgriffe gemacht worden, die aus so manchem Grunde hätten vermieden werden sollen. Andererseits ist auch der Araber noch nicht so weit, um die Vorteile der jüdischen Kolonisation würdigen zu können. Weil diese Vorteile fast durchweg sich von selbst für ihn ergeben und er dabei mit Recht nicht einen ihm besonders gutgesinnten Willen erkennen mag, nimmt er eben diese Vorteile als Selbstverständlichkeiten in Anspruch, ohne dafür sich zu dankbaren Empfindungen verpflichtet zu fühlen. Andererseits erlaubte er es sich oft, manche Schwächen, die er wegen seiner Intimität in den älteren Kolonien sehr genau kannte, weidlich auszunützen. So ergaben sich von selbst jene Fälle von Reibungen, unter denen unsere älteren Siedlungen so viel zu leiden haben, während es begreiflich wird, weshalb die Reibungsflächen in den neuen Farmen auf ein Mindestmaß reduziert sind. Ich habe dies einmal in hebräischer Sprache in einem kurzen Satz ausgedrückt, der deutsch etwa lauten würde: Der Anfang aller Annäherung ist die Wahrung der Distanz. Kommen einmal die Bauern von Um-il-Djuni zu Besuch nach Daganja, um sich etwa die landwirtschaftlichen Maschinen anzusehen, so fällt es auch den Novizen von Daganja nicht schwer, mit Takt und Anstand die Gäste zu empfangen. Man scheidet in Eintracht und es bahnen sich nachbarliche Beziehungen an. Eine analoge Erscheinung konnten wir auch in Jaffa beobachten. Vor der Erbauung von Tel-Awiw, als sich das gesamte jüdische Leben zwischen den Arabern abspielen mußte, gab es oft Reibungen, die in dem bekannten Purimvorfall eine bedenkliche Höhe erreichten. Seit aber Tel-Awiw erbaut ist und man nicht mehr wie früher durcheinander, sondern nebeneinander wohnt, hörten die unangenehmen Konflikte fast vollständig auf. Kommen jetzt Samstags Araber zum Besuche nach Tel-Awiw, so mögen sie nach Herzenslust lustwandeln. Sie begreifen jetzt, daß die Juden hier ein städtisches Kulturwerk geschaffen haben und wissen es auch zu würdigen. Insofern mag also die Doktrin des „Hapoel Hazair" („Für die Realisierung des Zionismus ist es unumgängliche Bedingung, daß die Zahl der jüdischen Arbeiter in Palästina vermehrt und die jüdische Arbeit auf allen Gebieten produktiver Tätigkeit eingeführt werde!), die mit soviel ehrlichem Pathos seit sechs Jahren verteidigt wird, ihr Gutes auch vom Standpunkt der Anbahnung eines besseren Modus vivendi mit den "Arabern ihre Berechtigung haben, — von ihrer inneren Notwendigkeit ganz abgesehen. Ist aber diese Maßregel ausreichend, um als ein Programm für die Zukunft zu dienen? Gewiß nicht. Dazu ist sie zu negativer, abwehrender Natur, als daß sie als Basis für positive Forderungen, wie sie das Zusammenleben zweier Volksstämme auf einem Stückchen Boden mit sich bringt, dienen könnte. Unbeschadet der Doktrin des Hapoel Hazair, die doch in ihrem innersten Wesen das Ergebnis innerer jüdisch-historischer Entwicklungen ist und somit ihre wirtschaftliche und ethische Berechtigung nicht von äußeren Bedingungen ableitet, — also unbeschadet dieser Doktrin kann man eben in bezug auf die äußeren Bedingungen des Jischub den Grundsatz aufstellen: Für die Realisierung des Zionismus ist es eine unumgängliche Bedingung, daß zwischen Juden und Arabern so gute und freundschaftliche Beziehungen geschaffen werden, daß zumindest ein ansehnlicher Teil der arabischen Nation Hand in Hand mit den Juden gehen könnte. Es erscheint mir überflüssig, diesen Grundsatz erst begründen zu müssen. Zwischen zwei Völkern, zumal semitischen Ein-

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