Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 33 (15.8.1913)
- Date
- 1913-08-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 DIE^ELT 1055 o fr□ □ □ □ □ p WELTCHRONIK Die Schulnot der russischen Juden (Von unserem Berichterstatter.) Petersburg. Zu Beginn des neuen Schuljahres wird die unsägliche jüdische Schulnot wieder in ihrer ganzen Schwere empfunden und unserem Ministerium für „Volksaufklärung“ bietet sich Gelegenheit zu erhöhter schöpferischer Tätigkeit. Seine gesteigerte Aktualität teilt sich natürlich auch den „nachgeordneten Stellen“ mit. Mehr als je glänzen zurzeit die Lokalgrößen aus der Schule Kassos durch schöpferische Erfindungsgabe auf dem Gebiete der Judenverfolgungen. Hier nur einige Beispiele aus den jüngsten Tagen. Der Kurator des Odessaer Lehrbezirkes verweigerte einem Jekaterinoslawer Petenten die Erlaubnis zur Eröffnung einer Privatmittelschule für jüdische Knaben mit der geistreichen Begründung, daß dadurch die Bestimmungen betreffend die Prozentnorm illusorisch gemacht würden. Nach Ansicht des Herrn Kurators wäre die Gründung besonderer jüdischer Schulen nur dann zulässig, wenn den Juden der Zutritt zu den allgemeinen Schulen absolut gesperrt wäre. Der geistreiche Einfall des Herrn Kurators scheint übrigens in Petersburg großen Anklang gefunden zu haben. Wie verlautet, trägt man sich nämlich im Bildungsministerium mit der Absicht, die Juden vom Besuch der allgemeinen Schulen ganz auszuschließen, ihnen dagegen die Eröffnung eigener Schulen unter gewissen Bedingungen zu gestatten. Im Zusammenhänge damit verdient eine weitere Nachricht Erwähnung. Wie in gut unterrichteten Kreisen versichert wird, plant man zurzeit im Ministerium eine Umgestaltung des jüdischen Volksunterrichts in der Weise, daß das „Cheder“ als ausschließlich den jüdischen Lehrfächern gewidmete Vorstufe der Volksschule fungieren soll, während für die folgenden Schuljahre das allgemeine Volksschulprogramm gelten soll. Das Neueste, was uns diese Saison brachte, ist die väterliche Fürsorge für das bisher arg vernachlässigte weibliche Geschlecht. Bekanntlich wurde bis jetzt die famose Prozentnorm, soweit sie auch für Mittelschulen gilt, nur auf die Knabenschulen angewandt, während die Mädchenschulen von den Wohltaten derselben verschont blieben. Nun soll es anders werden. Wie von verschiedenen Seiten versichert wird, arbeitet man gegenwärtig im Ministerium einen Entwurf aus, der die Ausdehnung der Prozentnorm auf sämtliche Mädchengymnasien zum Gegenstände hat. Und ein verheißungsvoller Anfang nachdieser Richtung wurde bereits gemacht: Mehrere Mädchengymnasien in Odessa, Wilna und W arschau wurden angewiesen, in diesem Jahre garkeine jüdischen Schülerinnen mehr aufzunehmen. In Warschau ging man noch weiter. Hier werden sämtliche .Mädchengymnasien für jüdische Bewerberinnen gesperrt und es wurde für sie gewissermaßen ein „geistiger Ansiedlungsrayon“ geschaffen, indem ihnen nur der Zutritt zu einem einzigen Gymnasium gewährt wurde. „Ansiedlungsrayon“ in Ungarn Die russischen Methoden beginnen langsam auch auf Ungarn abzufärben. So ist z. B. jetzt den Juden der Aufenthalt in dem Badeorte Rank-Füred, der unter Verwaltung des königlich-ungarischen Ackerbauministeriums steht, einfach verboten worden. Der Badeinspektor Graf Paul Haller hat den strengen Befehl erteilt, keinem einzigen Juden in dem Badeorte ein Zimmer zu vermieten. Dieser gräfliche Vertreter der königlich-ungarischen Regierung geht in seinem Judenhasse so weit, daß er den Juden, die, als sie sich vom Badeorte selbst förmlich ausgeschlossen sahen, in der Nähe desselben in Bauernhäusern einmieteten und ein Privatbad benützten, selbst den Zutritt in das Gebiet des Badeortes durch eigens hierzu beorderte Gendarmerie verwehrt. Es muß allerdings zur Entschuldigung des Grafen Haller angeführt werden, schreibt die Oesterr. Wochschr. dazu, daß es sich hier bloß um arme Kaftanjuden aus Marnaros und Galizien handelt, welche auch von den chauvinistischen Assimilanten in Ungarn in aller Form verfolgt werden, so daß Graf Haller sicherlich nicht daran dachte, antisemitisch zu handeln, wenn er etwas tat, was auch die „liberalen“ Juden in Ungarn zu tun pflegen. Ein Skandal bleibt die Angelegenheit aber jedenfalls, die übrigens jetzt den Gegenstand einer Untersuchung seitens des Ministeriums bildet. Ein Internationales Gesundheitsamt für Jerusalem Ende Mai d. J. wurde in Berlin unter dem Schutze der deutschen Kaiserin die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Malaria in Jerusalem errichtet. Dem Zentralvorstand der Gesellschaft gehören von jüdischen Persönlichkeiten u. a. folgende Herren an: Dr. James Simon, Vorsitzender des Hilfsvereins der deutschen Juden, B a 11 i n , Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, Exzellenz Ehrlich, Frankfurt a. M., Geheimrat Landau, Berlin, Geheimrat v. Wassermann, Berlin, Prof. W a r b u r g, Vorsitzender des Actions-Comites der zionistischen Organisation, Berlin, Justizrat Dr. Bodenheimer, Vorsitzender des Jüdischen Nationalfonds, Köln. Vor kurzem wurde eine Vereinbarung getroffen zwischen der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Malaria in Jerusalem, dem Jewish Health Office (Stiftung des amerikanisch-jüdischen Philanthropen Nathan Straus) und der Gesellschaft jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler für sanitäre Interessen in Palästina. Die genannten Gesellschaften begründen unter dem Namen „Internationales Gesundheitsamt in Jerusalem“ ein gemeinsames Institut. Dieses wird durch ein Kuratorium, das aus je einem Delegierten (bzw. dessen Stellvertreter) der beteiligten Gesellschaften besteht, verwaltet. Das Internationale Gesundheitsamt arbeitet in der Weise, daß für besondere Zwecke einzelne Abteilungen eingerichtet werden, und zwar zunächst: 1. Abteilung für Malaria. Leiter: Professor Dr. M ü h 1 e n s. Unterhalten von der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Malaria in Jerusalem; 2. Hygienische Abteilung. Leiter: Dr. Brünn. Unterhalten vom Jewish Health Office; 3. Serologische und Wutschutzabteilung. Leiter: Dr. B e h a m. Unterhalten von der Gesellschaft jüdischer Aerzte usw.; 4. Bakteriologische Abteilung. Leiter: Dr. Goldberg. Unterhalten vom Jewish Health Office. Ferner werden Unterabteilungen für eine arabische Fürsorgestelle in der inneren Stadt und eine Station zur Bekämpfung der Augenkrankheiten eingerichtet. Die Oberleitung sämtlicher Abteilungen liegt in den Händen eines Direktors, der auf die Dauer von zwei Jahren vom Kuratorium aus der Mitte der Abteilungsleiter gewählt wird. Die Wiederwahl ist zulässig. Zum ersten Direktor wird Professor Dr. M ü h 1 e n s gewählt. Die Honorierung des Direktors geschieht lediglich durch die Abteilung, der er zugehört. Die allgemeinen Kosten des Internationalen Gesundheitsamts werden auf die drei Gesellschaften verteilt Vom Dezember 1913 ab sollen alle Abteilungen in einem gemeinsamen Hause untergebracht werden. Ueber die Aufnahme neuer Gesellschaften oder Organisationen entscheidet das Kuratorium. Beiträge, die dem Internationalen Gesund-