Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 33 (15.8.1913)
- Date
- 1913-08-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1054 Nr. 33 DIE2§gELT daß die Prophezeihung in anderem Sinne Wahrheit werden, daß das Heil von der Ebene unter Nazareth kommen könnte?" So ungefähr lauteten seine Worte, und die Arbeiter verstanden ihn wohl. Es war ein ernstes, gegenseitiges Gelöbnis, als wir voneinander schieden, durchzuhalten trotz aller inneren und äußeren Hemmungen, bis zum guten Ende. Drei Tage Wagenfahrt von Haifa nach Jaffa, im Chamsin, dem glühenden Wüstenwinde. Ein ehemaliger Fremdenlegionär führt uns, ein Fünfziger mit für .einen jüdischen Mann unwahrscheinlich breiten Schultern, ein geborener Palästiner aus Zammarin. Er versteht sein Geschäft und kennt sein Land, der alte Kabylen-Kämpfer, den das Schicksal durch die Welt gewirbelt hat, um ihm zuletzt doch in der Heimat seine Stätte zu bereiten. Es plaudert sich gut mit dem weltbefahrenen, mit allen Wassern gewaschenen Mann. Atlit, landwirtschaftliche Versuchsanstalt. Herr Beermann und seine Frau empfangen uns mit aller Gastlichkeit, dann zeigt er uns die Versuchsfelder: Kreuzungsversuche des von Herrn Aronsohn entdeckten Wildweizens mit allen möglichen europäischen Weizenarten, um die besten Varianten herauszufinden, die auch bei wenig Bodenfeuchtigkeit die reichsten Erträge liefern. Noch ist alles im ersten Anfangsstadium, es wird noch einige Zeit dauern, bis man zu Feldversuchen übergehen kann. Was mich aber vor allem interessiert, ist das dry farmin g, die „trockene Landwirtschaft". Wie man weiß, gehört eine ungeheure Fläche Nordamerikas zu den steppenhaften und halbsteppenhaften Gegenden der Erde. Und wie man nicht minder weiß, sind die Amerikaner durchaus nicht geneigt, sich irgendeiner natürlichen Bedingung ohne weiteres zu unterwerfen. Der reinen Steppe, der ganz und gar regenlosen, sind sie mit den großartigsten Bewässerungsanlagen auf den Leib gerückt, die die Welt bisher gesehen hat; sie haben in den Bergen jedes Quellchen und Aederchen gefangen, in Kanälen vereinigt und Hunderte von Meilen weit bis an die Ebenen geführt, die nichts als das belebende Naß brauchen, jim unendliche Frucht zu tragen, mit solchem Erfolge, daß der Rio Grande del Norte, dem man all dieses Wasser entzogen hat, auf einer großen Strecke nicht mehr schiffbar ist. Für achtzig Millionen neuer amerikanischer Bürger, sagen die Enthusiasten, soll hier neues Siedelland geschaffen werden. Und wenn es nur die Hälfte ist: gibt es noch Unmöglichkeiten, wo ein organisierter Wille besteht?! In den halbsteppenhaften Bezirken aber, wo, wie in Palästina, in den Regenzeiten genug Wasser fällt, um die Pflanzen zu ernähren, sind sie am Werke, ein Ackersystem immer feiner auszugestalten, das der Natur der Steppe ein Schnippchen schlägt: sie halten das in den Untergrund eingedrungene Wasser dort zurück, indem sie seine Verdunstung hindern. Das ist das dry farming. Aronsohn hat es in Westamerika studiert und nach Palästina übertragen. Es beruht auf folgender Erwägung: Das in den Untergrund eingesickerte Wasser kann nur dann verdunsten, .wenn es, durch die Kapillarkraft emporgezogen, in die Oberschicht gelangt ist. Das läßt sich vermindern, wenn man die Kapillarität unterbricht, und zwar indem man die immer wieder neu sich bildenden feinsten Verdunstungsröhrchen der Oberkrume immer wieder durch Bearbeitung mit geeigneten Instrumenten, flachgehenden Kultivatoren, Tellerwalzen u. dgl. zerstört. Es ist das also eine Art von sehr fein und spezifisch ausgebildeter Schwarzbrache, denn das Verfahren läßt sich natürlich nur auf unbestelltem Acker durchführen. Es erlaubt nur, jährlich die eine Hälfte der Ackerfhir unter Frucht zu haben, die andere Hälfte wird als Schwarzbrache gehalten und etwa zehnmal jährlich mit der sehr räumigen Maschine bearbeitet, ein Verfahren, das einen gewissen Ueberfluß an Land voraussetzt, wie er sich ja in allen halbsteppenhaften Bezirken findet. Es soll auf diese Weise gelingen, den größten Teil der atmosphärischen Niederschläge in der Tat im Boden aufzuspeichern; und die amerikanischen Propagatoren des Verfahrens behaupten sogar, daß man bei seiner Anwendung der Düngung ganz oder doch wenigstens zum größten Teil entraten könne. Sie behaupten, die bisherige Auffassung von der Bodenkraft, wie sie seit Justus von Liebig bestand, durch ihre Experimente widerlegt zu haben. Der Boden sei kein totes Reservoir von Pflanzen-Nährstoffen, dem man unverkürzt wiedergeben müsse, was man ihm im Pflanzenleibe entziehe — sondern sei ein lebendes Laboratorium, das unter dem Einflüsse von Licht, Luft und Wasser aus der anorganischen toten Substanz des Gesteins immer neue Pflanzen- Nährstoffe erzeugt. Nun, diese Dinge sind zu neu, als das man darauf ein ganzes Wirtschaftssystem gründen könnte. Erfinder neuer Methoden sind immer Enthusiasten, und man hat gewöhnlich von ihren Angaben stark zu subtrahieren. Dazu kommt, daß die Fabrikanten der Spezialmaschinen die amerikanische Kunst der Reklame aus dem FF. verstehen. Immerhin wiegt es schwer, daß ein Fachmann und Ehrenmann wie Herr Beermann starkes Vertrauen in die Methode hat. Was ich sah, war in der Tat sehr ermutigend, zwei Versuchsfelder von je einem Hektar Größe, eins mit Weizen, das andere mit Gerste bestanden, beide ungedüngt und mit einem Ertrage, den ich auf 3000—3500 kg pro Hektar schätzte: Ernten, wie sie selbst in den besseren europäischen Betrieben auf reichlich gedüngtem Boden nicht alltäglich sind. Wir dürfen froh sein, daß wir eine Anstalt besitzen, die diese und viele andere wichtige Dinge, die im Großbetriebe entweder gar nicht oder nur mit großem Risiko festgestellt werden können, für uns herausexperimentiert. Sollte es sich auf die Dauer in der Tat ergeben, daß das dry farming annähernd die ihm nachgerühmten Vorzüge besitzt, dann würde die Erschließung des Landes mit wesentlich geringeren Geldmitteln und Risiken möglich sein: die neuen Betriebe würden einen großen Teil des bei der alten Methode unentbehrlichen Baukapitals für Stallungen entbehren können, denn man könnte die Viehhaltung bedeutend einschränken, die in dem von Seuchen heimgesuchten Lande nicht ohne Bedenken ist, die man aber um der Düngererzeugung willen heute nicht einschränken kann. Eine Nacht in Sichren-Jakob, eine in Chedera, den Pflanzenkolonien, dazwischen Besuch in Kerkur, wo eine verwegene junge Mannschaft Grenzwache hält, kurze Aufenthalte in arabischen Khans, wo ruppige Hühner auf dem Misthaufen kratzen, räudige Hunde schleichen und Millionen von Fliegen summen; eine lange, heiße, ermattende Fahrt in der Berline, vor der die müden Pferde dahintrotten auf unglaublichen Wegen. Und endlich, am dritten Abend, der starke Fluß, der einzige dauernd fließende Fluß der Küstenebene, der nordwärts von Jaffa ins Meer fällt, die Brücke und die Orangenhaine im süßen, schweren Duft ihrer unzähligen Blüten. Noch ein kurzer Besuch in Pethach-Tikwah, zur Besichtigung der Jemenitenhäuser — o rühret, rühret nicht daran, in Chederah sind sie unvergleichlich besser —, und der sinkende Abend zeigt uns das blaue Meer bei Jaffa, die Türme und die Orangenhaine. Und morgen fährt auch die „Schleswig" nach Norden. Aber ich werde wiederkehren. —