Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 33 (15.8.1913)
- Date
- 1913-08-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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•Nr. 33 LT 1053 ■ —--DIENTE IM HEILIGEN LANDE VI. (Schluß.) Von Dr. Franz Oppenheimer Schön ist der Tiberias-See, die „Harfe“, im Frühling, wenn rings auf all den Hügelhängen die wilden Blumen duften, an deren Kelchen verliebte Hummeln saugen, wenn leichte Wolken langsam über den blauen Himmel segeln und sich im blaugrünen Spiegel beschauen, wenn vom Norden her —, „hochher, weither, hochher“, sagt Liliencron — die blendenden Schneefelder des gewaltigen Hermon herüberleuchten. Noch gärt’s in dem vorderasiatischen Hexenkessel und schäumet und siedet und brauset und zischt, und alle Propheten sind schon zu Schanden geworden. Niemand weiß, wie das alles enden soll, wer von den übel zerhauenen Kämpfern zuletzt als Sieger aus dem Streite hervorgehen wird. Und so werde ich mich schwer hüten, unter die Propheten zu gehen. Aber dennoch: wenn es irgendeine Ratio in der Welt gibt, und sei es auch nur die Logik der Dinge, dann kann dieser Winkel, Palästina, der Knotenpunkt der gewaltigen, heute schon fast fertigen Transkontinentalbahnen, die das Kap der guten Hoffnung mit dem Nordkap, die Lissabon mit Indien verbinden werden, dann kann dieser Winkel Vorderasiens nicht mehr lange die Stätte urtümlicher Barbarei bleiben. Europa ist ihm von Süden her nahe gerückt, denn Aegypten ist heute, dank britischer Verwaltungskunst, ein europäisches Land — und wird ihm bald auch vom Norden her naherücken; denn das Feuer dieses gewaltigen Krieges muß die Balkanhalbinsel umschmelzen: Sieger und Besiegte können nur zu bestehen hoffen, wenn sie „flügeloffen“ ihre Tore europäischer Kultur und Wirtschaft erschließen. Und dann muß die gleiche geographische Lage, die einst, im Zeitalter der kriegerischen Völkerberührungen, die große Landbrücke Palästinas zum Schlachtfelde der Großmächte machte und das Schicksal des Volkes zum Schlimmen entschied, im Zeitalter der friedlichen Völkerberührungen das kleine Land zum Stapelplatz und Umschlagshafen der industriellen Großmächte machen und das Schicksal seiner Bewohner zum Günstigen entscheiden. Und dann spätestens wird der Tiberias-See sein, wozu ihn die Natur selbst bestimmt hat: die große Winterfrische, der große internationale Sportplatz der Welt. Wassersport in allen seinen Formen, vom Schwimmen und Rudern zu Segel- und Motorboot-Regatten, Angelsport, Reitsport auf Pferden so sanft wie Lämmer und so schnell wie Falken, Jagdsport auf seltenstes Wild wenige Stünden landeinwärts in den Steppen: Antilopen, Füchse, Panther, Reiher! Rasensport in jeder Gestalt: Tennis, Hockey, Kricket, Golf. Am Nordende des Sees, unweit Medschdel, sind Bergwände, an denen der kühnste und eifrigste Kraxler Genüge finden kann; dort zeigt man noch heute die unzugänglichen Höhlen der Räuber, zu denen sich zuletzt die römischen Land-Gendarmen von dem Gipfel des Berges her in Körben niederlassen mußten, um die Raubnester auszunehmen. Und schließlich, wenn erst einmal die Chaussee nach Norden gebaut sein wird: eine, vielleicht zwei Stunden im Automobil nordwärts laden die Hänge des Hermon zu den schönsten Schneeschuhfahrten. Wo in aller Welt gibt es noch einmal eine solche Kombination,, und noch dazu dicht an dem großen internationalen Reisewege der Briten nach Indien? Nichts fehlt dazu, uns diesen Traum zur Wirklichkeit werden zu lassen und Ströme von Touristengold in diesen paradiesischen Erdwinkel zu leiten, als Ruhe, Frieden und die Ordnung einer Verwaltung nach europäischem System. Ist erst einmal die Bakschisch- und Pascha-Wirtschaft gebrochen wie in Aegypten, dann strömt das internationale Kapital ein; dann werden Haifa und vielleicht auch Jaffa Häfen werden, in denen man auch bei Sturm landen kann, und dann wird die Romantik des Räubers und Bluträchers, des Schafdiebes und Pferdestehlers allmählich verschwinden. Ein palästinischer Bret Harte mags bedauern, ich nicht. Es gibt für abenteuerdurstige Seelen noch primitive Länder genug auf diesem Planeten, dort mögen sie sich austoben, wenn sie es nicht lassen können. Vor seiner eigenen Türschwelle braucht Europa Ordnung! Viel könnte ich noch erzählen: von Medschdel, wo man sehen kann, was dieses Land hervorbringt, wenn es reichlich Wasser erhält — hier ist es eine starke Quelle, die das Vorland befruchtet —: Mann und Roß verschwinden hier bis über den Faden am Hut in den grünen Wogen der Feldfrucht; von Poriah, hoch oben auf dem Hügel, dessen Fenster auf die schönste Landschaft der Welt schauen, den See mit dem Hermon als Hintergrund, von Poriah, das zeigt, was jüdische Zähigkeit vermag, wenn sie im Stahlboden der amerikanischen Energie gehärtet ist; von Kinereth mit seinen prächtigen Feldern und seiner Gärtnerinnen-Lehranstalt, von Um-Djuni mit seiner fleißigen „Gruppe“ harter Arbeiter und scharfer Theoretiker. Ich könnte berichten von frohen Festen nach saurer Arbeit, von homerischen Ringkämpfen zwischen palästinischen Arbeitern und deutschen Studenten, von „Fantasiae“ und Wettrennen der Wächter und Kolonisten, dem vom flachen Dach des Hofgebäudes die ganze Bevölkerung von Merchawja zuschaut und zujubelt, auch ohne Totalisator bis ins Innerste beteiligt an Spiel und Sport, wie es sein muß in einem Lande, wo des Mannes Mark und Mut anderen Wert hat als im schutzmannstarrenden Europa; von kunstvollen Reigen, den Mann und Weib, Kind und Greis, Administrator und — Privatdozent durch Ställe und Scheuern, über Treppen und Dächer, kreuz und quer über Hof und Hügel tanzen, zum Takte eines unermüdlich gesungenen hebräischen Liedchens. Und würde doch nie ein Ende finden. Denn Bild auf Bild, unverlierbar eingebrannt auf der empfindlichen Platte der Erinnerung, zaubert sich mir herauf: Bilder eines Landes, schön und reich vor vielen anderen, unzerstörbar trotz Jahrtausende langem Raubbau, schwer von Erinnerungen größter geschichtlicher Bedeutung, trächtig von Hoffnungen und Möglichkeiten — und Bilder eines neu emporkommenden, sich zäh und kraftvoll durchsetzenden Volkstums, das, einem starken Baume gleich, immer breiter und tiefer wurzelt, und dessen Stamm immer festeres Gefüge annimmt, je wilder die Stürme an seinen Wipfeln zerren. Unvergeßlich wird uns allen, die wir teilnahmen, die Abschiedsfeier bleiben. Gemeinsames Mahl im offenen Schuppen auf dem Dorfhügel! Vertreter der Arbeiter sprachen, schlicht, herzbewegt und herzbewegend; aus jedem ihrer Worte klang es wie von einer tiefen, starken, brausenden Unterströmung, von klarem, festem Willen zu ihrem Werke, an das sie glauben, dem sie dienen wollen, nicht für sich, für ihr Volk und weiter hinaus für die Menschheit, ihr Glück und Segen zu erringen in Freiheit und Brüderlichkeit. Und dann sprach Kaplansky, der Führer der Poale-Zion, und auch seine Stimme vibrierte, als er nordwärts und aufwärts zeigte, auf die weißen, ins Grün geschmiegten Häuser von Nazareth. „Seit zweitausend Jahren glauben Millionen, von dort oben werde das Heil der Welt kommen: muß uns nicht das Herz höher schlagen, Brüder, wenn wir daran denken,