Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 32 DIE3q£ELT bestimmen. Und das ist keine leichte Aufgabe, denn die Bestimmung der Tendenzen des gesellschaftlichen Lebens ist immer subjektiv beeinflußt. Da helfen keine statistischen und geschichtlichen Untersuchungen. Da ist immer der Wunsch mehr oder weniger der Vater des Gedankens — wie überhaupt in allen sozialen Wissenschaften, soweit sie sich nicht auf rein deskriptive Darlegungen beschränken. Ich kann nur von meiner subjektiven Wahrheit sprechen. Und nicht mehr. Die wahre Lösung eines sozialen Problems ist niemals auf dem Wege der theoretischen Untersuchung, sondern nur durch die schöpferische Tat zu erreichen. Denn das Volksleben ist keine kausale Mechanik, sondern die „schöpferische Evolution“, nach dem genialen Ausdruck Bergsons. Mit dieser Einschränkung kann ich wohl die Tendenz des jüdischen Lebens im Galuth bestimmen. Und zwar: das Leben des Diasporajudentums zeigt alle Zeichen der physischen, wirtschaftlichen und national-kulturellen Entartung, die nur durch die Durchdringung des \fcolkes mit einem konkreten, endlichen und unmittelbaren Ideal aufgehalten werden kann und wird. Hier, wo ich vor allem zu Zionisten rede, die ja überhaupt auf dem soeben skizzierten Standpunkte stehen müssen, brauche ich keine weiteren Beweise für die Richtigkeit meiner Formel vorzubringen. An einem anderen Ort werde ich in der Diskussion mit dem „Alljudentum“ mich bemühen, diese Beweise anzugeben. Hier handelt es sich darum, von einer als Wahrheit anerkannten Formel für die Grundtendenz des jüdischen Lebens aus unser Gegenwartsprogramm zu bestimmen. Auf Grund meiner Formel ist es wohl möglich, unsere Aufgaben für die Gegenwart konkret zu bestimmen. in. Jahrhundertelang wurde die Entartung unseres Volkes durch das große religiöse Ideal aufgehalten. Die Religion und was damit zusammenhängt, hat unser Volk mit einem Schutzwall umgeben während der vielen Jahrhunderte des Diasporalebens. Als aber die Religion an Macht zu verlieren begann, da eben kam die Judenheit als Volkstum in Lebensgefahr. Um jetzt unserem Volke wieder einen Halt zu geben, dazu bedürfen wir eines lebenspendenden Ideals. Das ist vorläufig die Hauptbedeutung des Zionismus. Das wollen unsere „Alljuden“ nicht verstehen. Ein Volksleben ist ohne Ideal, ohne Religion undenkbar. Unsere Gegenwartsarbeit, soll sie zionistisch sein, bezweckt nicht die Befriedigung der Tagesbedürfnisse unserer Massen, sondern die Stärkung unseres großen Ideals. Ich behaupte — nicht bloß auf Grund theoretischer Ueberlegungen, sondern auch auf Grund praktischer Erfahrungen, — daß es keine spezifisch zionistische Arbeit auf dem Gebiete der unmittelbaren Lebensnotwendigkeiten unseres Volkes gibt noch geben kann, sei es auf dem Gebiete der Wirtschaft oder der Politik. Auf beiden Gebieten kann nur Flickwerk geleistet werden. Da müssen die Zionisten Hand in Hand mit den übrigen jüdischen Parteien arbeiten. In der Gründung von Kredit- und Leihkassen, von Handwerkergenossenschaften, Arbeitergewerkschaften usw. erblicke ich kein Atom spezifisch zionistischer Arbeit. Die I. C. A. in Rußland arbeitet auf allen diesen Gebeten ausgezeichnet, und die Zionisten wirken mit nicht als Zionisten, sondern als Juden. Ebenso bei der Regulierung der Emigration nach den überseeischen Ländern, sei es nach New York oder nach Galveston. Genau so steht es auf dem Gebiete der Politik, obwohl da die Sache etwas komplizierter wird. Die Zionisten Rußlands haben wohl versucht, Landespolitik „unter eigener Flagge“ zu treiben, haben aber immer darauf verzichten müssen. Die Zionisten mußten mit allen ehrlich nationaljüdischen Elementen Zusammengehen, wie sie es auch jetzt tun. Es gibt keine besondere zionistische Art, den Boykott in Polen zu bekämpfen, sondern alle Juden müssen sich zu diesem Kampf vereinigen. Da gibt es nur einen Unterschied: assimila- 1027 torische und national jüdische Politik; diese aber wird nicht bloß von Zionisten, sondern auch von Nationaljuden vertreten. Mag sein, daß in Deutschland und vielleicht in Westösterreich jetzt noch Zionismus und Nationaljudentum kongruente Größen sind, aber das ist meines Erachtens nur eine Uebergangserscheinung. Auch da aber handeln die Zionisten bloß als Nationaljuden. Die spezifisch-zionistische Gegenwartsarbeit ist nur da gegeben, wo sie direkt von unserem zionistischen Ideal bestimmt und bedingt wird. 1. Die national-kulturelle Tätigkeit, die uns niemand nachmachen kann, denn da liegt ein großes Stück rein zionistischer Arbeit. Für die Assimilanten gibt es überhaupt keine nationaljüdische Kultur, für die „a’.ljüdischen“ Nationalisten existiert hauptsächlich die Jargonku'tur, und nur der Zionismus steht auf dem konsequent nationalen Standpunkt. Selbstverständlich können wir auch da keine ganze Arbeit leisten, wir müssen uns an die Umgebung anpassen. In der Diaspora kann hebräisch weder die lebendige Sprache der jüdischen Masse (wohl aber der starken Intelligenz), noch die alleinige Sprache der Schule sein. Aber was wir erreichen können, ist: Hebräisch muß wieder die Sprache der jüdischen Kultur werden, nicht bloß der Form, sondern auch dem Inhalte nach. Die Zionisten müssen also eine zähe und konsequente Schul- und Jugendbildungspolitik führen, deren Ziel ist: jeder Jude soll mit unseren Kulturwerten in ihrer nationalen Sprache vertraut sein. In die Details kann ich mich hier nicht einlassen: das ist Sache des bevorstehenden Kongresses. Es handelt sich um die Schaffung einer ausgedehnten hebräischen Literatur — Lehrbücher, Jugend- und Uebersetzungsliteratur und Serien von populären Abhandlungen über unsere im Verlaufe von Wer Interesse für die wichtigsten Fragen des Judentums hat, muss der zio istischen Arbeit auf dem XI. Kongress seine besondere Aufmerksamkeit widmen. Jeder Jude, der noch nicht auf die tägliche Kon^ressausgabe der „Welt“ abonniert hat, soll dies umgehend nachholen. Die tägliche Kongressausgabe wird zum Preise von Mk. 2.40, Kr. 2.80, Rbl. 1.30, sh 2/10, Hfl. 1.70, Doll. 0.70 oder Frcs. 3.60 täglich überallhin portofrei geliefert. Sie bringt über den Kongreß täglich ausführliche Berichte, Besprechungen der Veranstaltungen, Referate über die Landmannschaftssitzungen, die Sondertagungen, feuillctonistischeStimmungsbilder von den Verhandlungen, so dass jeder, der nicht nach Wien reist in der täglichen Kongressausgabe der „Weit“ ein getreues Bild des Kongresses finden wird. Bestellungen sind umgehend zu richten an den Verlag „Die Heit“, Berlin H1S, Sächsischest?.!