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Die Welt · 1913-08-08 · 32 (8.8.1913) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
32 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1026 Nr. 32 ... DIE3|gELT— ■ .- DAS PROBLEM DER GEGENWARTSARBEIT Dr. Daniel Pasmanik, Petersburg. Seit Jahren laboriert die zionistische Organisation an der Fixierung ihres Gegenwartsprogramms, und bis heute sind wir noch sehr fern vom Ziel. Einzelne Landsmannschaften haben wohl ein solches Programm für sich ausgearbeitet, speziell die russische und die österreichische, aber auch da ist man noch sehr weit von einer Weltanschauung, die die konkreten Details bedingt und bestimmt. Auch da gibt es noch sehr viele Zionisten, die überhaupt nichts davon hören wollen, auch da legt sich fast jeder Zionist sein eigenes Gegenwartsprogramm zurecht. Und doch müssen wir hier Klarheit schaffen, wenn wir nicht gerade an diesem Punkte scheitern wollen. Vergessen wir nicht, daß die Feindschaft der Assimilanten uns gegenüber, die scharfe Kritik der „Alljuden“ und gewisse innere Differenzierungen vielfach nur durch unser Verhalten gegenüber den Gegenwartsproblemen hervorgerufen sind. Viele hoffen, daß der XI. Kongreß gerade hier neue Richtiinien schaf.en wird. Versuchen wir die Frage etwas genauer zu beleuchten. Das Basler Programm hat einmal die Richtlinien der zionistischen Gegenwartsarbeit im Galuth festgelegt, und zwar stellte es den Zionisten folgende zwei Aufgaben: 1. Die Gliederung und Zusammenfassung der gesamten Judenschaft durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen nach Maßgabe der Landesgesetze. 2. Die Stärkung des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewußtseins. Die Hauptfrage aber ist nun, w i e man die gesamte Judenschaft zusammenfaßt und dann — wie man das jüdische Volksgefühl und -gewissen stärken soll. Man könnte z. B. das ganze jüdische Volk zusammenfassen behufs gemeinsamer „Abwehr des Antisemitismus“, oder man könnte das jüdische Volksgefühl durch das Festhalten an dem Missionsgedanken stärken usw. Das Basler Programm hat nur die algebraische Formel angegeben, deren arithmetischer Inhalt erst geschaffen werden mußte*). Die weitere Entwicklung des Gegenwartsproblems gestaltete sich folgendermaßen: Solange man glaubte, Palästina in kurzer Zeit zu besitzen, beschäftigte man sich mit der reinen zionistisch-organisatorischen Arbeit und nur sehr wenig mit der Gegenwart. Als sich aber herausstellte, daß der Charter auf sich warten läßt, da ertönte die Parole: Eroberung der jüdischen Gemeinden. Und am fünften Kongreß begann man von den verschiedenen „Hebungen“ zu sprechen — physische, wirtschaftliche und geistige Hebung des Diasporajudentums. Aber auch nach diesen Versuchen blieb man bei allgemeinen Formeln, und die ganze Gegenwartsarbeit beschränkte sich zuerst auf die Gründung von hebräischen Volksschulen in Rußland. Erst die äußeren Umstände in Rußland und Oesterreich zwangen die Zionisten, klare Stellung zum Gegenwartsproblem zu nehmen. Da verfiel man in das andere Extrem: man arbeitete ein Programm aus, das das ganze jüdische Leben umfaßte: Politik, Wirtschaft, Kultur, Emigration, mit einem Worte, man versuchte, alle Fragen des jüdischen Lebens zu beantworten. Und erst später begann man die Praxis theoretisch zu begründen. *) Wir halten uns für verpflichtet, unsere abweichende Ansicht in diesem Falle ausnahmsweise anzudeuten: das Baseler Programm gibt unseres Erachtens sehr wohl auch den arithmetischen Inhalt, nämlich in seinem ersten Satz „Der Zionismus erstrebt usw.“ — nur zu diesem Zwecke nimmt es die alsdann aufgeführten Mittel in Aussicht. Deshalb stimmen wir auch mit den Schlußfolgerungen des Autors ebenso sehr überein wie wir uns von seinen Voraussetzungen vielfach entfernen. — Red. d. „Welt“. Diese Theorie lautete: die Verwirklichung des zionistischen Ideals erfordert die Energie der organisierten Judenheit. Das Volk muß für das Ideal und für sein Zukunftsland vorbereitet werden. Das durch die politische Freiheit, national-kulturelle Autonomie und wirtschaftliche Organisation gestärkte Volk wird dann ruhig an der Realisierung des zionistischen Ideals arbeiten können. Und doch stehen wir auch jetzt vor ungelösten Problemen und vor einer unklaren Praxis. Schematisch sieht es jetzt so aus: der ganz mit dem Zionismus Verwachsene ist ein sehr schwacher Arbeiter auf dem Gebiete der Gegenwartsaufgaben, und umgekehrt — der Gegenwartsarbeiter ist oft ein lauer Zionist. Zu einer harmonischen Synthese sind wir nicht gelangt, obwohl iifen in der letzten Zeit so viel vom synthetischen Zionismus spricht. Wie weit wir von Klarheit sind, beweist das Bild der russisch-jüdischen- Jugend, soweit sie vom Zionismus beeinflußt ist: vor einigen Jahren steckte sie ganz in der politisch-wirtschaftlichen Gegenwartsarbeit. Heutzutage will der größte Teil dieser Jugend davon nichts hören. Sie schwärmt von unmittelbarer palästinensischer Arbeit und macht nur eine Konzession an die Gegenwart: Hebraisierung des Diasporajudentums. II. Vor allem sollten wir ein theoretisches Problem lösen: was ist der innere Zweck der Gegenwartsarbeit? Da entsteht vor uns eine viel gewaltigere Frage: ist eine Regeneration unseres Volkes in der Diaspora möglich oder nicht? Von der Lösung dieser Frage hängt unser ganzes Verhältnis zum Problem der Gegenwartsarbeit ab. Logisch betrachtet, gibt es da nur zwei Lösungen, die beide wohl konsequent wären. Die eine: in der Diaspora ist keine Regeneration des jüdischen Volkes möglich; eben deshalb sind wir Zionisten; unsere ganze Arbeit hier bezweckt nur eins — die Ueberleitung aller Juden, die ihrem Volkstum treu sind, nach Palästina; in diesem Falle ist die ganze Diasporaarbeit nicht zionistisch. De zweite Lösung: das jüdische Volk hat zwei Jahrtausende im Galuth existiert und wird weiter existieren; das jüdische Leben der Gegenwart zeigt die Tendenzen zur Renaissance; man muß nur eine alljüdische Organisation schaffen, die die wirtschaftlichen, kulturellen und geistigen Aufgaben der Judenheit lösen wird. Oder aber die Juden müssen in den einzelnen Ländern die national-kulturelle Autonomie zu erreichen suchen, um auf diese Weise sich die Bedingungen einer organischen Entwicklung zu schaffen. Das sind die zwei abstrakten und logischen Antworten auf die von uns gestellte Frage. Und wer für eine dieser Antworten ist, hat alle Gegenwartsprobleme gelöst Nichts oder alles. Was dazwischen liegt — ist Opportunismus. Der Verteidiger des Gedankens der Galuthrenaissance ist Opportunist, wenn er zugleich von Palästinismus redet: entweder ist er innerlich ganz unsicher, oder er gibt nur dem Zionismus nach. Der Vertreter der Idee von der Diasporadegeneration ist Opportunist, wenn er trotzdem sich Gegenwartsaufgaben stellt, die eigentlich im besten Falle nur zu Flickwerk führen. Und seien wir offen: hüben und drüben fehlt der Mut zur logischen Konsequenz. Wenn ein Zionist behauptet, man könne in der Diaspora die Lage der Judenheit und des Judentums tatsächlich und wesentlich verbessern, so ist nicht einzusehen, warum er bei einem bestimmten Punkt stehen bleibt, indem er meint, bis da und dahin sei eine Wiedergeburt des Judentums in der Daspora möglich und weiter nicht. Wer weiß denn, wo die aufsteigende Linie, sobald ihr Anfang da ist, enden muß? Wollen wir also unser Gegenwartsproblem lösen, so müssen wir vor allem die Grundtendenz des jüdischen Lebens

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