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Die Welt · 1913-08-08 · 32 (8.8.1913) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
32 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 32 mehrere Wochen ausreichenden Tracht Prügel in sein Dorf zurück. Aber Rache ist süß, und wenige Nächte darauf überfiel man Igael mit einem hellen Haufen und schoß sogar auf ihn. Er verstand die Sache falsch, erwiderte die Schüsse und tötete den Sohn des Dortscheichs und, was schlimmer ist, eine Stute. Darauf folgte jener Sturm auf unser Gehöft, bei dem unsere Leute sich so lange hielten, bis die aus Nazareth herbeigerufene Polizei die Plünderer einließ. Die beiden Schüsse kosteten uns an vernichtetem und gestohlenem Material und an Bußgeld für Mann und Pferd über 30 000 Franken. Geber diesen Igael, den die Araber Ibrahim nennen, erzählte ein Gefolgsmann eines der größten Räuberscheichs einem unserer Dolmetscher folgende Legende, air die er augenscheinlich so fest glaubt wie an den Koran: „Unser Scheich ist ein ausgezeichneter Schütze; er trifft immer. Aber gegen Ibrahim ist das gar nichts: Ibrahim vermag es, wenn jemand auf ihn schießt, die Büchse empor zu reißen und die feindliche Kugel in der Luft zu treffen. Ja, er kann sogar noch vorher laden." In solchen Gedanken und Erinnerungen saß ich auf meiner Freitreppe, ein wenig unruhig und ein wenig beschämt, daß ich derart gezwungen war, mich fern vom Schuß zu halten, während da unten in der Nacht wer weiß welche homerischen Kämpfe sich abspielten. Aber es war glücklicherweise nicht so schlimm. Nach etwa anderthalb Stunden kam Herr Dyk zurück und berichtete: wie die Warnung gesagt hatte, die uns ein Nachbar zugesteckt, wohl weniger aus Freundschaft gegen uns als aus Feindschaft oder Konkurrenzneid gegen den Leiter der Expedition, hatte man versucht, auf dem Hof Bauholz zu stehlen, das in dem entwaldeten Palästina überaus begehrt ist. Unser Doppelposten hatte das Geräusch gehört und den Alarmschuß abgegeben, die Diebe waren entflohen und hatten sich wohl in den hochstehenden Weizenfeldern versteckt; jedenfalls hatte man sie nicht erwischt; verletzt war niemand. Allmählich erloschen die Lichter in den Hütten, das letzte Geräusch der eifrig plaudernden, fragenden Frauenstimmen verstummte, und auch wir suchten unser Ruhelager unter dem Moskitonetz. Ich schlief bis in den hellen Morgen hinein, aber unser armer Herr Dyk sollte in dieser Nacht nur zum kärgsten Schlummer kommen. Er lag kaum eine Stunde in des Traumgotts Armen, als er durch einen Boten geweckt wurde. Die Schar deutscher zionistischer Studenten, die in jener Zeit Palästina durchwanderten, und die wir den ganzen Nachmittag erwartet hatten, hatte sich verirrt und lag jetzt irgendwo an der Bahn, anderthalb Stunden entfernt, sehr erschöpft und halb verhungert; sie baten um Proviant und Führer. Einige Stunden später kamen sie denn auch an und wurden in den für sie bereiteten Lagern untergebracht. Am Nachmittag fuhren wir — Dr. Schemarja Levin war mit einigen Touristen zu uns gestoßen — durch die wilden Schluchten des Varmuk nach dem Tiberias- See. Er liegt noch immer so wunderblau zwischen den Hügeln, und noch immer schaut der firnenschimmemde Hermon vom Norden herüber wie eine Erscheinung aus der Ueberwelt. Aber jetzt brechen nicht mehr bloß die urtümlichen schweren Ruderblätter der Bootsleute, jetzt brechen auch die Räder von Dampfern seinen klaren Spiegel zu schäumendem Weiß. Wir konnten den größeren Regierungsdampfer nicht benutzen, der von der Bahnstation unmittelbar nach Tiberias geht, sondern nahmen ein kleines, nicht gerade sehr vertrauenswürdig ausschauendes Motorboot, das uns aber sicher am Strande von Kinereth absetzte. Kräftige Burschen trugen uns und unsere Koffer huckepack durch das flache Uferwasser, und wir erstiegen die monumentale Treppe, die jetzt zum Gehöft von Kinereth dort emporführt, wo wir 1023 noch vor drei Jahren auf steilen glatten Ziegenpfaden kraxeln mußten. Hier hat sich viel geändert. Sehr stattlich schauen nördlich vom Jordan die roten Ziegeldächer von Kinereth, schauen südlich davon die roten Dächer von U m - D j u m i über den Strom und den See, diese ganz die Schöpfung dieser kurzen Zeit, Kinereth, prächtig ausgebaut mit seinem geschmackvollen, balkongeschmückten Verwaltungsgebäude, das jetzt der Genossenschaft und speziell der Gärtnerinnenschule dient. Und auch sonst sieht man, wenn man zu Schiff den See kreuzt, hier und da die Spuren der reichen Siedlungstätigkeit, die die jüdische Renaissance hier entfaltet hat. Links, hoch über die Hügel, lugt es rot herab: ein jüdisches Dorf, ich glaube Jemma; und ganz besonders eindrucksvoll, burgartig auf dem höchsten Hügel über dem Westufer thronend, künden die Häuser von Pori ah von neuem Streben auf dem alten Boden. Das steile Südufer des Jordan und der sanfte Hang darüber, der zur Hügelhöhe aufsteigt, war noch vor drei Jahren eine Wüste von Dornen und Unkraut: heute ziehen reinlich gehaltene, hoffnungsvoll grünende Baumgärten hinauf, und der Hang wogt goldgelb von Weizen und Gerste. Wahrlich, ein erhebender Anblick! Auf dieser Landschaft ruht eine unserer schönsten Hoffnungen; hier kann sich in Wahrheit einmal — und vielleicht bald — „nationales" Leben in dem guten Sinne des Wortes reich entfalten, d. h. ein Leben, das seiner Eigenart froh und stolz nach seinen eigenen Gesetzen sich auswirkt, aber auch jedem Anderen gern und gleich freudig das Seine gönnt; das nicht durch Anmaßung und Unterdrückung, sondern durch das Beispiel der Zucht, des Fleißes, der Kultur und der menschlichen Güte den ersten Platz zu erringen sucht. Schon hat sich hier ein reiches Gemeindeleben entfaltet, wo am See Um-Djumi, der Hof Kinereth und das schmucke Dorf Kinereth dicht aneinander liegen, vom Hinterlande her gestärkt und gestützt durch die Dorfschaften des Hügellandes. Schon findet hier der Tourist in dem schmucken Heim des Land- und Gartenwirtes Treidel eine wahrhaft europäische Unterkunft — nur Fliegen gibt es viel zu viele — und eine Küche, die die junge Gattin und die liebe alte Mama des Besitzers weithin im Lande berühmt gemacht hat. Die alte Dame erzählt freudig von der verjüngenden Luft des Landes, in dem sie zum Lesen keine Brille mehr brauche» wie in der rheinischen Heimat. In der Tat: Niemand wird ihr auch nur von ferne ihre siebenzig Jahre ansehen! Der kleine Gastgeber zuckt in Haus und Garten herum wie eine Flamme; vibrierend von Arbeitslust und Arbeitsfreude, ist er an allen Stellen zugleich, und die Arbeit fliegt ihm nur so. von den Händen. Hätten wir nur viele von der Art im Lande, wie ihn und seine Brüder, bester provinz-deutscher Schlag, noch nicht durch hohlen Aesthetizismus und allzu viel Reichtum verdorben, aber kulturgewöhnt, und nicht im mindesten gesonnen, darauf zu verzichten, und so diszipliniert, pünktlich, pflichttreu, zielstrebig, wie man es heute wohl nur in Reichsdeutschland und allenfalls der deutschen Schweiz lernt. — — Die Sonne sank hinter den westlichen Hügeln, und die Sterne zogen empor, bis sie am tiefdunklen Firmament in unerhörter Pracht funkelten. Wir saßen noch lange auf der Seeveranda im Gespräch, einem Gespräch, wie man es mit unserem Doktor Levin führt, ernstester Inhalt in fröhlichster Form, tiefgründige Gedanken, illustriert durch tausend Schnurren und Anekdoten. Spät suchten wir unser Lager, und die sanfte Kammermusik dieser einzigen Landschaft, wo der See mit plaudernden Weilchen den Takt schlägt zum vollbesetzten Geigenorchester der unzähligen Grillen in all den schwer duftenden Grashalden ringsum, lullte uns bald in süßen Schlummer. . . dies^kelt

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