Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1022 , DIES^gELT - .■ Nr. 23 IM HEILIGEN LANDE V. Von Dr. Franz Der Abend brachte noch eine charakteristischpalästinensische Aufregung. Ich saß, nachdem uns die Genossen verlassen hatten, mit Herrn Dyk auf dem Treppenabsatz seiner Holzbaracke und sprach die Geschehnisse des Tages durch. Ich war bereits in Nachttoilette, im Piyama, nur mit leichten Strohschuhen an den nackten Füßen und kühlte den überhitzten Körper in der köstlichen Nachtluft, die von da unten, vom Meere her wehte. Auf einmal krachte drüben vom Wirtschaftshof her ein Schuß. Und ehe ich wußte, was geschehen war, hatte Herr Dyk mit den sicheren Handgriffen eines Mannes, der solche Dinge gewohnt ist und sich über nichts mehr wundert, den Mauser von der Wand gerissen, den Browning in den Gürtel, ein paar mit Patronen gefüllte Magazine in die Tasche gesteckt und stürmte in die tintenschwarze Nacht hinaus. Unterwegs feuerte er ein paar Mal in die Luft, und aus allen Hütten quollen unsere Männer, notdürftig bekleidet, alle möglichen Waffen in den Händen, Frauen mit weinenden Kindern auf den Armen hinter ihnen, neugierig und erregt, aber, soweit ich erkennen konnte, nicht im mindesten erschreckt. Und fort stürmte die bewaffnete Schar, ehe mein an europäische Polizeizustände gewöhntes Gehirn auch nur begriffen hatte, um was es sich handelte. Keine Möglichkeit für mich, ihnen zu folgen; denn als ich mich angezogen hatte, war von dem ganzen Lärm nichts mehr zu hören als das ferne Gebell einiger Hunde irgendwo weit in den Feldern. Ich wußte nicht, nach welcher Richtung ich mich wenden sollte, und so blieb mir nichts anderes übrig als in einiger Erregung zu warten und darüber nachzudenken, wie sehr verschieden doch das Leben an der Grenze der Jahrtausende alten Barbarei von unserem von allen Seiten her durch die Dornenzäune von Schutzmannssäbeln geschützten Leben als Kulturmenschen und namentlich als Asphalttreter ist; ferner, mir vorzustellen, welches Gesicht manche unserer Gesinnungsgenossen in meiner Situation machen würden, die nicht im geringsten daran zweifeln, daß sie von unseren Pionieren da unten alles zu verlangen haben, ohne sich jemals über ihre Lage unter diesen wilden Verhältnissen klar zu werden; — und schließlich schmunzelnd an Herrn Houston Stuart Chamberlain, Herrn von Gräfe und ihre edlen Genossen zu denken, und an ihre felsenfeste Ueberzeugung davon, daß jeder Jude von Urbeginn aller Zeiten an ein schlapper Feigling ist. Wenn jemals meine auf allgemeinen soziologischen Erwägungen beruhende Ueberzeugung sich bestätigt hat, daß es das sozial-ökonomische Milieu ist, das den menschlichen Charakter formt, so war es hier der Fall. Herr Dyk hatte in Europa nicht die mindesten heroischen Neigungen und scheinbar auch nicht die geringsten Anlagen zum Heldentum der Faust und des Schwertes, und dasselbe gilt wohl auch für die allergrößte Mehrzahl unserer Arbeiter: aber in solchen Umständen wird man eben zum „Helden", man mag wollen oder nicht, gerade so wie unsere Leute da unten sämtlich zu Reitern und vielfach zu Reitern erster Klasse werden. Hier möchte ich eine kleine Episode einflechten, die so recht charakteristisch für diese Umwertung aller Werte und gleichzeitig für die urzeitliche Psychologie unserer Nachbarn ist. Bei der landwirtschaftlichen Ausstellung in Kinereth im vorigen Jahre fand auch ein Pferderennen statt. Als es im besten Gange war, nahte sich ein fürstlicher Zug: ein großer Beduinen-Scheich mit seinem Gefolge Oppenheimer kam zufällig des Weges; er saß auf seinem edlen Reitkam eel; seine herrliche Stute, ein Prachtexemplar der arabischen Rasse, wurde hinter ihm geführt. Er sah dem Rennen zu und forderte die anwesenden Reiter zu einem Wettrennen auf, dem beliebtesten, verehrtesten Sport des Landes, denn sämtliche Männer, auch die seßhaften, zu Ackerbauern gewordenen Fellachen sind leidenschaftliche Pferdeliebhaber, zumeist ausgezeichnete Pferdekenner und vorzügliche Reiter. Ein älterer Kolonist, der für einen der besten Reiter unter den Juden Palästinas gilt, nahm die Herausforderung an, bestieg das Pferd eines unserer Wächter, und auf das gegebene Zeichen jagten die Nebenbuhler dahin. „Der Staub des Weges flog, gefegt von Stutenbäuchen", heißt es im „Schwertfeger von Damaskus". Aber siehe da, der Sieg, auf den der große Scheich mit aller Sicherheit gerechnet hatte, sollte ihm nicht werden. Zoll vor Zoll schob sich die Stute des Juden vor den Kopf der seinen. Er bearbeitete in schäumender Wut die Flanken seines Tieres mit den scharfen Kanten der Steigbügel, die dem Araber die Sporen ersetzen, und und er vergaß alle sportliche ,fairness‘ so weit, daß er durch Hiebe mit der Reitpeitsche auf den Kopf der feindlichen Stute und des gegnerischen Reiters ihm den Sieg zu entreißen versuchte. Aber nichts half. Die überlegene Reitkunst des kleinen Kolonisten auf dem vortrefflichen Pferde trug den Sieg davon. Am Ziel sprang der Scheich ab, stand einen Augenblick mit erbleichtem, verzerrtem Gesicht und rollenden Augen vor seinem vor Erschöpfung zitternden Tier: dann riß er plötzlich den Revolver aus der Tasche und schoß es nieder. Solche Leistungen schaffen dem jüdischen Ansiedler, wie die Psychologie des Arabers nun einmal ist, mehr Ansehen und Ehre als die höchsten Rekords im Weizenbau und im Milchertrage der Stallungen. Und da ich nun einmal gerade beim Erzählen bin, will ich noch eine andere Geschichte von einem unserer Kolonisten dort berichten, aus der deutlich hervorgeht, wie leicht sich unter solchen primitiven Verhältnissen Legenden bilden. Einer aus dem Wächterbunde, ein palästinensischer Kolonistensohn, namens Igael ist es, den seit einiger Zeit der Nimbus des Heroen umwittert. Er kostet uns schweres Geld, der hübsche Bursche, der überall dabei ist, wo es gilt, ein Stück neues Land in unfreundlicher Nachbarschaft für die jüdische Ansiedlung zu sichern. Jetzt ist er in Kerkur, in der den Bergen vorgelagerten Ebene zwischen Haifa und Jaffa, wo eine kleine auserlesene Schar von Wächtern und Arbeitern mit zwei Mädchen zusammen eine sehr große Fläche notdürftig anbaut, um das Rückfallrecht zu vermeiden, und sie gleichzeitig vor den nach Honig lüsternen Bären der Nachbarschaft schützt. Früher war er in Merchawja, gleichfalls als Wächter, und galt sogar unter den Arabern der Nachbarschaft als der beste Reiter und Schütze des Landes. Irgendein Bursche aus einem Nachbardorf, der sich vor seinem braunen Mädchen und seinen noch brauneren Kameraden Ruhm erwerben wollte, wagte es, mit ihm anzubinden. Als er eines Tages in der Post in Aphule sein Pferd angebunden hatte, schlich er sich heran, band es los, warf sich darauf und sprengte im Galopp davon. Igael spannte das erste beste Ackerpferd aus einem Wagen und jagte ihm nach. Seiner überlegenen Reitkunst gelang es in der Tat, nach stundenlanger Jagd den Dieb, der auf dem viel besseren Pferde saß, einzuholen, und der Ehrgeizige kam statt mit dem Pferde des Gefürchteten mit einer für