Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 31 DIE3§KLT 995 PALÄSTINA-RUNDSCHAU | Verwaltungsreformen in Palästina (Von unserem Berichterstatter.) In einem meiner vorigen Briefe wies ich bereits darauf hin, daß allem Anscheine nach ein großer Teil der Verwaltungsbefugnisse, die sich bis jetzt die Zentralregierung in Konstantinopel Vorbehalten hatte, nunmehr auf die Provinzbehörden übergehen wird. Dieser Systemwechsel wird jetzt durch einen Aufsatz über die eben vollendete Reise des Jerusalemer Gouverneurs durch seinen Verwaltungsbezirk, der in den Nm. 26 und 27 der „Jerusalemer Warte“ erschienen ist, bekräftigt. Der Verfasser dieses Aufsatzes ist der Fabrikant G. Wagner, einer der angesehensten Deutschen in Jaffa, der dem Gouverneur Madschid Bey sein Automobil für die Fahrt in der Umgebung von Jaffa zur Verfügung stellte und selbst diese Fahrt mitmachte. Ich halte es daher für angebracht, diesen Bericht hier in Kürze wiederzugeben. „Ueberall, wo Madschid Bey hinkam, besuchte er zuerst die Schulen, auf deren ordentlichen Betrieb er anscheinend, als ehemaliger Lehrer, großen Wert legt. Ein weiteres Sorgenkind sind ihm die Landstraßen, die sich meist im argen Zustande befinden. In Jaffa galt einer seiner ersten Besuche dem Internationalen Sportverein, für dessen Bestrebungen er sich lebhaft interessiert. Die Fragen, die ihn in Jaffa hauptsächlich beschäftigten, sind folgende: 1. Zehnten der Orangengärten in der Umgebung Jaffas. Die Betriebsunkosten sind bei diesen Gärten ohnedies sehr große und sie können mit den zehntfreien Gärten des Stadtbezirks Jaffa kaum noch konkurrieren. Eine Versammlung unter dem Vorsitz des Gouverneurs beschloß, die Zentralregierung zu bitten, entweder wie in Saida den Zehnten auf die Hälfte zu ermäßigen, oder noch besser, einen festen Satz von 50 Goldpiastem pro Dunam an Stelle des Zehnten zu erheben. 2. Auf Antrag des Jaffaer Zolldirektors trat der Gouverneur bei der Zentralregierung für die Errichtung eines neuen Zollamtsgebäudes ein, da das vorhandene in keiner Weise den Bedürfnissen genügt. 3. Der Weg von Jaffa nach der Kolonie Wilhelma und einigen Araberdörfern führt über einen Wadi, der im Winter unpassierbar ist und einen weiten Umweg erfordert. Die Regierung steht schon längere Zeit mit der Firma Wagner in Unterhandlung wegen der Erbauung einer eisernen Brücke bei dem Dorfe Seleme. Nach der Zusage des Gouverneurs soll der Bau spätestens in 2—3 Monaten begonnen werden. 4. Auch für den Hafen in Jaffa interessiert sich Madschid Bey und betrachtet ihn als Lebensfrage für die Provinz. i 5. Der lange schon im Bezirk gehegte Wunsch, daß das Mutassariflik Jerusalem zum Wilajet und Jaffa zum Mutassariflik erhoben werden möchte, wird vom Gouverneur ebenfalls unterstützt. 6. Der Bezirk Jaffa mit seinen ca. 120 000 Einwohnern hat bloß einen Gerichtshof für Straf-, Handels- und Zivilprozesse. Die Folge ist, daß er die große Arbeit nicht bewältigen kann und Bagatellsachen sich Jahre hinziehen. Auch hier wurde versprochen, auf Abhilfe hinzuarbeiten. Der Gouverneur besuchte auch einige jüdische Ackerbaukolonien sowie die deutsche Kolonie Wilhelma. Auf die Klagen der Kolonisten über den schlechten Zustand der Fahrstraßen erklärte der Gouverneur, daß eine Abhilfedarin von jetzt an viel leichter sein werde als bisher, da alle Straßen, mit Ausnahme der großen Reichsstraßen, in das Budget der Provinz aufgenommen werden können, das dann nur noch als Ganzes der Sanktion durch gro ß h e r r 1 i ch es Irade bedürfe. Er betrachte den Straßenbau als eine seiner wichtigsten Aufgaben. Im laufenden Jahre allerdings, dem ersten des Bestehens des Generalrates der Provinz und der erweiterten Befugnisse der Provinzbehörden können nur mehr vorbereitende Schritte getan werden. Im nächsten Jahre aber soll mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden. In der weiteren Unterhaltung erzählte Madschid Bey von vier Tscherkessenkolonien, die er früher im Wilajet Erserum gegründet hat und meinte, daß die Türkei in der Hauptsache ein Agrarstaat bleiben müsse.“ Herr Wagner schildert dann den Besuch des Gouverneurs in der jüdischen Kolonie Pethach-Tikwah und fährt dann fort: „Die Besucher verabschiedeten sich von den liebenswürdigen und gastlichen Kolonisten und entfernten sich in nordöstlicher Richtung, um eine vor kurzem am Audschaflusse von jüdischer Seite eingerichtete Bewässerungsanlage zu besichtigen. Ihr Zweck ist, die in erreichbarer Nähe gelegenen Orangengärten im Sommer mit Flußwasser zu versorgen und die Aufstellung von Motor und Pumpe in jedem einzelnen Garten zu ersparen. Die hübsche und praktische Anlage macht den Ingenieuren, die die Aufstellung leiteten, alle Ehre. Hübsch ist das Maschinengebäude, das aus Eisenbeton mit ganz dünnen, aber doch äußerst haltbaren Wänden hergestellt ist und mit seinen großen Fenstern und dem zierlichen Zinnendach fast den Eindruck einer kleinen Villa macht. Die Eingeborenen hatten zuerst eine so starke Wasserentnahme aus dem Flusse befürchtet, daß die anderen weiter flußabwärts gelegenen Betriebe wie Mühlen usw. darunter leiden könnten und daß vor allem dem Audscha die nötige Wasserkraft genommen werde, die zum Betrieb von geplanten städtischen Anlagen (Beleuchtung, Straßenbahn, Bewässerung der Gärten usw.) erforderlich ist. Deshalb wurde gegen das Unternehmen in jeder Weise gehetzt und versucht, ein Verbot desselben von der Zentralregierung zu erwirken. Weil die Sache schon so viel Staub aufgewirbelt hatte, wollte der Gouverneur von der Schädlichkeit derselben sich durch persönliche Inaugenscheinnahme überzeugen, dürfte dabei aber die gegenteilige Ueberzeugung gewonnen haben. Der Leiter des Unternehmens, Herr Bezalel J a f f e, machte in liebenswürdigster Weise den Wirt und gab alle gewünschten Aufklärungen.“ Eine Rundfahrt durch das jüdische .Stadtviertel T e 1 - A w i w beschloß die interessante und alle Teilnehmer befriedigende Fahrt. Stellungnahme zum XI. Kongreß Das Interesse der jüdischen Bevölkerung Palästinas für den elften Kongreß kommt immer lebhafter zum Ausdruck. Zu dem dreistündigen Referat des Ing. Kaplan-Kaplansky im Jerusalemer Beth-Am fand sich ein großes Publikum ein, obwohl ein für Jerusalemer Verhältnisse hohes Eintrittsgeld erhoben wurde. Kaplansky charakterisierte die zionistische Bewegung als eine ökonomische, deren Ziel es sei, für die jüdischen Volksmassen die Möglichkeit produktiver Tätigkeit zu schaffen. Auf die Verhältnisse in Palästina übergehend, forderte er für die Städte die Schaffung solcher Industrien, die einen Absatz auf dem heimischen Markte finden könnten. A. P. C., Industrie-Syndikat und ähnliche Gesellschaften müßten hier eingreifen. In S a f e d und T i b e r i a s wären Institute wie der „Bezalel“ zu schaffen. Man müsse dahin wirken, daß die Chalukahgelder irgendwie produktiv verwendet werden. Die Hauptarbeit bleibt aber die Förderung der Landwirtschaft. Der N. - F. müsse ausschließlich den breiten Volksmassen, die selbst arbeiten wollen, zu Hilfe kommen. Tel-Awiw beispielsweise sei gewiß eine schöne, neue Position, aber solche Unternehmen lägen