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Die Welt · 1913-08-01 · 31 (1.8.1913) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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994 Nr. 31 DIE3$KELT — Judentum in rein formaler Hinsicht, wie sie Herzl gemeint hat. Herzls Werk war es, diesem Bekenntnis einen Ausdruck zu schaffen. Die zionistische Organisation gibt die Möglichkeit, das Bekenntnis durch einen öffentlichen Akt zu vollziehen. Dieses Werk zu bauen, war eine ungeheuere Tat; heute ist die Organisation historische Tatsache, und es droht die Gefahr, daß man mit dem Anschluß an ein Vorhandenes sich begnüge. Herzl wollte alle kulturelles und religiösen Fragen ausschalten, weil er wußte, daß an diesen immer wieder der Streit sich entzündet hatte; denn er wollte d i e Organisation der Juden schaffen. Sein ungeheurer Gedanke scheiterte an der Kleinheit der Zeit. Und da die radikale .Aenderung des Lebens der Juden, die Herzls Phantasie vorgeschwebt hatte, unmöglich war, so vollzog sich zunächst gar keine Aenderung. Wer zur zionistischen Partei gekommen war, konnte in derselben Weise leben wie vordem. Zionismus aber ist der Wille zur Aenderung des Lebens; er ist die persönliche Aufgabe jedes einzelnen. Das formale Bekenntnis, der Mut des Kampfes, die Verantwortung, die der Soldat mit seinen Posten auf sich nimmt, ist die erste Stufe, die wir ersteigen; aber wir dürfen auf ihr nicht stehen bleiben. Zweitens: wenn wir unser Zugehören zur jüdischen Gemeinschaft erkannt haben, so ist es uns ein Bedürfnis, die inhaltlichen Elemente dieser Zusammengehörigkeit zu stärken; der Halbheit unseres früheren Lebens absagend, wollen wir ganz und gar nur Juden sein. Das Wesen der Gemeinschaft, die uns nicht in der Tatsächlichkeit einer Lebensform, sondern nur im Bewußtsein gegeben ist, ist uns Problem. Daraus erwacht unsere Sehnsucht nach der Geschichte; wir gehen daran, die jüdische Geschichte als die Kunde von den Vorbedingungen unseres Lebens und den Entstehungsbedingungen unseres Wesens zu suchen; wir verstehen sie nicht als eine Folge von Ereignissen, sondern als eine Fülle von Bewegungen. Wir suchen die Schöpfungen des jüdischen Volkes, in denen das Denken und Fühlen jüdischer Menschen anderer Zeiten und anderer Himmelsstriche uns bewahrt ist. Die Bekanntschaft mit dem Kulturleben der Ostjuden, mit ihrer Literatur, die uns das Bild und die Stimmung einer jüdischen Welt vermittelt, macht uns reich. Das weitaus Wichtigste aber ist für uns das Werk der jüdischen Antike, das größte Werk aller Zeiten und aller Völker, das uns durch den Ungeist der Zeit, in der wir erzogen wurden, geraubt ward. Wir müssen, befreit von dogmatischen Vorurteilen der theologischen oder freidenkerischen Orthodoxie, die Wesentlichkeit dieses größten aller nationalen Dokumente uns zu eigen zu machen. Was in der Vergangenheit von der Triebkraft, dem webenden Geist der Volksphantasie geschaffen worden ist, muß wieder unser nationales Gut werden: der ungeahnte Reichtum unserer Mythologie, unsere Sagenwelt, unsere Poesie, unsere religiöse Inbrunst, unsere Mystik. Simson und Elijahu müssen wieder lebendige Gestalten unseres Volkes werden. Die Sprache des Buches, das nur in seiner Sprache verstanden werden kann, soll wieder unsere Sprache werden. Diese Sprache gibt unserem Volkstum innere Kraft; sie schafft uns auch die Beziehung zu dem in unseren Tagen neu beginnenden jüdischen Gemeinschaftsleben in Palästina, das, ein Phänomen ohne Gleichen, nur als die Schöpfung des ungeheueren Enthusiasmus neuer Juden begriffen werden kann. Die Aufnahme jüdischer Kulturwerte ist von tiefgehendstem Einfluß auf unser Leben. Daß dies nicht so zu verstehen ist, als ob wir — auf alles andere verzichtend — nur noch „jüdische" Inhalte kennen dürften, ist deshalb nicht überflüssig zu sagen, weil es immer wieder so verstanden wird. Unbegreiflicherweise: als ob dem Deutschen, der an seinen Siegfried glaubt, Sophokles, Michelangelo, Shakespeare, Tolstoi nichts bedeuten dürften. Drittens: „Wenn wir uns so im Judentum bejaht haben, so fühlen wir die ganze Entartung mit, aus der wir unsere kommenden Geschlechter befreien müssen“ (Buber). Wenn wir glauben, daß unser Leben einen Sinn, eine Weihe erhalten hat, so gilt es, die Wahrheit der Idee in der Unbedingtheit des Lebens zu erfüllen. Wenn wir uns zur jüdischen Gemeinschaft stellen, dann erwacht das Gefühl der Verantwortlichkeit für diese. Wir erkennen die innere Unwahrheit, die Wesenlosigkeit des Judentums unserer Zeit. Die Lüge und Kriecherei, eine Folge der Gewöhnung an Unterdrückung und des aufgezwungenen Erhaltungskampfes, rationalistische Ueberhebung und materialistische Geschäftigkeit, eine Folge des Anteiles an der europäischen Entwicklung, sind die beherrschenden Mächte im Leben des Juden; wir sind verantwortlich, daß das neue Geschlecht von Juden aus dieser Entartung befreit werde. Unser Tun muß den Sinn haben, daß wir als Juden das Leben ehrlich und ernst nehmen; ehrlich, indem wir uns nicht selbst täuschen und uns das Schwere nicht leicht machen; ernst, indem wir den neuen Geist in unserem Leben verwirklichen. Das ist eine Forderung unseres Menschentums; aller echte Nationalismus ist Bewährung der menschlichen Aufgabe. Das Bewußtsein der Verantwortung lehrt uns, daß wir die „Auserwählten“ sind: jeder einzelne auserwählt, daß er vollbringe. Der durch die Schwere der Materie zerdrückte Wille mache sich frei zur Tat. Nicht auf eine „Gesinnung“ kommt es an, sondern auf ihre Bewährung und Bezeugung im Leben. Hier muß wieder gegen einen Irrtum gesprochen werden, der besonders in zionistischen Kreisen häufig ist; daß nämlich die Uebersiedlung nach Palästina allein für einen Juden die Erneuerung bewirken könnte. Viele Zeichen haben bewiesen, daß auch in Palästina „Galuth“ sein kann. Denn unsere Befreiung meint vor allem eine innere Läuterung. Der Sinn des Zionismus ist es, daß die Juden, die reinen Herzens sind, von ihrer Sehnsucht nach Ganzheit und Harmonie und radikaler Aenderung des Lebens nach Palästina getragen werden. Das ist die tiefste und wahrste Bedeutung der Lehre Achad Haams von der Bereitung des Volkes und der Wiederbelebung der Herzen. Die Juden, die es nicht aushalten können, finden sich zusammen, umschlungen von ihrer gemeinsamen Sehnsucht, ihrem gemeinsamen Glauben, ihrem gemeinsamen Wollen. Aus dem Großen, Neuen, Freien, dessen Schauer wir erleben, wird der Geist des Judentums ein neues Weltgefühl gestalten. V. Der Weg, den wir Jungen gehen, ist nicht der Weg Theodor Herzls. Wir, die ihn recht zu verstehen glauben, können ohne Scheu das zugeben. Herzl ist zu groß, als daß wir ihn zu fälschen brauchten. Wir sagten schon: was Herzl anstrebte, war die formale Zusammenfassung der Judenheit, die wirkliche, innerliche Verknüpfung; der jüdische Geist, das Judentum war ihm unwichtig. Aber seine Tat war die große Absage an die Ehrlosigkeit, an die dumpfe Selbstzufriedenheit, das träge Behagen; sein Leben war, ein erstes in der Geschichte des Zerstreuungs-Judentums, ein heroisches Leben. Er wollte seinem Volke, eine glückliche Stätte von strahlender Vollkommenheit ' bereiten; er erwählte den Weg müheseligster Arbeit, wie im griechischen Mythos der Lichtgott Herakles, und gleich diesem wird ihm der Olvmp zu Teil. Was als rein und hoch, als schön und edel von Menschen verehrt wird, war in der politischen Romantik Theodor Herzls. Sein Leben liegt vor uns, die ihn nicht mehr erlebt haben, als ein Märchen von hinreißender Pracht. Nicht Herzls mißlungene diplomatische Aktionen, nicht seine politischen Methoden, selbst nicht die Einzelzüge seiner Vorstellung von der Lösung der Judenfrage sind wesentlich. Nicht was er gewollt, sondern daß er gewollt und wie er gewollt. Das ewige Erbe, das er uns gelassen hat, ist dieses: der Mythos von seinem Leben. So erhebt sich, über dem historischen Herzl der ewig lebende Herzl, der das ragende Symbol der jüdischen Bewegung unserer Zeit bleiben wird. Das Geschlecht, das Herzl so besitzt, wird reif sein zur Erneuerung.

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