Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 31 die neu erworbene „europäische Kultur" stolz ist. Die jüdische Gemeinschaft ist aufgelöst und entwürdigt. In keinem Menschen triumphiert der liberale Individualismus so wie im Juden. Seine Interessen erschöpfen sich in einem dauernden Geplänkel um die faktische Durchsetzung der auf dem Papier gewährten Rechte. Nirgends fließt der Strom des Lebens; der Jude will den Schein des Lebens erwecken. Er wird Schauspieler, Fälscher, Lügner. Der Typus des Literaten, den Jakob Wassermann gezeigt hat. II. ln diese Zeit ist Theodor Herzl gestellt worden. Er war ihr Kind, und eines ihrer besten; er war untergetaucht in die Literatenkultur, aber sein warmes Herz hatte zu schlagen nicht aufgehört. Und plötzlich, bei geringem Anlaß, kam über ihn die Erkenntnis, die ihm die ganze Erbärmlichkeit des Lügengebäudes zeigte, in dem er wohnte. Die Wahrheit, die Herzl schaute, war die: die Juden sind eine Bluts- und Schicksalsgemeinschaft, ein Volk, und werden als solches von allen anderen Völkern deutlich gefühlt. Sie selber hatten bisher nicht die Reife und vor allem nicht die Unbefangenheit, dies zu erkennen. Die Judenfrage ist nicht eine Frage des Rechts, sondern eine Frage der Macht; sie ist eine politische Frage, also nur durch Machtmittel zu lösen. Die Ursache der Judennot ist die zerstreute Lage der Juden ohne Besitz eines Machtzentrums. Daher muß die vollkommenste Art nationalen Zusammenlebens erstrebt werden: der Judenstaat. Der Weg dazu ist der der Selbsthilfe: „Ein Volk kann nur sich selbst helfen; kann es das nicht, so ist ihm nicht zu helfen." Daß Herzl ein Selbsthelfer war, hebt ihn über die „Theoretiker“ der Judenfrage und über alle seine Kritiker. Herzl war von der zwingenden Kraft der ihm offenbar gewordenen Wahrheit so erfüllt, daß er meinte, er brauche sie nur zu sagen, und alle Menschen werden sich ihrer wie eines lange gesuchten Gutes, das Befreiung von einem drückenden Alp bringt, bemächtigen. Er vergaß, daß nicht die Wahrheit und das Gute,, sondern die Bequemlichkeit und die Trägheit das Tun der Menschen bestimmen. Als Herzl seine Lehre aussprach, warf sich ihm die kompakte Majorität der aus dem Schlummer aufgescheuchten Juden entgegen. Da erst wurde Herzl, der gemeint hatte, nur politischer Sachwalter sein zu müssen, zum Kämpfer. Der Kampf jener ersten, großen, heroischen Zeit des Zionismus ist das größte in der Geschichte des neuzeitlichen Judentums. Wie der Stoß eines Sturmwinds war der revolutionierende Geist in die träge Masse der Juden gefahren; es ward dem Judentum ein neues Bewußtsein gegeben, und gemäß der Doppelbedeutung des Wortes „conscientia", ein Gewissen. Der Unehrlichkeit, der Unaufrichtigkeit des jüdischen Lebens stellte Herzl die Offenheit seines Bekenntnisses gegenüber; dem trostlosen, moralischen und materiellen Elend der jüdischen Gegenwart, stellte er seine vollendet schöne, utopische Vision eines Judenstaates gegenüber. Er glaubte an die Ausführbarkeit seines unendlichen, unmöglichen Planes; „wenn ihr wollt", sagte er, „ist es kein Märchen“. Er hat sein ganzes Leben dieser Tat geweiht; mit beispielloser Hingebung, in schwerstem Kampfe, hat er in einer jeder Größe entbehrenden Zeit, in einem jeder Größe baren Volke, gestanden und gerufen, wie ein Rufer in der Wüste.; Er hat das Volk zusammengeballt und schuf als unmittelbarsten Ausdruck seines Erlebens die zionistische Organisation und den zionistischen Kongreß; die ersten lebenden jüdischen Gemeinschaftsformen inmitten einer abgestorbenen Welt. „Das ist in unseren Jahrhunderten des Uebergangs die Bestimmung der Revolution: den Menschen ein Bad des Geistes zu sein. In dem Feuer, der Hingerissenheit, der Brüderlichkeit dieser aggressiven Bewegungen erwacht immer wieder das Bild und das Gefühl der positiven Einung durch verbindende Eigenschaft, durch Liebe, die Kraft ist; und ohne diese vorübergehende Regeneration könnten wir nicht weiter leben und müßten versinken." (Landauer.) Die zionistische Revolution Theodor Herzls hat uns das erste Mal wieder das leben-: 993 dige Gefühl der positiven Einung gegeben; sie ist eine Regeneration auf dem Wege zur Erneuerung. III. Es gibt Krisen im Leben des Menschen, die ihn so ganz und gar, so von Grund auf zu wandeln vermögen, daß sie von der Stunde die Richtung seines Lebens bewirken. Dem Heimatlosen, der, nach Hoffmannsthals Wort, sich jeder Welle hingibt, wird eine Heimat im Geiste, der in ihn gefahren ist: er hat seine Bahn. Theodor Herzl, der Künstler und Aesthet, der Mann des tändelnden Spieles, ist im Feuer seines Erlebnisses — das wir Offenbarung oder Berufung nennen können — neu geschmiedet worden. Er schreibt am 8. April 1848, als ihm ein Entwurf zur Lösung der Judenfrage vorgelegt war, in einem Briefe: „Ich zweifelte nicht mehr an der Güte unseres Menschenmaterials, als ich die Kraft des nationalen Erwachens in mir selbst erlebte. Zur Zeit, als Ihr Freund jene Worte niederschrieb, war ich noch ein spöttischer Jude, der wahrscheinlich gelacht hätte, wenn ihm diese Aufzeichnungen zu Gesicht gekommen wären. Aber es ist in mir eine Wandlung vorgegangen, die ich als das Glück und den Stolz meines Lebens empfinde . . .“*) Der chinesische Weise Tsdhuang-Tse hat dieses Gleichnis gesagt: „Ich, Tschuang-Tse, träumte einst, ich sei ein Schmetterling, ein hin und her flatternder, in allen Zwecken und Zielen ein Schmetterling. Ich wußte nur, daß ich meinen Launen wie ein Schmetterling folgte, und war meines Menschenwesens unbewußt. Plötzlich erwachte ich; und da lag ich: wieder ,ich selbst*. Nun weiß ich nicht: war ich da ein Mensch, der träumt, er sei ein Schmetterling, oder bin ich jetzt ein Schmetterling, der träumt, er sei ein Mensch? Zwischen Mensch und Schmetterling ist eine Schranke. Sie überschreiten ist Wandlung genannt **)." IV. Die Generation von Juden, die nach Herzl kam, war von dem Mutterboden des Judentums in jeder Form losgelöst; der Jude hatte seinen Gesichtskreis durch die ganze Fülle des Geisteslebens Europas erweitert, und da er nur aufnehmen konnte, nahm er fast unbegrenzt auf; und schließlich kam er dazu, nicht aus einer Enge, sondern aus dem Reichtum seines Bewußtseins heraus, das Letzte und Wichtigste zu suchen, das er verloren hatte, und das doch die unerläßliche Voraussetzung, der Träger allen Lebens und aller Kultur ist: sich selbst. Die Bekanntschaft mit dem Zionismus Theodor Herzls und die Kunde von seinem Leben, wird für den jungen Juden dieser Zeit das wandelnde Erlebnis. Wie der einzelne sich des Zusammenhanges mit seinem Volke inne wird, hat Martin Buber in seiner ersten Rede gesagt. „Zionistisches Leben", wie es unsere Generation versteht, ist nicht identisch mit dem Zionismus Theodor Herzls. Die Besinnung auf sein Volkstum wirkt auf das Leben des jungen Juden umgestaltend etwa — sofern, um der Deutlichkeit willen, eine Schematisierung erlaubt ist — in drei Richtungen. Erstens: die Wahrheit, die uns offenbar wurde und die uns aus der Unsicherheit und Zwecklosigkeit unseres Daseins eine Aufgabe hebt, erfüllt uns zunächst mit einem Gefühl der Befreiung, einem Rausche vergleichbar, mit einem Glücksgefühl hohen Sinnes, wie die Sicherheit erreichten Landes dem verschlagenen Meerfahrer. Jeder, der dies wahrhaft mitgegemacht hat, erlebt die Zeit, wo er sein neues Glück in alle Winde hinausschreien möchte, wie Herzl in dem jauchzenden Satz: „Wir sind ein Volk, ein Volk." Er erfährt die Freude des Bekennens, die ihn stark macht. Dieses Bekennen der neugefundenen Zusammengehörigkeit ist eine Rückkehr zum *) Mitgeteilt von G. Cohen in der Zeitschrift „Ost und West“ 1904. **) Reden und Gleichnisse des Tschuang-Tse, Auswahl von Martin Buber, Leipzig 1911. DIENTE LT