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Die Welt · 1913-08-01 · 31 (1.8.1913) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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992 Nr. 31 ---------------------- DIEH^KELT THEODOR HERZL UND WIR Von Robert Weltsch »Ein Volk, vo Geist und Größe keinen Geist und keine Größe mehr erzeugt, hat nichts mehr gemein mit andern, die noch Menschen sind, hat keine Rechte mehr, und es ist ein leeres Possenspiel, ein Aberglauben, wenn man solche willenlose Leichname noch ehren will, a s wäre em Römer herz in ihnen. Weg mit ihnen! Er darf nicht stehen, wo er steht, der dürre, faule Baum, er stiehlt ja Licht und Luft dem jungen Leben, das für eine neue Welt heranreift.“ Hölderlin. Der nachstehende Artikel, der in dem vom Verein jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Prag herausgegebenen, -Ende August im Verlag Kurt Wolff in Leipzig erscheinenden jüdischen Sammelbuch enthalten sein wird, wurde der „Welt“ zum Vorabdruck zur Verfügung gestellt. Er soll zeigen, wie eine junge Generation von Zionisten zu Herzls Persönlichkeit steht und so gegenüber der Auffassung von Dr. Otto A b e 1 e s in der vorigen Nummer der „Welt" zwar nicht direkt polemisch, darum aber nicht minder nachdrücklich Stellung nehmen. Es sei bei dieser Gelegenheit jetzt schon auf das erwähnte Buch hingewiesen, das es unternimmt, die im Judentum unserer Tage gärenden Strömungen, die eine Aktivierung und Freimachung der jüdischen Kräfte als tiefes Bedürfnis empfinden und realisieren wollen, zu vereinigen und der jüdischen Lebensstimmung einen Ausdruck zu schaffen. Es sind in diesem Buche Männer vertreten, die noch nie oder nicht in so entschiedener Weise in der jüdischen Frage das Wort ergriffen haben. Das Buch will mehr sein als ein Dokument unserer Zeit und hat keinen literarischen Charakter; es ist ein Zeugnis einer gewaltigen Erschütterung, die sich zur befreienden Tat durchringt. I. Gustav Landauer spricht in seiner Darstellung der Revolution davon, daß in der Aufeinanderfolge von Beziehungen menschlichen Mitlebens, das wir Entwicklung oder gar Fortschritt der Menschheit zu nennen gewohnt sind, stets ein Zustand relativer Stabilität aller Erscheinungsformen des Mitlebens abgelöst wird durch eine Krise, in der das revolutionierende Prinzip, der Geist, die Schranken der autoritativen Festsetzungen durchbricht, die Formen sprengt, die Ruhe in Bewegung wandelt. Dieser bewegende Geist wird erzeugt durch die Utopie. „Die Utopie gehört von Haus aus nicht dem Bereiche des Mitlebens, sondern des Individuallebens an. Unter Utopie verstehen wir ein Gemenge individueller Bestrebungen und Willenstendenzen, die immer heterogen und einzeln vorhanden sind, aber in einem Moment der Krise sich durch die Form des begeisterten Rausches zu einer Gesamtheit und zu einer Mitlebensform vereinigen und organisieren: zu der Tendenz nämlich, eine tadellos funktionierende Topie zu gestalten, die keinerlei Schädlichkeiten und Ungerechtigkeiten mehr in sich schließt.“ Utopisten sind Menschen, welche in Fesseln nicht leben können. Wenn eine vom Geiste geschaffene Welt lebendiger, sinnvoller Beziehungen durch den Lauf der Zeit und den Wechsel der Geschlechter zur Erstarrung toter und sinnloser Formen geführt hat, die von den Menschen nicht gelebt und nicht verstanden, nur ihnen überkommen sind, — erhebt der Utopist, sich abwendend von dem Leben der Lüge und geistlosen Geschäftigkeit, die vollkommene Welt, deren Bild er geschaut hat, zu seinem Ziele. Er glaubt daran, dag sie erstehen wird, erstehen durch sein Werk; er will Schöpfer sein, Schöpfer in seinem Ebenbild, Verwirklich er seiner Idee. So erstrebt er das schlechthin Unmögliche; seinem Bewußtsein ist es möglich, und die verständigen Menschen seiner Umwelt mit ihren berechtigten Zweifeln sind ihm ebenso unbegreiflich, wie er ihnen. Der gemeine Mann nennt diese Menschen auch Träumer oder Idealisten. Und die Erfahrung zeigt, daß der Utopist sein Ziel, das Unerreichbare, nicht erreicht; wohl aber wird durch sein Wirken, das zunächst das Ungewöhnliche unternimmt, etwas erreicht. Wüßte er, daß sein Ziel unmöglich ist, es lohnte ihm nicht, die Hand anzulegen. Er weiß, daß es unendlich fern von seiner Gegenwart liegt; und da er es zu ergreifen ausgeht, ist das höchste Maß von Stoßkraft nötig. Dieser höchsten Stoßkraft bedarf es aber, um auch nur die nächsten Mauern zu brechen. Die Masse, die über den Utopisten lächelt, ist die auf das Geschäft der materiellen Selbsterhaltung ganz und ausschließlich bedachte. Von dem Geist hat sie kein Wissen; ihr Leben ist in ein von der Kraft der Ströme früherer Zeiten gegrabenes Bett gebettet, und sie wird jeder Anfechtung erbitterten Widerstand leisten. Daß die Gewohnheit des Menschen Amme ist, mag für den Menschen dieses Zeitalters seine ausschließliche Richtigkeit haben. Sei auch sein ganzes Leben eine Löge, so ist es doch seine Lebenslüge. Wer jenseits dieser Lüge die Wahrheit schaut und, diese aussprechend, jener Bestand erschüttert, ist ein Revolutionär. Der Revolutionär meint zunächst, daß die von seinem Geist gefundene Wahrheit, da sie doch Wahrheit ist, anerkannt werden wird. Wenn er daran geht, sie zu verkünden, stößt er auf den großen Widerstand; da muß er zum Kämpfer werden. Die Wut der aus ihrer Ruhe, ihrem Schlaf, den sie Glück nennen, aufgescheuchten Menschen kehrt sich gegen ihn. Er wird verfolgt, ergriffen, gerichtet; wie Arnos von Tekoa, wie Sokrates und Savonarola. Das jüdische Volk mußte nach der Vernichtung seiner politischen Selbständigkeit und der Vertreibung von seinem Territorium in hartem Kampf um seine Erhaltung ringen; es umschloß sich mit dem undurchdringbaren Panzer des Gottesgesetzes; das Leben wurde in allen Einzelheiten genau geregelt und die kommenden Geschlechter auf diese Regeln verbunden. Als der Fruchtboden des geistigen Seins des Judentums verdorrte, wurden aus den lebendigen Werten Traditionswerte, die von der Macht der Trägheit geschützt wurden. Als zu Ende des 18. Jahrhunderts die Wogen des Befreiungskampfes der geknechteten Menschheit hoch gingen, erwachten auch im jüdischen Ghetto Menschen, die, von der Bewegtheit der Zeit ergriffen, ihr Volk aus den Banden erlösen wollten. Der Verkümmerung und Ernüchterung wollten sie wehren; was sie erstrebten, war durchaus eine Neubefruchtung der jüdischen Welt, und die Pioniere dieses Gedankens waren entfernt davon, eine Auflösung des Judentums zu wollen, die sich später allerdings als Folge ihrer Bestrebungen einstellte. Dazu kommt, daß damals ein neues Empfinden für menschliche und bürgerliche Ehre erwacht war; auch jene Juden, die mit einem fast unbegreiflichen Idealismus für das papierene Ideal der Gleichberechtigung kämpften, woll- . ten ihr Volk aus seiner ehrlosen Stellung befreien. Wenn wir diesen Männern Gerechtigkeit widerfahren lassen, müssen wir sie nach ihrem Idealismus und nicht nach ihrem Ideal beurteilen. Sie waren es, die die Fesseln gebrochen haben, die das Judentum umfangen hatten. Nachdem die Emanzipation durchgesetzt war, gewöhnten sich die Juden schnell an die neuen Verhältnisse. Sie nahmen deutsche Bildung an, besuchten deutsche Schulen; sie fanden sich in den neuen Wirtschaftskreis und suchten nach Geltung. Als Gradmesser des Wertes erschien die Anerkennung, und jeder wollte „es zu etwas bringen". Wie jene Aera, die wir Liberalismus nennen und die eine sehr verschlechterte Wiederholung der Aufklärung des 18. Jahrhunderts war, das materialistische Ideal alleinherrschend machte, so wirkte sie besonders auf den Juden, der, zum ersten Male ganz entwurzelt, diese Entwicklung mitmachen durfte. Im deutschen Volke konnte diese Zeit den „Bildungsphilister" erzeugen, den Nietzsche bekämpft hat. Der jüdische Bildungsphilister bekommt seine eigene Note dadurch, daß er außer auf die Macht seines Verstandes und die Errungenschaften seines Zeitalters noch auf

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